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SZ: Verunglimpfung der Bevölkerung / Bückeburgs Bürgermeister will Bereinigung im Postkartenwesen

„Fort mit den beleidigenden Trachtenbildern!“

Diese kitschigen und geradezu beleidigenden Trachtenbilder sollten endlich aus den Geschäftsauslagen entfernt werden“, forderte 1939 die in Rinteln erscheinende Schaumburger Zeitung. Noch immer seien in vielen Schaufenstern „die Ansichtskarte mit der nach einem Sturz mit dem Fahrrade ihre Beine zeigenden Bäuerin und andere widerliche Darstellungen von Trachtenträgerinnen“ zu sehen. Die Bilder stellten eine „unerträgliche Verunglimpfung der einheimischen Bevölkerung und der in der Tracht lebenden Volkskunst und Volkskultur dar“.

veröffentlicht am 24.07.2010 um 00:00 Uhr

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Dankenswerterweise habe sich jedoch inzwischen energischer Widerstand gegen derart entartete Darstellungen formiert, so das Blatt weiter. Einer der eifrigsten Vorkämpfer dieser Bewegung sei der Bückeburger Bürgermeister Albert Friehe. Das Stadtoberhaupt der schaumburg-lippischen Landesmetropole habe „alle betreffenden Kreise zu einer Besprechung geladen, um eine Bereinigung im Postkartenwesen herbeizuführen“. Da man das Problem nur überregional lösen könne, seien die Reichskulturkammer und der Reichsfremdenverkehrsverband eingeschaltet worden. Auf der Liste der Bilder, die nach dem Willen aller anständigen Einwohner der hiesigen Region dringend aus dem Verkehr gezogen werden müssten, gehörten unter anderem auch „die Darstellung, auf denen sich Frauen ein rotes Band um das Knie binden“ und andere „obszöne Motive“. Verschwinden müssten „ferner Bilder Schnaps trinkender Bauern und Bäuerinnen“ sowie „filmdivamäßig aufgeputzte Typen“. Derartige Entgleisungen trügen dazu bei, fremden Besuchern „falsche Vorstellungen über Wesen und Charakter der einheimischen Bevölkerung und Volkskultur“ sowie „ein völlig verzerrtes rassisches Erscheinungsbild zu erwecken“.

Der Kampf des ausgewiesenen Rassenideologen Friehe und seiner Gesinnungsgenossen war nicht der erste Versuch, die Ehre der heimischen Nationaltracht und ihrer Trägerinnen und Träger zu retten. „Es ist beleidigend, dass jedes Berliner Frauenzimmer sich im Ramschbasarflitter als Dame bewegen kann, wo sie will, während eine hochachtbare schaumburg-lippische Bäuerin in ihrer stattlich-soliden Nationaltracht als minderwertig angesehen wird“, hatte sich schon im April 1904, also 35 Jahre vor den NS-Sitten und Rassenwächtern, der bekannte Heimatkundler und Schulmeister Wilhelm Wiegmann aus Nienstädt anlässlich eines Festvortrags empört.

Als Beweis brachte Wiegmann „zwei besonders verwerfliche Vorkommnisse“ zu Gehör. So sei es schaumburg-lippischen Frauen und Mädchen trotz „ihres anerkannt hervorragenden Geschmacks und ihrer Eleganz“ nicht erlaubt, den Bad Pyrmonter Kurpark in „Nationaltracht“ zu betreten. „Ich sehe noch den Zornesblitz im Auge eines wohlbekannten und angesehenen schaumburg-lippischen Bauern“, so Wiegmann zu seinen Zuhörern, „als er mir auf meine Frage, wie ihm Pyrmont bekommen sei, erwiderte, dass er nicht wieder hingehe, weil er nicht mit seiner in Tracht gewandeten Frau durch eine Allee hätte gehen dürfen“.

3 Bilder

Einen ähnlich schweren Zwischenfall hatte es laut Wiegmann auch auf dem Bahnhof im preußischen Minden gegeben. Dort sei ein Ehepaar aus Bückeburg, das im Wartesaal 1. und 2. Klasse Platz genommen hatte, in den Warteraum 3. Klasse verwiesen worden, „und zwar wegen der Nationaltracht“. Die Enthüllungen Wiegmanns lösten – über den Kreis seiner Zuhörer hinaus – landauf landab einen Sturm der Entrüstung aus.

Dass Wams (Mieder), Müssen (Haube) und Hanschen (Unterarmbekleidung) damals im Fürstentum ein so hohes Ansehen und den Status einer „Nationaltracht“ genossen, geht auf eine Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Im Gefolge der Reichsgründung hatte es eine – vor allem vom Bildungsbürgertum getragene und von einer Menge Lokal- und Regionalstolz begleitete – Hinwendung zu Heimat und Volkstum gegeben.

Im Mini-Staat Schaumburg-Lippe geriet, mangels anderer vorzeigbarer Errungenschaften, die in manchen bäuerlichen Kreisen getragene und bis dato kaum beachtete ländliche „Spezialkleidung“ in den Blickpunkt. Tracht, Trachtentragen und Trachtenkunde wurden – kräftig gefördert von der Bückeburger Schlossherrschaft – immer mehr als bedeutsamer Bestandteil der eigenen Volkskultur wahrgenommen.

Den ganz großen Durchbruch für die roten Röcke gab es im Oktober 1896 während der Einweihung des Portaner Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Zur folkloristischen Ausgestaltung des Großereignisses kurz hinter der preußischen Landesgrenze hatte der schaumburg-lippische Fürst Georg eine stattliche Schar von Trachtenträgern und -trägerinnen mitgebracht. Wilhelm II. und Gattin Auguste Victoria hätten sich während der Enthüllungszeremonie mehr für die bunt gewandeten Bauernburschen und Mädchen aus Bückeburg, Lindhorst und Frille als für die Kolossalstatue des in Bronze gegossenen Vorgängers interessiert, wurde hinterher mit stolzgeschwellter Brust in der Residenz erzählt.

In der Tat waren die malerisch gekleideten Fürstenkinder noch wochenlang – bis in die Berliner Salons hinein – ein viel beachtetes Thema. Bilder und Postkartendarstellungen erlebten einen Boom. Auf ausdrücklichen Wunsch seiner Majestät kam es zur Einsetzung eines „Trachtenkomitees“. Ziel war die Herausgabe einer Forschungsarbeit über das Trachtenwesen in den als zu einem gemeinsamen Kulturkreis gerechneten Regionen Schaumburg-Lippe, Osnabrück und Westfalen. Als Sachverständige aus Schaumburg-Lippe waren Regierungschef von Feilitzsch, Oberhofmarschall Freiherr von Ulmenstein und Sanitätsrat Dr. Weiß, Vorsitzender des Altertumsvereins, mit von der Partie.

Angesichts so viel öffentlicher Aufmerksamkeit erfuhren Tracht und Trachtentragen einen ungeahnten Popularitätsschub. Schon bald kamen erste Veröffentlichungen zu Ausbreitungsgebiet, örtlichen Besonderheiten und unterschiedlichen Ausstattungsdetails auf den Markt. Die Kleidung wurde in den Rang eines schaumburg-lippischen Staatssymbols erhoben. Ganze Dörfer und reiche Bauern wetteiferten mit immer kostbar-schwelgerischem Zubehör. Selbst Fürstengattin Maria Anna pflegte bei öffentlichen Auftritten mit der Nationaltracht „Staat zu machen“. Eine Missachtung oder gar das Verächtlichmachen kam (und kommt zuweilen bis heute) einem Angriff auf Volksehre und Nationalkultur gleich.

Während der NS-Zeit galten etliche Postkartenmotive als „unerträgliche Verunglimpfung der einheimischen Bevölkerung und der in der Tracht lebenden Volkskunst und Volkskultur“. Vor allem „die Ansichtskarte mit der nach einem Sturz mit dem Fahrrade ihre Beine zeigenden Bäuerin“ und „die Darstellung, auf denen sich Frauen ein rotes Band um das Knie binden“ galten als obszön. Auch „Bilder Schnaps trinkender Bauern und Bäuerinnen“ waren den Sitten- und Rassenwächtern ein Dorn im Auge.

Repros: gp

Während der Kaiserzeit wurde die schaumburg-lippische Tracht in den Rang einer „Nationalkleidung“ erhoben. Selbst Fürstengattin Maria Anna pflegte bei öffentlichen Auftritten damit „Staat zu machen“.




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