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Autos geklaut / Jugendamt soll helfen

Ex-Häftling (19) ohne Wohnsitz und Kontakt

Stadthagen (menz). Etwas ratlos standen die Richter des Jugendschöffengerichts vor der Frage, was mit einem jungen Angeklagten geschehen soll. Während der Sachverhalt des Falles zügig und problemlos aufgeklärt werden konnte, bereitete die persönliche Lage des 19-Jährigen erhebliches Kopfzerbrechen - eine Situation beklemmender Beziehungslosigkeit.

veröffentlicht am 04.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

Die Vorwürfe aus der Anklageschrift hatte der junge Mann vorbehaltlos gestanden. Er war an zwei Nächten hintereinander in jeweils dieselbe Autowerksatt in Stadthagen eingebrochen, hatte Autoschlüssel entwendet und war mit den dazu gehörenden Autos davongefahren. Er hatte sich ein Kennzeichen beschafft,um sein Abenteuer zu tarnen, und einen Führerschein hatte er auch nicht. Die Idee war dem jungen Mann spontan gekommen, bei einem nächtlichen Spaziergang. Im Endeffekt endete die Fahrt für den 19-Jährigen in Untersuchungshaft. Im Strafverfahren vor dem Jugendschöffengericht wurde er jetzt zu vier Wochen Dauerarrest verurteilt, die mit der U-Haft bereits abgebüßt sind. So planlos und wirr die strafbaren Aktionen des Heranwachsenden anmuten, sie sind symptomatisch für dessen Lebensituation. Sie ist miserabel und rührt aus einem mehr als desolaten Lebensweg her. Er wuchs orientierungslos heran, erfuhr keinen familiären Halt, auch diverse Heimaufenthalte konnten den Jungen nicht stabilisieren. Inzwischen hat er ein kleines Vorstrafenregister, Diebstähle, Hausfriedensbruch, nichts Dickes. "Er hat eine schwere Zeit hinter sich, die ganze Zeit", bilanzierte die Sozialarbeiterin des Jugendamtes. Als Problem, das gegenwärtig auf den Nägeln brennt, nannte sie: "Er hat zurzeit keinen Ansprechpartner." Das war wörtlich zu nehmen, denn der Junge steht tatsächlich allein in der Welt; die Mutter lehnt den Kontakt ab, zum Vater besteht kaum eine Bindung. Auch andere mögliche Bezugspersonen, die Halt geben könnten, gibt es nicht. In der Gerichtsverhandlung wurde deutlich, dass der 19-Jährige gar nicht weiß, wo er hin soll, wenn er nicht wieder in Haft müsste. Schon bevor er im geklauten Auto geschnappt wurde und in Untersuchungshaft musste, war er ohne festen Wohnsitz und wusste nicht, wie es mit ihm weitergehen sollte. Dieselbe Frage drängte sich bei Gericht auf, zumal da eine Haftstrafe mit gleich anschließendem Gefängnisaufenthalt kaum zur Debatte stand. Aber den jungen Mann einfach auf die Straße zu entlassen und sich selber zu überlassen, das war für das Gericht auch keine befriedigende Lösung. Das wäre "ganz unglücklich", sagte die Vorsitzende Richterin Gudrun van Lessen und versuchte, das Jugendamt einzubinden. Dem Amt wurde aufgetragen, den jungen Mann zu unterstützen und ihm einen Betreuer zur Seite zu stellen. "Lange sind Sie haltlos hin und hergeschwankt", "ohne Tagesstruktur" - jetzt müsse er sich an"Regelmäßigkeit" gewöhnen, gab ihm die Richterin mit auf den Weg. Sie unterstrich: "Das ist Ihre letzte Chance zur Unterstützung." Der 19-Jährige hat gerade vier Wochen Gefängnis hinter sich, keine schöne Erfahrung, wie er beschrieb, aber vielleicht entscheidend dafür, dass er jetzt Hilfe annehmen kann. In seinem Schlusswort hat er es jedenfalls versprochen: "Ich werde mich bemühen - sehr sogar."




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