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Traumhochzeit, himmlische Ruhe oder kühles Nass statt Deutschland-Spiel / Einige Fans müssen arbeiten

Fußball, nein danke: Es gibt Netteres auf der Welt

Bückeburg/Eilsen (kk/wk). Was haben Dirk Poley, Almuth Kreutzkam, Dirk Rinne, Ann-Kathrin Hermann und Doris Hopstock gemeinsam? Ganz einfach: Sie gehören zueiner Minderheit. Zur Minderheit derjenigen, die das WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien nicht gesehen oder gehört haben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen übrigens: Die einen sind „Fußball-Verweigerer“, die anderen hatten Besseres zu tun oder mussten arbeiten.

veröffentlicht am 05.07.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 11:21 Uhr

Kurz vor Beginn des WM-Viertelfinalspiels setzt im Bückeburger Bergbad eine spürbare „Fluchtwelle“ ein, die angesichts des 1a-Schwimmbadwetters wohl aus einer Vielzahl an Fußballfans bestehen dürfte, die das spannende WM-Spiel vor dem Fernseher verfolgen wollen. „Wir haben keine Vuvuzela bekommen, deswegen gucken wir das Spiel nicht“, flachst Silke Weddin (40) aus Obernkirchen, die mit ihrer dreiköpfigen Patchworkfamilie zu den doch recht Wenigen gehört, die nach 16 Uhr im Bergbad geblieben sind. Zudem sei sie „als Mädchen“ ohnehin nicht an Fußball interessiert. Ernsthaft setzt sie aber nach, dass man es wegen der heißen Temperaturen ohne eine gelegentliche Abkühlung im Wasser ja nicht aushalten könne.

„Man kriegt doch eh mit, welche Tore gefallen sind“, ergänzt Tochter Tessa Weddin. Und damit soll die Zwölfjährige recht behalten, denn über die Lautsprecheranlage des Bergbades werden von einem der Schwimmmeister alle Tore der deutschen Nationalelf zeitnah publik gemacht. „Wenn’s regnen würde, würde ich schon Fußball gucken“, meint indes Familienoberhaupt Jörg Grüneberg. Bei so schönem Sommerwetter habe er mit seiner knappen Freizeit allerdings Besseres zu tun.

„Das Wetter ist einfach nur zum Schwimmen geeignet und viel zu warm, um zum Public Viewing in die Stadt zu gehen“, erklärt auch der Heeßener Dirk Poley (19) seine Fußball-Abstinenz. Zudem sei ihm auch erst recht spät eingefallen, dass am Samstagnachmittag das Viertelfinale der Deutschen auf dem Programm stand. Nach dem Spiel würden ja noch „tausendmal Wiederholungen“ von dem Spiel im Fernsehen gezeigt, so dass man sich die spannendsten Szenen noch im Nachhinein anschauen könne, pflichtet sein Kumpel Kai Henrik Gerlach (21) aus Bückeburg bei.

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Abkühlung statt Fußball: Kai Henrik Gerlach und Dirk Poley.

Nicht im Schwimmbad, sondern in einer fernsehfreien und vermutlich deshalb nahezu verwaisten Eisdiele sind die Eheleute Katharina und Hans-Joachim Wrazidlo anzutreffen. „Wir freuen uns über die Ruhe“, kommentiert der Siegburger die Situation, und verrät, dass sie auf einer Wohnmobilreise durch Deutschland gerade Station in Bückeburg machen. Außerdem habe ihn Fußball „noch nie interessiert“. Dessen Ehefrau hat zudem handfeste gesundheitliche Gründe, warum sie sich den Kampf von Yogi Löws junger Spaßtruppe nicht angucken könne: „Da rege ich mich zu viel auf – das ist Gift für mich“, berichtet sie augenzwinkernd.

Für ein erfrischendes Eis und gegen Public Viewing haben sich auch die Meerbeckerin Almuth Kreutzkam und ihr Freund Andreas Gleu entschieden. Public Viewing sei ihr einfach „zu eng“, sagt die 24-Jährige. Inmitten vieler Fußballfans „wie die Hühner auf der Stange“ zu sitzen, sei „nicht so mein Ding“. Und ein „Weltwunder“, das man nicht verpassen dürfe, sei die Fußball-WM ja auch nicht, stellt der Obernkirchener fest, der an diesem WM-Spieltag seinen 22. Geburtstag feiert und dabei mit seiner Freundin das schöne Wetter genießt. Als geradezu „schwachsinnig“ bezeichnet er das Verhalten der zahlreichen Fußballfans, die „Millionen“ für aus seiner Sicht unnütze Fanartikel ausgeben.

Am Gleis 2 des Bückeburger Bahnhofs wartet unterdessen Nicole Höltkens auf den Regionalexpress nach Hannover. Die Vierundzwanzigjährige ist auf dem Weg nach Karlsruhe zu Freunden. Eigentlich findet sie es etwas schade, dass sie gerade das Spiel verpasst, doch ihre heutige Zeitplanung hat die Bahn diktiert: „Gerade für diese Verbindung gab es ein richtiges Schnäppchenangebot. Da konnte ich nicht Nein sagen – Fußball hin oder her!“

Nur ein weiterer Reisender besteigt kurz darauf den Zug in die Landeshauptstadt, für die wenige Minuten später eintreffende S-Bahn nach Minden findet sich überhaupt kein neuer Passagier. Wenig los am ohnehin nicht besonders verkehrsstarken Samstagnachmittag am Bückeburger Bahnhof …

Standortwechsel: Kurz vor 17 Uhr am Eilsener Rathaus, das deutsche Team führt 1:0. Katy Seeger zerdrückt gerade eine Freudenträne. Nein – nicht ob des Führungstreffers, dafür hat die junge Stadthägerin heute keinen Sinn. Sie hat Wichtigeres im Kopf als Fußball: In wenigen Minuten wird sie ihren Freund Dirk Rinne heiraten! Freunde und Verwandte haben sich auf dem Rathausparkplatz eingefunden. Und die Oldtimerfreunde der Stadthäger Wehr sind zu Ehren des Brautpaars mit einem ganz besonderen Hochzeitsauto vorgefahren: Einem alten Löschfahrzeug. Katy und Dirk sind nämlich beide aktive Feuerwehrleute.

Auch Kerstin Döring strahlt. Die Eilsener Standesbeamtin muss zwar arbeiten, freut sich aber auf die bevorstehende Trauung ganz besonders, da sie das Brautpaar gut kennt. Da verschmerzt sie gerne, dass gerade „ohne sie“ Fußball gespielt wird. Andere Spiele werden folgen, da kann sie wieder Daumen drücken – am liebsten im Bückeburger „Minchen“.

Einige hundert Meter weiter lässt es sich Doris Hopstock gut gegen. Die Oberharzerin sitzt auf einer Bank im Schatten eines alten Baumes, ein Buch in der Hand – und hat fast den ganzen Kurpark für sich alleine. „Fußball ist nicht mein Sport“, verrät sie. Am liebsten suche sie während der Spiele einen Platz weit ab des Trubels. In der Ferne markiert zwar gerade ein Vuvuzela-Konzert den dritten Treffer, es wird aber schnell von der Ruhe des Parks verschluckt. Das gefällt Frau Hopstock. „Ich gönne zwar jedem seine Freunde und Euphorie. Zu viel Lärm ist mir aber eher lästig.“

Vor dem Café im Kurpark sitzt Gerhard Wolters mit seiner Mutter Jutta und Schwester Doris vor einem leckeren Eisbecher. Die beiden Frauen sind extra aus Ostfriesland angereist, um Wolters zu besuchen, der als Patient in Bad Eilsen ist. Die drei freuen sich so über das Wiedersehen, dass sie der Torjubel aus dem Café ziemlich ungerührt lässt. „Es gibt halt Wichtigeres,“ ist sich Familie Wolters einig und lässt sich ihr Eis weiter schmecken.

Zwischendurch schaut Peter Feist kurz im Café vorbei, will wissen, ob alles in Ordnung ist. Als Mitarbeiter der Wach- und Schließgesellschaft sorgt er im Kurpark für Ordnung. Heute ist nicht viel zu tun – der Fußball-WM sei Dank. Ein bisschen schade findet es Feist aber schon, dass er heute arbeiten und bis in die Nacht noch mehrere Einsatzstellen abklappern muss. Er hat Spiele vergangener Weltmeisterschaften schon live im Stadion verfolgt, da fiebert er natürlich auch in diesem Jahr mit dem deutschen Team mit. Aber was solls – heute heißt es: Dienst ist Dienst …

So ähnlich sieht das auch eine andere „Heldin der Arbeit“: Während andere das Spiel sehen, muss Ann-Kathrin Hermann an einer Bückeburger Supermarkt-Kasse ausharren und auf Kunden warten. „Ich bin nun mal eingeteilt“, meint die Verkäuferin schmunzelnd, hofft aber auch: „Vielleicht kommt ja mal einer rein, der mich mit den Zwischenständen versorgen kann.“ Denn eigentlich ist Hermann Fußball-Fan: „Für die Bundesliga interessiere ich mich zwar nicht so sehr, aber wenn Deutschland spielt, gucke ich immer und drücke die Daumen.“




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