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Prominenter Ex-Kommunist lebte und arbeitete einige Jahre in Bückeburg

Ernst Torgler - "Für die Bückeburger Amtsgeschäfte überqualifiziert"

Bückeburg (rc). Sein Name hat durch den Reichstagsbrand und die anschließende Selbstbezichtigung, den Brand gelegt zu haben, traurige Berühmtheit erlangt: Ernst Torgler. Der Vorsitzende der KDP-Reichstagsfraktion begab sich damit in die Hand der Hitler-Regierung, wurde im anschließenden Prozess freigesprochen, kam in Schutzhaft, lebte unter einem Pseudonym weiter, bekam eine Anstellung in Goebbels Propagandaministerium und arbeitete später in der Tschechoslowakei und Polen. Natürlich hatte ihn die KPD bereits 1933 aus der Partei ausgeschlossen.

veröffentlicht am 09.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

Nur den allerwenigsten Bückeburgern ist bekannt, dass ein Mann mit dieser Vergangenheit seine Spuren in der beschaulichen ehemaligen Residenzstadt hinterlassen hat. Denn kurz vor Kriegsende war im Februar 1945 die Haupttreuhandstelle Ost von Berlin auf das Bückeburger Schloss verlegt worden. Und damit kam auch Torgler nach Bückeburg - und blieb über das Kriegsende hinaus bis zum 31. Dezember 1948 in Bückeburg, wo er für die Stadtverwaltung arbeitete. Das Leben Torglers samt der Bückeburger Episode wird in einem neu erschienenen Buch mit dem Titel "Ernst Torgler - Ein Leben im Schatten des Reichstagsbrandes" beleuchtet, erschienen im Berliner "Trafo"-Verlag. Die beiden Autoren Norbert Podewin und Lutz Heuer gehen - natürlich - ausführlich den Geschehnissen rund um den Reichstagsbrand nach, die sie als Protest gegen die Unterstellung der "kommunistischen Brandstiftung" bezeichnen. Zehn Seiten widmen sie aber auch dem Leben Torglers in Bückeburg, der von hier aus um die Wiederaufnahme in die KPD kämpfte und unter anderem mehrere Briefe an die damalige KP-Führung um Wilhelm Pieck schrieb, der später Staatspräsident der DDR werden sollte. Torglers Versuche, auch unter Einschaltung Bückeburger und hannoverscher Genossen, blieben erfolglos. "Das ZK sieht keinen Grund, diese zurückzunehmen", lautete die einzige Antwort. Schließlich wurde Torgler SPD-Mitglied. In Bückeburg arbeitete Torgler, "eine prominente Novität im ländlichen Bückeburg", in der Stadtverwaltung und war für die Rückführung von Evakuierten, für Zuzugsgenehmigungen und dann als Leiter der Markenrücklaufstelle in leitenden Positionen verantwortlich. Was ihn nicht hinderte, auch Vorsitzender des Betriebsrates der Stadtverwaltung zu werden. "Für die Bückeburger Amtsgeschäfte überqualifiziert", lautete später eine Beurteilung in einem Arbeitszeugnis, das ihm der damalige Stadtdirektor ausstellte, als er zum 1. Januar 1949 nach Hannover wechselte, wo er 1963 starb. Denn zwischenzeitlich war durch Anschuldigungen, erhoben in einem Zeitungsartikel, den Bückeburgern bekannt geworden, mit welchem prominenten Zeitgenossen sie es hier zu tun hatten. Torgler "bot der Öffentlichkeit das zwiespältige Bild eines von der Führung verdammten Ex-Kommunisten mit tragischer persönlicher Aura". Weitere Erwähnungen, etwa im Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen, wo sein Name ebenfalls auftauchte, hoben "ihn noch weiter ab von der seit Generationen weitgehend unveränderten Hierarchie der behäbigen Stadtidylle". Die erhobenen Vorwürfe konnte Torgler zwar gegenüber der Stadtverwaltung ausräumen. "Zurück blieb jedoch ganz offenbar eine Trübungdes Arbeitsklimas, die sich in den engen Grenzen der kleinen Stadt auch auf die Familie auswirkte, die von vielen bislang ahnungslosen Einwohnern nun mit entfachter Neugier beobachtet wurde". Beginn einer persönlichen Krise, die im Wegzug Torglers endete. Norbert Podewin, Lutz Heuer: "Ernst Torgler - Ein Leben im Schatten des Reichstagsbrandes", Trafo-Verlag Berlin, ISBN: 3-89626-545-8.




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