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„Frohe Ostern“ – geht das in diesem Jahr?

Es war neulich der Verfassungsrichter Udo di Fabio, der im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen nun bereits Anzeichen einer antikirchlichen Grundstimmung sah. Er sprach in Berlin von einer „kulturkämpferischen Frontstellung“ und warnte vor „abgeschmackter Instrumentalisierung“. Sie könne sich in der Diskussion über Sexualdelikte in kirchlichen oder kirchennahen Einrichtungen ebenso zeigen wie bei der Debatte um die Vorgänge in der Odenwaldschule.

veröffentlicht am 06.04.2010 um 14:15 Uhr
aktualisiert am 20.04.2010 um 10:51 Uhr

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Es war neulich der Verfassungsrichter Udo di Fabio, der im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen nun bereits Anzeichen einer antikirchlichen Grundstimmung sah. Er sprach in Berlin von einer „kulturkämpferischen Frontstellung“ und warnte vor „abgeschmackter Instrumentalisierung“. Sie könne sich in der Diskussion über Sexualdelikte in kirchlichen oder kirchennahen Einrichtungen ebenso zeigen wie bei der Debatte um die Vorgänge in der Odenwaldschule. Zugleich mahnte di Fabio die Kirche zu einem offenen Umgang mit den Missständen. Gleiches gelte auch für die „seltsame Unfähigkeit“ mancher Kirchenvertreter, glaubhaft und deutlich das Maß an Sünde bis hin zu moralischer Verwahrlosung in ihren Reihen zu benennen. Es stelle sich die Frage, ob die Öffentlichkeit und die Gläubigen nicht „Anspruch auf ein sichtbares Zeichen“ des Mitgefühls mit den Opfern und der sittlichen Erschütterung „einer der ganz großen moralischen Autoritäten“ hätten. Zum Osterfest wird die Kirche in diesem Jahr nicht nur bei den Gläubigen, sondern von allen Menschen im Lande besonders beachtet – sicherlich aus unterschiedlichen Motiven.

„So fröhlich erlöst Halleluja zu singen wie sonst, dass ist an diesem Ostern nicht möglich“, sagt Dechant Stefan Bringer vom Dekanat Bückeburg. „Die Geschehnisse rund um die Missbrauchsfälle, der Blick auf die Opfer, die Erkenntnis über das Ausmaß der Vertuschungen, das ist ein Wermutstropfen selbst für das größte Fest der Christenheit.“ Was allerdings ermutigend sei: Die katholische Kirche habe in den letzten Jahren viel gelernt über den Umgang mit den Regeln, die das gemeinschaftliche Leben betreffen. „Früher galt das Ansehen der Kirche höher als das Leid des Einzelnen. Nichts Unangenehmes sollte nach außen dringen“, so der Dechant. „Inzwischen geht man geradezu rigide vor, sobald Regelverstöße bekannt werden. Die entsprechenden Personen werden ihrer Ämter enthoben und die Presseabteilungen sind angewiesen, mit Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Trotzdem sei in den Gemeinden eine allgemeine Bedrückung deutlich zu spüren. „Wir sind eine Weltkirche“, sagt Bringer. „Auch wenn es bei uns vor Ort seit vielen Jahren keine Fälle von Kindesmissbrauch gegeben hat und niemand hier direkt betroffen ist, sind wir eben doch betroffen.“

Ähnlich sieht es Pfarrer Martin Brezenska, der insgesamt fünf katholische „Gottesdienststationen“ betreut, in Rinteln, Hessisch-Oldendorf, Fischbeck, Hemeringen und Großenwieden. „Wir Mitarbeiter haben viele intensive Gespräche geführt“, sagt er. „Zwar werde ich selten direkt von den Gemeindemitgliedern angesprochen, doch es herrscht ein Gefühl der Beschämung darüber, dass Priester eine derartig schwere Schuld auf sich laden konnten.“ Die Menschen identifizierten sich ja mit der Kirche als Ganzem. „Es wurde deutlich, dass in der Vergangenheit der Ruf der Kirche höher angesiedelt war als die Wiedergutmachung für die Opfer des Missbrauchs.“

Auch Brezenska sieht die katholische Kirche in einem Prozess des Umlernens. Er verweist auf die Ansprechpartner in den einzelnen Gemeinden, bei denen sich Missbrauchsopfer melden können, erwähnt die selbstkritischen Stellungnahmen von Bischof Stephan Ackermann, der als Beauftragter der katholischen Kirche für die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals zuständig ist und die Vertuschungsfälle öffentlich eingestand, und er zitiert die deutlichen Worte von Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, der sagte, dass moralische Schuld niemals verjähre. „Wir können auch eine Stärke aus der Situation beziehen, nämlich deutlich machen, dass nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden soll.“

Superintendent Philipp Meyer vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hameln-Pyrmont sieht die Kirchen als moralische Instanz, an die völlig zu Recht hohe Ansprüche gestellt würden. Das Vertrauen der Menschen dürfe nicht enttäuscht werden. Meyer verweist darauf, dass die überwiegende Zahl von Kindesmissbrauch im familiären Umfeld geschehe. Und: „Wo Menschen Machtpositionen ausüben, kommt es immer wieder zu Übergriffen.“ Eine Anti-Kirchenstimmung vermag der Superintendent nicht zu erkennen. Laut Erhebungen der evangelisch-lutherischen Landeskirche habe es keine erhöhte Zahl von Austritten gegeben. Das gelte auch für den Kreis Hameln-Pyrmont. Nach Angaben der Stadt Hameln traten bis Anfang März 40 Menschen aus der Kirche aus, im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 60 Austritte. Ob es sich bei den Austritten um evangelische oder katholische Christen handele, lasse sich nicht aufschlüsseln. Da Katholiken in Hameln aber nur mit einem geringen Prozentsatz vertreten seien, könne davon ausgegangen werden, dass vor allem evangelische Christen aus der Kirche ausgetreten sind.

Dass man aus Krisen auch gestärkt hervorgehen könne, davon ist Superintendent Andreas Kühne-Glaser aus Rinteln überzeugt. Für ihn ist der Fall von Landesbischöfin Margot Käßmann, die betrunken Auto fuhr, in eine Polizeikontrolle geriet und dann aus eigener Entscheidung zurücktrat, ein gutes Beispiel. „Sie klebte nicht am Amt, als ihr klar wurde, dass es unmöglich sein würde, mit der früheren Glaubwürdigkeit aufzutreten“, sagt er. „Dadurch ist sie durchaus wieder ein Vorbild innerhalb der evangelischen Kirche.“ Die katholische Kirche habe insgesamt sehr lange gebraucht, um als Institution offen auf die Menschen zuzugehen. Sie leide unter ihrem schwerfälligen Apparat, in dem die Ämterhierarchie eine wesentlich größere Rolle spiele als in der evangelischen Kirche, wo es das „Priestertum aller Gläubigen“ gebe und alle gleichermaßen in der Pflicht stünden, egal, was für ein Amt sie innehätten. Fehler und Vergehen seien so leichter einzugestehen, ohne die Furcht, damit der Kirche an sich zu schaden. „Doch insgesamt sind wir ja doch eine Kirche. Ich leide und bete für unseren katholischen Brüder mit, die sich oft rechtfertigen müssen für Vergehen, die sie nicht selbst begangen haben.“

Während Kühne-Glaser insgesamt entspannt auf das Osterfest zugeht und von einer freudigen Osterstimmung im Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg spricht, äußert sich der neue Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, Dr. Karl-Hinrich Manzke, bedenklicher. „Die öffentliche Debatte um den Missbrauch und die schwierige Situation, die durch Margot Käßmann entstand, das alles betrifft die gesamte christliche Kirche, nicht nur die Katholiken“, meint er. „Da weht uns ein Wind entgegen und vielen wird erst jetzt wirklich klar, dass auch Menschen in hochrangigen Ämtern fehlbar sind.“ Er bedauere es sehr, dass mit Margot Käßmann der evangelischen Kirche eine starke Persönlichkeit verloren gegangen sei. „Dass wir daraus in irgendeiner Weise einen Vorteil ziehen könnten, nein, das sehe ich nicht so.“ Insgesamt sei zu spüren, dass die Menschen in den Gemeinden wieder verstärkt Fragen nach den Inhalten des Glaubens stellten. „Die Leute unterscheiden zwischen der fehlbaren Kirche und dem Gottesglaubens selbst“, so der Landesbischof. „Ostern ist das entscheidende Fest der Christenheit. Es bedeutet den Sieg über den Tod, es feiert die Freude über die Auferstehung nach dem Untergang. Ich denke, bei aller Kritik sprengt dieses Fest die Fehlbarkeit der Kirche auf.“

Auch in der katholischen Kirchengemeinde St. Georg in Bad Pyrmont ist das Thema des sexuellen Missbrauchs „ein starkes Thema“, sagt Pfarrer Walter Heinrichsrüscher. Und so überschatte das Thema auch das Osterfest. Die Menschen seien nicht nur betroffen, sondern erschüttert, sagt Heinrichsrüscher. „Es gibt sehr viele Anfragen an uns und unsere Kirche bis hin zum Vatikan“, sagt er. „Denn auch der Papst ist betroffen, machen wir uns nichts vor.“ So wendeten sich gerade ältere Menschen in Zeiten des Osterfestes fragend an ihn und seine Gemeindemitarbeiter, sagt Heinrichsrüscher. „Denn ältere Menschen haben noch eine engere Verbindung zur Kirche als Institution.“ Sie hätten nämlich oft noch eine mystischere Vorstellung vom Amt des Priesters.

Die Menschen fragten sich, wie sein kann, was nicht sein darf, sagt der Pastor und meint damit „das Verbrechen“ des sexuellen Missbrauchs. Auf die Zahl der Kirchenaustritte schlägt sich die aktuelle Debatte um Missbrauchsfälle allerdings auch in Bad Pyrmont nicht nieder. So traten im vergangenen Jahr 45 Menschen sowohl aus der evangelischen als auch aus der katholischen Kirche aus. Im vorvergangenen Jahren waren es 51.

In der vergangenen Woche habe der Gemeinderat darüber diskutiert, mit der Gemeinde einen speziellen Gottesdienst zu feiern und dabei stellvertretend Buße zu tun und um Vergebung zu bitten, sagt Heinrichsrüscher weiter. Und so reicht das Thema des sexuellen Missbrauchs auch in die Predigten zum Osterfest hinein. „Wir dürfen einfach nichts mehr beschönigen“, sagt Heinrichsrüscher. Er fordert auch, dass die Täter als „Bürger des Staates und nicht als Kleriker“ bestraft werden. „Gerade vor dem Osterfest müssen wir uns der Anklage stellen“, sagt Heinrichsrüscher und kündigt an, in seiner Predigt unter der Überschrift „Verwundet bin ich – und doch geborgen“ gerade zum Osterfest die Themen Vergebung und Buße anzusprechen. Der katholische Pfarrer aus Bad Pyrmont sieht auch seine Kirche in der Pflicht. Heinrichsrüscher: „In der katholischen Kirche muss viel aufgearbeitet werden.“ Auf Fragen des Zölibats müsse die Kirche genauso neue Antworten finden wie auf die Stellung der Frau. Zwar sei „das grausame Verbrechen“ des sexuellen Missbrauchs nicht direkt und unmittelbar auf den Zölibat zurückzuführen. Denn Pädophilie sei eine Krankheit, sagt Heinrichsrüscher. Aber das klösterliche Leben könne ein Nährboden dafür sein.

Die Christen feiern ihr höchstes Fest. In der katholischen Kirche sorgen seit Wochen Missbrauchsfälle für schlimme Nachrichten. Die evangelische Kirche hatte ihren „Fall Käßmann“. Wie ist die Stimmung zum Fest? Ein Blick hinter Kirchentüren.




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