weather-image
21°
×

Marlene Tilda Mikaelsdóttir ist Mitglied der Band „Welle:Erdball“ – und weiß ihre wahre Identität gut zu verschleiern

Geheimnisvolles Fräulein kommt aus Bückeburg

Bückeburg. Studiert man im Online-Nachschlagewerk Wikipedia das Kapitel über die Stadt Bückeburg, so stößt man in der Liste prominenter „Söhne und Töchter der Stadt“ als jüngsten Eintrag auf den Namen Fräulein Plastique, die dort als Mitglied der Band „Welle:Erdball“ genannt wird. Viel mehr ist jedoch in dem verlinkten Abschnitt über die Sängerin nicht zu finden: kein bürgerlicher Name und kaum weitergehende biografische Informationen zur Person.

veröffentlicht am 04.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 10:21 Uhr

Autor:

Wer also ist Fräulein Plastique? Tatsächlich verbirgt sich hinter diesem etwas mysteriös klingenden Namen eine Künstlerin, die schon seit Jahren vor allem durch ihre Aktivitäten bei Welle:Erdball, aber auch anderen musikalischen Formationen und Projekten, einen klangvollen Namen in der Musikwelt und insbesondere der Electro- und Gothic-Szene besitzt, die aber ihre künstlerische Identität Fräulein Plastique so gekonnt zu inszenieren weiß, dass sie beträchtliche Popularität sowohl im Internet als auch der Szene zugehörigen Printmedien wie zum Beispiel dem Magazin „Orkus“ genießt, dessen Cover sie 2010 zierte, zugleich aber so gut wie keinerlei Rückschlüsse auf ihre bürgerliche Herkunft und Identität zulässt. Wer Fräulein Plastique ist, wissen somit vor allem in der Gothic-Szene sehr viele. Dass sie aus Bückeburg stammt und wie sie wirklich heißt, nahezu niemand.

Tatsächlich ist die 26-Jährige, die sich mit bürgerlichem Namen Marlene Tilda Mikaelsdóttir nennt und neben ihrer Muttersprache fließend englisch und schwedisch spricht, 1986 in der historischen Residenzstadt zur Welt gekommen. Ende des Jahres 2005 stieg die Bückeburgerin, damals noch Schülerin am Gymnasium Adolfinum, bei der 1993 von den beiden Stadthägern Hannes Malecki und Alf Behnsen gegründeten Formation Welle:Erdball als eine von zwei Sängerinnen ein. Und das praktisch in Nullkommanichts: Bereits am 10. Dezember 2005 stand Fräulein Plastique, wie sie sich seitdem nennt, mit Welle:Erdball auf der Bühne des Amphi-Festivals in Köln – als 19-Jährige vor über 10 000 Menschen!

Was andere jedoch vor lauter Lampenfieber nicht einmal ernsthaft in Erwägung zu ziehen gewagt hätten, gelang der Bückeburgerin aus dem Stand. Wie kommt man mit 19 Jahren dazu, quasi im Vorbeigehen Sängerin bei einer zu diesem Zeitpunkt bereits so etablierten Band wie Welle:Erdball zu werden? „Wir kannten uns aus der Szene, und als die Gruppe damals eine Sängerin suchte, hat es sich einfach ergeben.“ Genauer kann die 26-Jährige ihren Start bei den Elektro-Pop-Spezialisten auch nicht mehr zurückverfolgen. Fraglos war es die entscheidende Weichenstellung für die heute in Berlin lebende Künstlerin in Richtung Musikkarriere, einer Karriere, die sie seitdem jedoch konsequent parallel (und nicht alternativ) zu ihrem beruflichen und akademischen Werdegang verfolgt.

Unzweifelhaft nimmt ihre Stammband Welle:Erdball, die jedes ihrer Konzerte mit dem Rundfunk-Zitat „Hallo, hier spricht Welle:Erdball, Symphonie der Zeit. Aus dem Äther schwingt und schwillt sie in die Ewigkeit!“ beginnt, in der Dark- und Gothic-Szene eine Sonderstellung ein. Bis heute entwickeln die vier Musiker, die sich ihren Namen von dem 1928 vom schlesischen Rundfunk veröffentlichten Hörspiel „Hallo! Hier Welle:Erdball!“ entliehen, ihre Musik mit dem Commodore C64, jenem legendären Heimcomputer aus den 80er Jahren. „Der C64 ist für uns vollwertiges Bandmitglied und grundsätzlich bei Auftritten mit auf der Bühne“, charakterisiert Marlene Tilda Mikaelsdóttir das Verhältnis der vier menschlichen Welle:Erdball-Musiker zu ihrem elektronischen Kollegen.

Die beiden Gründer Hannes „Honey“ Malecki und Alf „A.L.F.“ Behnsen riefen die Band Anfang der 90er Jahre ins Leben, um die von ihnen verehrten elektronischen Klangwelten der 80er Jahre in die Zukunft zu tradieren: musikalische Pfade, auf denen zuvor Bands und Künstler wie Kraftwerk, Depeche Mode, Bronski Beat, Ideal oder DAF die Weichen gestellt hatten und auf denen heute erfolgreiche Epigonen wie beispielsweise And One wandeln.

Ihr künstlerisch wichtigstes Sujet ist das Medium, von dem sie auch ihren Bandnamen erhielten: Das Radio. So bezeichnen sich die Musiker von Welle:Erdball selbst als Radiomoderatoren, ihre Band als Sender und ihre Konzerte logischerweise als Sendungen. Ihr Album „Tanzpalast 2000“ von 1996 enthält zusätzlich zur Musik auch Verkehrsnachrichten, Wetterberichte und sogar eine Suchmeldung nach einem vermissten Mädchen. Die Homepage von Welle:Erdball ziert bis heute das Bild eines klassischen Röhrenradios. Optisch referenzieren die schwarzen Sonnenbrillen der Musiker während ihrer Auftritte den John-Carpenter-Klassiker „Sie leben!“ von 1988. So drapiert bereiste die Band bundesdeutsche Konzertbühnen von den kleinsten Clubs bis zu den größten Festivals wie beispielsweise dem M’era Luna in Hildesheim, wo Welle:Erdball zwischen 2007 und 2012 drei mal auftraten, oder dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig.

2006 wirkte Fräulein Plastique erstmals als Sängerin auf dem Welle:Erdball-Album „Chaos total“ mit, 2010 folgte die mit einem Filmmusikalbum gekoppelte Filmproduktion „Operation Zeitsturm“, in der sie auch als Darstellerin mitwirkte und die teilweise am heimischen Schauplätzen rund um Obernkirchen gedreht wurde. 2011 veröffentlichten Welle:Erdball dann das Album „Der Kalte Krieg“, auf dem sie mit Cover-Versionen damals bekannter Songs (darunter, man glaubt es kaum, sogar Nicoles „Ein bisschen Frieden“) die Ära der frühen 80er Jahre Revue passieren lassen. Dass es seit dem Einstieg der Bückeburgerin bei Welle:Erdball keine personellen Umbesetzungen mehr gab, führt die Sängerin auf den für die Gothic-Szene ungewöhnlich familiären Zusammenhalt innerhalb der Band zurück: „Wir sind ein Team, keine Gruppe von vier Individualisten.“

Seit 2005 leiht Marlene Tilda Mikaelsdóttir neben Welle: Erdball auch der Gruppe Homo Futura ihre Stimme, einem Seitenprojekt des Welle-Frontmanns Hannes „Honey“ Malecki, das etwas ungezwungener agiert und das 2011 mit „Der neue Mensch“ sein Debütalbum auf den Markt brachte: „Als Homo Futura können wir all das machen, was wir als Welle:Erdball nicht dürfen.“ Tatsächlich kommen Homo Futura zwar ebenfalls sehr elektronisch, aber bizarrer, ausgelassener und musikalisch mit einem deutlichen Industrial-Einschlag daher. Im Video zu „Links rechts“ sieht man Fräulein Plastique in einem Cabrio über die Autobahn rauschen und dazu tanzende Eichhörnchen-Handpuppen. 2009 formierte die Wahl-Berlinerin dann zusammen mit dem schwedischen Electronic-Spezialisten Deadbeat das Duo The girl and the robot, welches 2010 das wunderschön melancholisch-poppige Album „The beauty of decay“ auf den Markt brachte und sich kürzlich mit der Single „I lost control“ zurückmeldete.

Zurzeit absolviert Welle:Erdball die letzten Termine ihrer mehrere Monate umspannenden Tournee zum Album „Der kalte Krieg“. Große Pläne hegen die Musiker plus Commodore C64 für 2013. Die Band feiert ihr 20-jähriges Bestehen und wird diesen runden Geburtstag unter anderem mit einer großen Jubiläumstour sowie dem dann erscheinenden Album „Tanzmusik für Roboter“ feiern.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige