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Necla Kelek und ihre ungewöhnliche Lebenszeit in Bückeburg / Kritische Muslimin Gegenstand der Diskussion

Gegenstand von Anspielungen und Erinnerungen

Bückeburg/Berlin. Denkt die 1957 in Istanbul geborene Tscherkessin Necla Kelek an Deutschland, denkt sie auch an Bückeburg. Zumindest erwähnt sie 2010 in einem Vortrag in Dresden, dessen Titel das kritische Wort Heinrich Heines nach Art einer Bilanz aufgreift, den herrlichen Schlosspark zu Bückeburg, in dem in jenem Jahr der ihr damals noch unbekannten Revolte Märchenfiguren wie Schneewittchen und die sieben Zwerge zu wohnen schienen: „Dort gab es ein Haus mit ganz kleinen Möbeln – einen Kindergarten.“

veröffentlicht am 31.08.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 19:41 Uhr

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Die Ex-Residenzstadt steht auch sonst nicht etwa primär für traumatische Erinnerungen an die Zeit, als für die fast Zehnjährige gemeinsam mit zwei Geschwistern das begann, was man später „Migrationshintergrund“ nennen sollte. Schon die Ankunft in Hannover wird dadurch versüßt, dass ein Bahnbediensteter den Kindern, die nach einer Entscheidung von Vater Duran, einem Mann der ersten Generation „Gastarbeiter“, nun nach Deutschland nachkommen, tatsächlich eine ganze Tafel Schokolade schenkt.

Heute gilt die promovierte Sozialwissenschaftlerin als Expertin für Islamfragen, die mit ihren kritischen Thesen zur Integration mehrfach in die Schlagzeilen von so unterschiedlichen Medien wie „FAZ“ und „Bild“ geraten ist. Patrick Bahners, ehemaliger Feuilleton-Chef der renommierten Zeitung aus der Mainmetropole, ist dabei alles andere als ein Nachbeter. In seinem Buch „Die Panikmacher – Die deutsche Angst vor dem Islam“ heißt es etwa: „Polarisierung ist ihre Methode.“ Keleks Werke werden entsetzt seziert, ihre – laut Bahners seit 2005 krass veränderte – Position wird auf einen Satz reduziert: „Der Islam verhindert die Integration.“

Der dem feuilletonistischen Schreiben selbst sonst nicht ganz abgeneigte Journalist sieht in der Art, wie Kelek gerade auf die ersten Jahre nach der Einwanderung eingeht, ein fragwürdiges Beispiel. Die Erzählung der Schicksale ihrer Familie biete sie in dem Basiswerk „Die fremde Braut“ (2005) in romantischer Ausmalung und märchenhafter Verdichtung dar. Vor dem Hintergrund der heutigen integrationskritischen Position wird auch die Frage gestellt, wie es wirklich gewesen sein mag in jener legendären Kleinstadt, in der zumindest der Vater auf seine Art heimisch geworden war, allerdings ohne innere Veränderung: „Mein Vater hatte sich inzwischen mit einigen deutschen Familien angefreundet, mit denen wir uns regelmäßig an den Wochenenden trafen.“

Anders die anderen Muslime aus der Türkei, mit deutlich älteren Augen betrachtet: „Sie haben sich längst ihre eigene Parallelgesellschaft geschaffen, auch mithilfe der deutschen Errungenschaften von Sozialversicherung und Arbeitslosenunterstützung.“ Für Bahners eine bahnbrechende Formulierung auf dem Weg der großen Bevölkerungsgruppe der Muslime zur Anklagebank, klischeehaft, unsolide und irrationale Ängste weckend.

Wer sich für Details des Lebenslaufes interessiert, insbesondere die Jahre als Schülerin, lernt mit der kleinen Necla in jenem in der Tat erschütternden Bräutebuch in einer vermutlich anonymisierten Schaumburger Lehrerin ein Vorbild an Förderung kennen, insbesondere Mädchenförderung, und ein Beispiel ethisch begründeter Einmischung. Als nach notgeschuldeter halbjähriger Schulabstinenz der Weg in handfeste Ausbildung gegangen werden soll, wird die Grundschulpädagogin persönlich bei der Mutter vorstellig, weil sie sieht, was wirklich in ihrer ehemaligen Schülerin steckt. Der keineswegs strenggläubige Vater sagt wenig später auf seine Weise, als staatliche Sanktionen drohen: „Dumme Mädchen bekommen dumme Männer.“

In der an anderer Stelle folgenden Abrechnung mit dem Vater und mit der wenig gottgefälligen patriarchalischen Ordnung, die wahrlich reich an persönlichen rhetorischen Mitteln ist, sieht Bahners ein Glaubwürdigkeitsproblem. „Der Opferstatus garantiert die Wahrheit der Kritik“, schreibt er voller Ironie und nicht ohne Häme. Dass Kelek die Waffe der Kritik selbst auch zu führen weiß, zeigt sie nicht erst in der Replik in ihrem Werk „Chaos der Kulturen“ (2012). Eindeutig ihr Kriterium: „An der Lage der Frauen erkennt man den Grad der Freiheit einer Gesellschaft.“ Krass ihr Gegenangriff: „Bahners nutzt sein demagogisches Talent, die ‚Islamkritik‘ mundtot zu machen.“

Das zumindest scheint dem „panischen Menschen“ im Falle der früheren Schaumburgerin Necla Kelek, die heute in Berlin lebt und wirkt und seit 2005 mehrfach ausgezeichnet wurde, etwa mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“, nicht gelungen zu sein. Im Gegenteil. Aber sie fällt auch durch solche Sätze über Deutschland auf: „Ich liebe dieses Land.“ Jenseits von Hass auf den Vater und Liebe zum neuen Wahlheimatland, dessen Hymne sie schon als Kind kannte, lässt sich dem Werk „Himmelsreise“ (2010) noch am besten entnehmen, um was es der ambitionierten türkischstämmigen Integrationskritikerin geht, die übrigens auch in Sachen Beschneidung, der Schnittstelle der aktuellen Kulturtoleranzdebatte, gegen eine überholte Tradition der wenig gottgefälligen Fremdbestimmung und unumkehrbares Tun und Lassen argumentiert. „Wir Musliminnen müssen uns frei entscheiden können, welchen Weg unser Leben nehmen soll“, richtet sie sich speziell an Frauen ihres Glaubens, nachdem Kritiker die Skeptikerin selbst schon bei den „Ungläubigen“ eingereiht hatten. Aufklärung sei eigentlich das erste Gebot, nicht als Einigkeitseinerlei und Gutmenschenallerlei, sondern als Diskurs, insbesondere über die Glaubenspraxis im muslimischen Alltag und jedes Menschen Rechte.




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