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100 Tage Präsident des schaumburg-lippischen Landeskirchenamtes: Interview mit Sebastian H. Geisler

"Es ist eine gewisse Ordnung eingezogen"

Bückeburg. Seit genau hundert Tagen sitzt er auf dem zuvor lange verwaisten Präsidentensessel im schaumburg-lippischen Landeskirchenamt - der 34-jährige Jurist Sebastian H. Geisler. Der im sächsischen Freiberg aufgewachsene verheiratete Vater zweier Kinder ist mittlerweile dabei, Bückeburger zu werden. Im Interview äußert er sich unter anderem zum Arbeitsverhältnis mit dem Landesbischof, zur Eigenständigkeit der kleinen Landeskirche und deren internen Mechanismen der Konfliktregelung, zum Stellenplan in der Kirchenverwaltung sowie zu kirchlichen Kindergärten.

veröffentlicht am 29.07.2008 um 00:00 Uhr

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Herr Geisler, wie weit haben Sie sich in Bückeburg schon eingelebt? Wir sind hier ausgesprochen freundlich aufgenommen worden. Unserem zweieinhalbjährigen Sohn kommt der Name "Bückeburg" mittlerweile fließender von den Lippen als der unseres bisherigen Wohnortes "Frankfurt". Ich habe sehr viel Zeit beruflich investiert, um mich im Landeskirchenamt schnell einzuarbeiten. Also blieb bisher noch nicht so viel Zeit, persönliche Kontakte zu knüpfen. Vorläufig stehen Alltagsfragen im Zentrum wie: Wo ist ein guter Malerbetrieb oder Kinderarzt? Übrigens schwärmen wir regelrecht von der hiesigen Vielfalt an ausgezeichneten inhabergeführten Bäckereien - einen solchen "Luxus" kannten wir bislang nur aus dem sächsischen Erzgebirge. Bis zum Frühjahr haben Sie als Rechtsanwalt gearbeitet. Ist der Wechsel an die Spitze einer Kirchenverwaltung eine erhebliche Umgewöhnung? Auf dem Verwaltungssektor konnte ich zuvor in einer Universität und in einem Ministerium Erfahrungen sammeln. Mein Schwerpunkt als Jurist war von jeher das Verwaltungsrecht. Und durch meine vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten, etwa als Mitglied in der Präsidialversammlung des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Justiziar im geschäftsführenden Vorstand des Gustav-Adolf-Werkes - das Diasporawerk der EKD - bin ich mit kirchlichen Strukturen gut vertraut und habe seit langem Verbindung zu kirchenleitenden Personen. Aber Sie haben Recht: Trotzdem ist es etwas Neues und Herausforderndes für mich, nun in alltäglicher Praxis eine Kirchenverwaltung zuleiten. Ich habe deshalb gleich zu Beginn ein Netzwerk mit sehr erfahrenen Kirchenjuristen aufgebaut und ziehe zudem einen externen Berater als Supervisor zu Rate. Landesbischof Jürgen Johannesdotter hat vor der Synode von der Zusammenarbeit mit Ihnen geradezu geschwärmt. Erleben Sie das ähnlich? Ja, das erlebe ichähnlich. Ich empfinde es als sehr hilfreich, dass der Landesbischof mich wirklich in das Amt hineinkommen lässt. Die Kirchenverfassung hat die Funktion des Präsidenten mit einer starken Stellung ausgestattet. Das ist dann im Blick auf die Führungsspitzen in einer solchen Konstellation immer eine wichtige Frage: Lässt derjenige, der schon lange im Amt ist, den Neuen wirklich hinein? Da erlebe ich Landesbischof Johannesdotter als sehr fair. Er öffnet mir Räume, die ich gestalten kann. Wir erleben beide, dass wir jeweils von den Stärken des Anderen profitieren. Bischof Johannesdotter scheidet im Herbst 2009 aus dem Amt. Welches Profil sollte sein(e) Nachfolger(in) haben? Diese Frage beschäftigt derzeit den Bischofswahlausschuss der Synode. Da fließen verschiedene Aspekte ein. Meine Sichtweise ist nur einer davon. Bitte verstehen Sie, dass ich weder den Gesprächen im Bischofswahlausschuss vorgreifen noch durch eine Einzelaussage eine öffentliche Debatte über das Profil des zukünftigen Bischofs anstoßen möchte. Was ich aber schon jetzt sagen kann: Auch der neue Bischof muss in der Lage sein, die lutherische Prägung der Landeskirche aufzunehmen und theologisch sprachfähig sein. Und mit einem Augenzwinkern füge ich hinzu: Der neue Bischof muss gut mit dem Kirchenamtspräsidenten auskommen können. Ich bin sicher, dass das auch jeder Bischofskandidat so sehen würde. Das Jahr 2007 war für die Landeskirche unbestritten - auch überregional so wahrgenommen - ein heftiges Krisenjahr. Mussten Sie beim Amtsantritt erst einmal heilen, trösten, aufräumen? Allein durch die Besetzung des 18 Monate vakant gewesenen Präsidentenamtes ist Vieles geglättet worden - es ist eine gewisse Ordnung eingezogen. Das hat gar nicht unmittelbar etwas mit dem Namen Geisler zu tun. Zum Beispiel muss der Landesbischof jetzt längst nicht mehr so viel verwalten. Sicher ist es auch ein Pluspunkt, dass da ein junger Präsident von außen gekommen ist. Der kann effektiv in Probleme eingreifen und vermitteln, weil er in die jeweiligen Vorgeschichten nicht verwickelt war. Im Übrigen: Konflikte sind ja nichts Schlimmes. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht. Ein Hauptkonflikt des Jahres 2007 endete mit dem Ausscheiden von Oberkirchenrat Werner Führer aus dem Landeskirchenamt. Halten Sie die Stelle eines Theologischen Abteilungsleiters künftig noch für nötig? Die Kirchenverfassung schreibt zwar die Stelle eines Oberkirchenrates vor, aber nicht, dass das ein Theologe sein muss. Als Landeskirche müssen wir nach außen theologisch sprachfähig sein. Das hat zunächst der Landesbischof zu leisten. Mir leuchtet aber ein, dass dieser im Amt eine theologisch qualifizierte Person an seiner Seite haben sollte. Dies kann vielleicht sogar besser durch eine Referentenstelle ausreichend und sinnvoll gewährleistet werden. Aus meiner Sicht wäre es zumindest überlegenswert, die Stelle des Oberkirchenrates eher auf der Verwaltungsschiene zu besetzen. Wir durchlaufen als Kirche einen Prozess der Umstrukturierung. In vielen Bereichen gilt es, intelligente rechtliche und wirtschaftliche Lösungen zu finden. Zudem ist es gerade für uns als kleine Landeskirche besonders wichtig, gut vernetzt zu sein. So liegen beim Präsidenten viele zusätzliche Aufgaben in der Außenvertretung. Da könnte es gerade für die kommende Zeit geschickt sein, im Amt eine weitere leitende Person zu haben, die intern Abläufe und Umstrukturierungen managt. Womit haben Sie sich in Ihren ersten hundert Amtstagen besonders intensiv beschäftigt? Mir kam es darauf an, zuzuhören, Begegnungen zu haben, die Landeskirche kennenzulernen. Es wäre verfehlt, gleich neue "Baustellen" aufzumachen. Dabei habe ich als junger Mann schon den Impuls, zügig und entschlossen Projekte anzupacken. Insofern muss ich mich an dieser Stelle etwas disziplinieren, um nicht zu schnell vorzupreschen. Eines allerdings habe ich im Landeskirchenamt umgehend eingeleitet: die Umstellung auf eine zentrale Servertechnologie. Sie sind bisher ehrenamtlich in relativ großen Landeskirchen tätig gewesen. Wie erleben Sie Schaumburg-Lippe als zweitkleinste Landeskirche? Die sehr enge Anbindung der Kirchenleitung an die Gemeinden vor Ort empfinde ich als bereichernd. Das ist eine ganz große Stärke. Aber einen anderen Aspekt dieser kleinen Struktur erlebe ich als eher beschwerlich. Oft gehen Sachfragen und die persönliche Ebene durcheinander, besonders in Konfliktfällen. Ich spüre, dass im Grunde jeder darum weiß. Aber es gibt eine gewisse Zurückhaltung, damit bewusst umzugehen. In Kreisen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) flammt immer mal wieder die Debatte auf, ob eine solch kleine Landeskirche dauerhaftüberlebensfähig ist. Da erlebe ich das Schielen auf große Zahlen als deutschen Provinzialismus. Denn der weltweite Blick lehrt doch, dass es auf verschiedenen Kontinenten deutlich kleinere lutherische Kirchen gibt. Die Evangelisch-lutherische Kirche am La Plata in Argentinien etwa hat 25 000 Mitglieder oder die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien hat lediglich 14 000 Mitglieder. Insofern bin ichüberzeugt, dass Schaumburg-Lippe für die EKD unter anderem auch in dieser Hinsicht einen besonderen Wert hat. Die EKD kann so im globalen Dialog sagen: Seht her, auch wir haben Erfahrungen mit kleinen Landeskirchen, bei denen es gut läuft. Da viele von uns gerade in Urlaubsstimmung sind, lassen Sie mich den Wert kleiner Einheiten in ein Bild kleiden: Mit einem Tanker können Sie nicht in jede schöne, enge Bucht hineinsteuern und dort etwas entdecken oder erleben - mit einem kleinen Sportboot aber schon. Was ist zu tun, um die Eigenständigkeit zu sichern? Erstens: Wir müssen inhaltlich in den kirchlichen und gesellschaftlichen Debatten substanziell etwas zu sagen haben. Und Zweitens müssen wir unsere Finanzen in Ordnung halten. Solange wir - wie jetzt - noch Geld für bedürftige Kirchen einzahlen und nicht Empfänger von Hilfszahlungen anderer Kirchen sind, wird unsere Selbstständigkeit nicht infrage stehen. Aber auch in Schaumburg-Lippe werden der demografische Wandel und die damit sinkende Zahl von Kirchensteuerzahlern nicht folgenlos bleiben. Sie haben Recht, nicht Austritte, sondern demografische Entwicklungen sind unser Problem. Ich bin sicher, dass wir die Zahl der Pfarrstellen mittelfristig reduzieren müssen. Weil wir derzeit noch eine außergewöhnlich dichte Versorgung haben, wird es uns gelingen, die Zahl zu verringern und gleichzeitig eine gut akzeptable Ortsnähe von Pastoren zu erhalten. Und es wird wichtig für uns sein, das ohnehin schon sehr starke ehrenamtliche Engagement noch weiter zu kräftigen, noch mehr Menschen einzubinden. Nebenbei: Mir ist nicht Bange um die Zukunft der Kirche trotz schmaler werdender finanzieller Ressourcen. Ich bin in der kirchlichen Jugendarbeit in Sachsen zu Zeiten der DDR aufgewachsen und habe erfahren dürfen, dass Kirche selbst unter solchen Umständen leben kann. Uns als Kirche bleibt es unbenommen, unter allen Umständen die Botschaft von Jesus Christus zu bezeugen. Haben Sie hier schon viele Kirchengemeinden besuchen können? Noch nicht alle, aber ich habe eine intensive Tour unternommen. Ich bin besonders beeindruckt von dem vielfältigen ehrenamtlichen Engagement. Gerade deswegen fällt mir auf, dass die Kirchenvorstände nahezu ausschließlich von hauptamtlichen Pastoren geleitet werden ... Wo sehen Sie besondere Aufgabenschwerpunkte für die kommenden Jahre? Ich erwähne drei ganz praktische Aufgaben. So müssen wir erstens die Altersstruktur der Pastoren und der Mitarbeiter in unserem Landesjugendpfarramt in den Blick nehmen. Da sind wir nicht optimal aufgestellt. Nahezu alle Pastoren sind deutlich älter als 40 Jahre alt, viele verantwortliche Mitarbeiter für die Jugendarbeit sind jenseits der 50 - und es folgen keine jüngeren Kollegen nach. Da müssen wir uns dringend Gedanken machen. Zum zweiten sehe ich den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit als große Herausforderung an, die uns von der gesellschaftlichen Realität gestellt wird. Da leisten wir- gerade im Kindergartenbereich - sehr viel. Ich wünschte mir, das würde angemessener wahrgenommen werden, gerade wenn es um die Finanzen geht. So standen bei Beratungen in den Kommunalparlamenten in den vergangenen Jahren allein die Kürzungen, die auch wir als Kirchen vornehmen mussten, im Vordergrund. Dass die Kirchen dagegen schon seit Jahrzehnten und auch in schwierigen Zeiten verlässlich Gelder für die Kinderbetreuung bereitstellen, geriet aus dem Blickfeld. Zugleich denke ich, wir können unsere Angebotsstruktur noch zeitgemäßer umgestalten. Nur ein Beispiel: Sollten wir nicht kirchliche Horte anbieten für Kinder ab sieben Jahre, damit für Elternteile die Verbindung von Familie und Beruf einfacher wird? Oder uns stärker im Bereich der Kleinstkinderbetreuung engagieren? Ein dritter Punkt: Wir müssen unsere Landeskirche wieder vollgültig in das Konzert der EKD-Kirchen einführen. Man muss einräumen, dass dies trotz des enormen persönlichen Einsatzes von Landesbischof Johannesdotter durch die sehr schmale personelle Besetzung der Kirchenleitung in der jüngeren Vergangenheit nicht ausreichend der Fall sein konnte. Im Klartext: Da kam Schaumburg-Lippe in etlichen Bereichen nicht wirklich vor. Da müssen wir wieder präsenter werden.




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