weather-image
×

„Der Tracht treu geblieben“ – 2. Auflage ist erheblich erweitert worden

Gerade mal ein Dutzend Frauen hält heute noch an der Tracht fest

Bückeburg (mig). Gehörten sie vor einigen Jahrzehnten noch zum Dorfbild, sind sie inzwischen fast vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden: die Schaumburger Trachtenfrauen. Den wenigen verbliebenen Rotrock-Frauen hat Brunhilde Miehe mit der zweiten Auflage ihres von der Schaumburger Landschaft unterstützten Standardwerks „Der Tracht treu geblieben – Bd.4. – Studien zum regionalen Kleidungsverhalten im Schaumburger Land“ ein Denkmal gesetzt.

veröffentlicht am 08.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 01:41 Uhr

Mittdreißiger kennen noch die alten Frauen, die in roten Röcken und mit Haube vor der Tür sitzen oder zu Fuß am Sonntagmorgen zum Gottesdienst gehen. Auch die aus Hessen stammende Brunhilde Miehe hat die alten Frauen während ihrer jahrelangen Recherchen kennengelernt und ihre Kleidungsformen, ihren Alltag und ihr Milieu beleuchtet. Legte Miehe den Schwerpunkt der ersten Auflage auf die letzten Trachtenträgerinnen des Schaumburger Landes, hat sie in der zweiten Auflage den Fokus ausgeweitet. Nun wird „das regionale Kleidungsverhalten des Schaumburger Landes auch in den Kontext zu den benachbarten Kleidungsgepflogenheiten gestellt“, wie Miehe im Vorwort des von der Schaumburger Landschaft unterstützten Buches betont.

Eine schwierige Arbeit: Weil es im Weserbogen und in der Friller Region keine authentischen Trachtenträgerinnen mehr gibt, musste Miehe Angehörige befragen. Nur im Schaumburger Land gibt es noch einige Rotrock-Trägerinnen. „Der Tracht treu geblieben waren im westlich von Hannover gelegenen Schaumburger Land bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch einige Dutzend ältere Frauen – im Jahre 2008 sind es schließlich nur noch gut ein Dutzend Trachtenträgerinnen. Zwischen Bückeburg und Bad Nenndorf (...) tragen gegenwärtig einzelne Frauen noch tagtäglich zwei unterschiedliche, regionale, bäuerliche Kleidungsformen – westlich von Stadthagen die sogenannte Westerten Tracht, auch Bückeburger Tracht genannt, und östlich davon die sogenannte Österten Tracht, auch Lindhorster oder Nenndorfer Tracht genannt“, hat Miehe recherchiert. Neben einer vergleichenden Betrachtung der Österten und der Westerten Tracht, wird auch der kulturgeschichtliche Kontext in die Analyse einbezogen. Das Buch geht beispielsweise auf Themen wie die Entwicklung der Kleidungsformen, die Landes-, National- und Volkstracht sowie die Kleidung als Statussymbol ein.

Noch interessanter zu lesen ist aber das Schlusskapitel, in dem Miehe versucht, die Ursachen des Rückgangs des Trachtentragens sowie die Motive zum Beibehalten der Tracht auszuforschen. Darin stellt Miehe die Frage, warum ausgerechnet in Schaumburg so lange Tracht getragen wurde. Gründe dafür sind beispielsweise in einer räumlichen Barriere durch den Schaumburger Wald und die Bückeberge sowie im Bauernstolz zu sehen. Als ausschlaggebendes Motiv für das Festhalten an der Tracht wurden zudem materielle und finanzielle Erwägungen genannt. „Nicht zuletzt spielte und spielt beim Kleidungsverhalten die Macht der Gewohnheit eine bedeutende Rolle. Wer über Jahrzehnte mit einer Kleidungsweise vertraut war und deren Kleidungsnormen verinnerlicht hatte, empfand dadurch eine gewisse Sicherheit“, so Miehe.

Vielfältige Gründe gibt es fürs Ablegen der Tracht. Viele Frauen die sich umgekleidet hätten, begründeten dies unter anderem damit, dass sie bei Reisen nicht immer als Museumsstück betrachtet und fotografiert werden wollten. Andere freuten sich darüber, noch in hohem Alter Beachtung zu finden. Auch der Zeitgeist hatte Einfluss aufs Verhalten der Trägerinnen. Während in den 50er und 60er Jahren Trachtenträgerinnen öfter kritische Bemerkungen aushalten mussten, sind die Reaktionen seit den Siebzigern eher positiv. Wirklich eindeutig sind die Motive zum Ablegen oder Beibehalten der Tracht aber nicht.

Quelle: „Der Tracht treu geblieben – Bd.4. – Studien zum regionalen Kleidungsverhalten im Schaumburger Land“, 2. stark erweiterte Auflage 2008, Verlag Brunhilde Miehe, 36275 Kirchheim-Gershausen. ISBN 978-3-9801197-8-8




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige