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„Kiffen ist besser, als sich die Arme aufzuschneiden“

Exklusiv: Rintelner Drogenkonsumenten erzählen von ihrer Sucht

Vom Drogendealer zu den Drogenkonsumenten: Mit einer kleinen Mini-Serie nähert sich die SZ/LZ der heimischen Suchtmittel-Szene an. Vier Menschen aus Rinteln – die aus ganz unterschiedlichen Gründen zu unterschiedlichen Drogen greifen – haben sich uns anvertraut. Von der berufstätigen Frau mit Kind, über einen Speed-Junkie, eine Borderlinerin, die sich mit Drogen selbst therapiert, bis hin zu einem, der meint, er brauche Drogen „um nicht vollends zu eskalieren“. Unter Wahrung absoluter Anonymität sollen an dieser Stelle jene Menschen zu Wort kommen, über die in der Öffentlichkeit meist nur gesprochen wird – statt mit ihnen.

veröffentlicht am 29.01.2018 um 18:25 Uhr
aktualisiert am 30.01.2018 um 21:20 Uhr

Fast alle Menschen, die mit der SZ/LZ-Redaktion über ihren Drogenkonsum sprachen, kiffen. Viele nehmen aber auch deutlich härtere Drogen. Symbolfoto: dpa
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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Ich bin 28 Jahre alt, Mutter von einem kleinen Sohn, bin verheiratet, wohne in einem Häuschen mit meiner kleinen Familie und habe Ponys, Hund und Häschen. Wir gehen ganz normal arbeiten und leben ein normales Leben.

Und trotzdem rauche ich jeden Abend mein kleines Tütchen und am Wochenende auch schon mal nachmittags. Es chillt mich einfach, sortiert meine Gedanken und lässt mich träumen. Vor allem mit den Tieren hat man dann ein paar wundervolle und spirituelle Momente. Ich kiffe bestimmt schon seit zehn Jahren – meist zu Hause.

Ich rauche mich nie so weg, dass ich handlungsunfähig bin. Sondern einfach nur so, weil ich das Gefühl mag. Auch nicht täglich. Immer je nach Laune.

Mit der Drogenszene an sich habe ich nichts zu tun. Kann dazu also nichts sagen. Wir leben trotzdem ganz normal.

Meinem Sohn würde ich das kiffen erst mit 18 Jahren erlauben. Aber verhindern kann man es nicht. Ich werde ihn damit aufwachsen lassen und ihm alles dazu sagen, was er wissen muss. Er kann dann selbst entscheiden, ob es richtig oder falsch ist. Ich werde es weder verherrlichen noch verteufeln. Für mich ist es eine ganz normale Sache und wenn man ganz bewusst damit umgeht dann kommt man auch im Alltag gut damit klar.

Ich bin 20 Jahre alt und nehme unter anderem Speed, Koks, Keta, Mdma, 2c-b, LSD, Gras und reines „Emma“. Ich konsumiere in der Regel fast jeden Tag, seitdem ich 14 bin. Allerdings mit längeren Pausen. Täglich nehme ich nur Speed. Gras je nach Laune.

Die meisten anderen Drogen sind Aufputschmittel für Festivals, um da so lange wie möglich feiern zu können – und dies das ganze Wochenende ohne zu schlafen. Die bewusstseinserweiternden Drogen nehme ich, um in eine andere Welt zu gelangen. Man ist einfach glücklich und die Farben und Muster sind unbeschreiblich.

Die Gefahr ist natürlich, dass man sehr schnell auf den Dingen hängen bleiben und sogar Psychosen entwickeln kann.

Die Vorteile sehe ich darin, dass man wach und fröhlich ist, man will einfach nur feiern und Spaß haben. Man lernt sehr viele Menschen kennen dadurch und kann Freundschaften entwickeln.

Ich gebe im Monat zwischen 20 und 250 Euro für meine Drogen aus.

Ich muss sagen, ich kenne viele Dealer und Konsumenten in Rinteln. Und ich habe das Gefühl, es werden immer mehr. Bei mir wissen nur sehr wenige nicht, dass ich Drogen konsumiere, weil ich damit offen umgehe um aufzuklären, was die vor und Nachteile sind wie meine Erfahrungen.

Ich bin 18 Jahre alt und kiffe eigentlich regelmäßig. Auf Partys sind auch gerne mal Ecstasy, Alkohol oder Speed dabei.

Wenn ich kiffe, werde ich nicht so nervös, bin eher ruhiger. Ich sage mal so: Meine Gedanken werden leiser. Ich bin Borderlinerin und seitdem ich angefangen habe zu kiffen, habe ich weniger Rückfälle.

Durch die Drogen vergesse ich oft Sachen, die ich machen oder sagen wollte. Ich bin ruhiger und rede nicht nicht so laut.

Im Monat gebe ich so 50 bis 150 Euro für Drogen aus.

Eigentlich wissen viele von meinem Drogenkonsum, wollen es nur nicht wahrhaben. Sie sagen: „Kiffen ist besser als sich den Arm aufzuschneiden und Ähnliches.“

Ich bin 20 Jahre alt und lebe in Rinteln. Ich habe vor etwa fünf Jahren angefangen, Drogen zu nehmen. Als Erstes kam Speed. Mit 16 Jahren habe ich angefangen, gelegentlich zu kiffen und habe in dem Alter auch Ecstasy das erste Mal ausprobiert. Seit zwei Jahren nehme ich fast jedes Wochenende Speed, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Kiffen tue ich auch seit knapp zwei Jahren täglich.

Ecstasy und/oder MDMA konsumiere ich gelegentlich, wenn irgend eine Party oder ein Festival ansteht. Koks kann an einem Wochenende auch mal dazukommen. Mit psychischen Drogen habe ich aber noch keine Erfahrungen. Mir fällt es auch nicht schwer, mal länger eine Pause zu machen. Das finde ich auch wichtig, da ich schon einige gesehen habe, die daran kaputtgegangen sind.

Angefangen habe ich aus Interesse, weil meine Freunde von ihren Erfahrungen erzählt haben. Zudem ist so eine Partynacht oder ein Trip, als würde man von der harten Realität eine kleine Pause machen. Klar kann ein Trip auch das Gegenteil bewirken und einen echt runterziehen.

Negative Auswirkungen merkt man oft nach einem langen Wochenende, wenn man am Runterkommen ist. Auch einige Tage danach ist man oft leicht reizbar oder hat schlechte Laune und lässt die an Freunden aus. Man kapselt sich auch von Freunden und Familie ab.

Auch das tägliche Kiffen zeigt sich. Oft bin ich unmotiviert oder ziehe mich auch mal zurück von allem und jedem.

Viel Geld gebe ich für meinen Konsum eigentlich nicht aus wenn’s hoch kommt vielleicht 50 Euro, da ich einige Freunde habe, die jede Menge davon zu Hause haben.

Stolz bin ich nicht darauf, mit 15 Jahren angefangen zu haben, aber bereuen tu‘ ich auch nichts. Alles hat irgendwo seine Vor- und Nachteile.

Meine Familie weiß nichts von meinem Konsum und ahnt auch nichts.

Was ich erschreckend finde ist, dass die Leute auch aus Rinteln immer früher anfangen, Drogen zu nehmen. Habe schon miterlebt wie 13-Jährige heftiger abgehen als viele erfahrenen Konsumenten.

Ich kann jedem, der es ausprobieren will, nur raten, nicht zu früh damit anzufangen. Wartet lieber ab, bis ihr mindestens volljährig seid, wenn ihr es nicht ganz lassen könnt. Und informiert euch über die Substanzen die ihr nehmen wollt. Und vernachlässigt nicht die Schule, Arbeit oder Familie und Freunde, denn Drogen sind es nicht wert, sein Leben gegen die Wand zu fahren.


HINWEIS: Mehrere Drogenkonsumenten wie auch der Dealer aus der Samstagsausgabe sind bereit, Fragen unserer Leser zu beantworten. Diese können unter sz@szlz.de oder postalisch an die Redaktion eingesandt werden.

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