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Ulrich Reineking ist im Alter von 60 Jahren völlig überraschend gestorben / Journalist, Kabarettist, Autor und begnadeter Entertainer

Er war ein liebenswerter Kollege und bei den Lesern eine Institution

Ulrich Reineking ist tot. Die Nachricht traf am Sonntagmorgen seine Familie, seine Freunde und die Redaktion völlig überraschend. Am Montag vergangener Woche hat er noch mit gewohnt überschäumendem Temperament auf dem „Blauen Sofa“ in der Volkshochschule gemeinsam mit seinem Gitarristen und Freund Volker Buck die Kabarettsaison eröffnet.

veröffentlicht am 04.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 23:41 Uhr

Ulrich
Reineking †

Am Sonntag wollte er wie gewohnt, kurz vor Mittag in die Redaktion, nach dem Gottesdienst in der Jakobikirche, sein „Frühstücksei“ schreiben, was er nicht einmal versäumt hat, wenn er eigentlich wegen Grippe das Bett hätte hüten müssen. Dann noch den „Blauen Montag“ – beides humorvoll lebendige, feuilletonistische Betrachtungen, die die Leser mit seinem Namen verbinden.

Jetzt ist sein Stuhl vor dem Computer leer und auch wir, die Arbeitskollegen, sind fassungslos. Ulrich Reineking ist 60 Jahre alt geworden.

Reineking war Journalist und Kabarettist mit Leib und Seele. Er hat beide Berufe nicht einfach nur ausgeübt, sondern gelebt – was einen gewaltigen Unterschied macht.

Reineking fand sich mühelos in den verrücktesten Situationen zurecht, die dieser Beruf zu bieten hat, und konnte mit Menschen reden wie kein zweiter. Die haben ihm ihre Sorgen und Nöte offenbart – weit über das Maß hinaus, das ein Journalist erwarten würde. Dazu schwang, egal über welches Thema er redete und schrieb, ein Erfahrungs- und Wissensschatz mit, der oft staunend machte.

So verschlungen sein beruflicher Werdegang war – geboren in Möllenbeck, Abitur in Rinteln, Studium der Theologie, Psychologie und Philosophie in Braunschweig und Berlin, dann freier Journalist, Werbetexter und Autor, bis er in Bremen für Radio Bremen und die Tageszeitung taz arbeitete – eine Linie hat Reineking nie verlassen: die des kritischen wie mitfühlenden Beobachters des manchmal absurden Lebens und Treibens auf dieser Welt. Reineking heiratete, und bald kam seine erste Tochter Ulrike zur Welt. Am 1. März 1995 holte ihn sein Bruder dann zur Schaumburger Zeitung, und Ulrich Reineking hat von der ersten Stunde an mit seiner besonderen Schreibe, seinem unverwechselbaren Stil die Sympathien von Lesern wie Kollegen erobert. In seinen besten Texten konnte ihm niemand in der Redaktion das Wasser reichen. Und wie kein anderer schaute er dem Volk aufs Maul. Das „Lesertelefon“ – das war Ulrich Reineking. Das erlebten Kollegen, wenn Reineking in Urlaub war und enttäuschte Menschen am Telefon hartnäckig darauf bestanden, Reineking sprechen zu wollen und bitte sonst niemand anders.

Bremen, der Stadt, in der seine zweite Tochter Lotta und sein Sohn Linus geboren worden sind, ist er treu geblieben: Als Querdenker „urdrü“ sorgte er jedes Wochenende mit seiner taz-Kolumne für Heiterkeit und oft genug für flammende Proteste von lokalen Politikern, die sich auf den Arm genommen fühlten.

Hier hat er das Kabarett „Galerie des Westens“ aufgebaut, hier hatte er prominente Freunde aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten – typisch für Reineking – Theaterregisseure, Opernsänger, Politiker, Catcher, Journalisten, Schriftsteller, Musiker. Wen Ulrich in sein Herz geschlossen hatte, konnte sich auf ihn hundertprozentig verlassen. Auch in Rinteln ist Ulrich Reineking zu einer Institution im öffentlichen Leben geworden – begehrt als Redner an festlichen Abenden, als Entertainer bei Veranstaltungen, wobei er manchmal Mühe hatte, sich der vielen Angebote zu erwehren – hatte er „nebenbei“ doch noch den Fulltime-Job eines Redakteurs.

Ulrich Reineking hat ein pralles Leben gelebt mit allen Höhen und Tiefen, ein Leben, das Stoff für einen spannenden Roman bieten würde. Und wenn es den Himmel gibt, an den er fest geglaubt hat – im Gegensatz zu dem Atheisten ihm am Schreibtisch gegenüber – dann wird ihm da oben der Stoff für Geschichten nicht ausgehen.

Wir trauern um einen liebenswerten Kollegen. wm




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