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Warum persönliche Zeitzeugnisse eine besondere Bedeutung für die Region haben

Geschichte, die das Leben schreibt

AERZEN/EMMERTHAL. Erinnerungen an die Erlebnisse der Kindheit, angereichert durch Daten und Fotos aus der Vergangenheit – nicht mehr und nicht weniger. Was aus der Historikersicht kaum der Präzision ihrer Forschung entspricht, kommt dafür umso persönlicher aufs Papier. Und genau darum geht es Jens Hallemann. „Ich will die Geschichte vor dem Vergessen bewahren“, berichtet der Aerzener über sein jüngstes Buch, das seit wenigen Wochen auf dem Markt ist.

veröffentlicht am 24.05.2019 um 15:59 Uhr
aktualisiert am 28.05.2019 um 19:35 Uhr

Plötzlich erwachte das Interesse an der Heimat- und Familiengeschichte: Jens Hallemann aus Aerzen will die Vergangenheit vor dem Vergessen bewahren. Zuletzt brachte er mit Heinz Sonnemann ein Buch auf den Markt. Foto: cb
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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So wie der 51-Jährige die eigenen Erfahrungen im Dorfleben und die Erzählungen seiner Eltern und Großmutter dokumentieren will, widmete Hallemann sich zunächst zwei anderen Aerzenern: Heinz Sonnemann, inzwischen in der Wedemark lebend und mit engen Beziehungen zur alten Heimat, und Erwin Schön. „Zwei Freunde kennen sich seit über 60 Jahren“, ergänzen sie den Titel ihrer eigenen Aerzen-Chronik. Auf über 150 Seiten beschreiben sie ihre Sicht der Geschichte „aus der gemeinsamen Kindheit“, angereichert durch Erzählungen, Sagen und historische Ereignisse aus dem Gebiet der Gemeinde. Hallemann, der für die beiden Freunde das Buch bearbeitet hat, kündigt schon jetzt die Fortsetzung an: „Der Stoff reicht für einige Bände.“

Es geht dem Trio weniger um geschichtliche Akribie, wie sie andere Autoren aus der Region im Umgang mit der Vergangenheit pflegen. Beispielsweise zählt Walter Uhlenbrock aus dem kleinen Aerzener Weiler Boldenkoven zwischen Grupenhagen und Egge mit seinem Fachwerk über „Die Geschichte der Forstgenossenschaft Lachem“ und anderen historischen Beiträgen dazu oder Irmgard Wyrwa, die zum Jubiläum von Groß Berkel in den neunziger Jahren die Dorfchronik verfasste. Sonnemann hingegen setzt eher auf den Trend, der sich in den Buchhandlungen stark widerspiegelt. Dort gelten Erinnerungsalben der persönlichen Art als Renner, wenn auf vorgefertigten Seiten besonders Großeltern von ihren Nachkommen gebeten werden, von früher zu berichten.

Für den gebürtigen Aerzener, der seit einigen Jahren verstärkt von der Wedemark aus die Kontakte zu früheren Freunden und Bekannten sucht, ein ähnlicher Hintergrund. Ob Ewige Quelle, Schulzeit oder Konfirmationsunterricht – immer wieder drehten sich die Gespräche „um die gute alte Zeit“, weiß der 68-Jährige, der 1973 Aerzen verlassen hatte und bei einem Klassentreffen mit der eigenen Geschichte wieder stärker in Berührung geriet. Doch, so die „bedauernswerte Tatsache“: Dazu existiere „nicht die kleinste Aufzeichnung“, begründet Sonnemann seinen Schritt. „Die Erlebnisse aus meiner Kindheit ließen mir einfach keine Ruhe geben“, schreibt er. „Weil es aus der damaligen Zeit niemand tat, so habe ich mich entschlossen, selbst den Füller zu greifen und meine Erinnerungen einfach auf mehrere Blätter in Stichworten aufzuschreiben.“

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Ein wahrer Fundus: die Heimatstuben in Frenke. Schriftliche Aufzeichnungen hält Hobbyhistoriker Cord Hölscher aber ebenso für wichtig, um die Geschichte besser zu verstehen. Foto: Dana

Mit Jens Hallemann fand er einen Mitstreiter, der bereits mit Druckwerken ein wenig erfahren ist. Das Ergebnis, das er layoutete und mit vielen Fotos in Form brachte: ein E-Book gleichermaßen wie eine Taschenbuch-Ausgabe, seit diesem Monat auch als Hardcover im größeren Format erhältlich. „Eine Menge Rückmeldungen mit guter Resonanz“, freut sich Sonnemann.

„Meine Generation ist es, die wieder Interesse an Früher hat“, sagt Hallemann. Aufgewachsen im Altdorf an der Bahnhofstraße im „Krähen-eck“, einem in den achtziger Jahren abgerissenen historischen Gebäude, wohnt er nun wenige Häuser weiter gegenüber dem früheren Marktplatz. Wo heute der Kiosk Meisoll betrieben wird, hatte die Großmutter einst den Konsumladen. Der Enkel erzählt aus der Nachkriegszeit, als die Oma bei „Nacht und Nebel mit der Kutsche nach Grohnde fuhr, um Fleisch und Wurst zu holen“. Tauschgeschäfte dann in Aerzen – gegen Türbeschläge zum Beispiel. „Nur durch solche anschauliche Erzählungen lässt sich doch die Not damals ohne Währung verstehen“, meint er.

Inzwischen greift die Geschichtsforschung verstärkt auf persönliche Zeitzeugnisse zurück, um die Vergangenheit erlebbarer zu machen statt nur auf fundierte Quellen zu setzen. Oral History (zu deutsch: mündliche Geschichte) gilt längst als eine zwar sehr subjektive, aber bewährte Methode der Wissenschaft, um Zeitzeugen zu befragen. Ob schriftlich oder mündlich aufgezeichnet: Cord Hölscher aus dem Emmerthaler Ortsteil Frenke und gleichzeitig ehrenamtlicher Gemeindearchivar hält diese Quellen für unverzichtbar und für einen „angesehenen Zweig der Forschung“. „Sie machen die Geschichte authentischer und nachvollziehbarer“, sagt der 57-jährige gelernte Betriebswirt und Hobbyhistoriker. Besonders auf lokaler und regionaler Ebene komme es darauf an, diese persönlichen Erfahrungen festzuhalten, was immer noch zu wenig geschehe. Dabei dürfe es ruhig Mut zur Lücke geben, will er die Sorge der Verfasser nehmen. „Es muss nicht alles perfekt sein – wichtig ist, dass diese Berichte der Nachwelt erhalten bleiben“, sagt er.

Für seine eigenen Arbeiten erhebt Hölscher natürlich den Anspruch, dass „sie einen dokumentarischen Wert haben“. Ein großer Fundus an Fachliteratur steht ihm dafür zur Verfügung. Das gilt ebenso für seine Aufgabe als Archivar. Die 25 Bände in seiner Verantwortung seit 2010 reichen von historischen Dokumenten aus den ehemals selbstständigen Gemeinden über Kirchenschriften bis zu Dorfchroniken. Hinzu kommen neben Bildbänden besonders Erzählbücher. „Natürlich sehr gefragt“, sagt er über das Interesse. Sollten mehr Einwohner ihre Erlebnisse aufschreiben, was leider zu selten der Fall sei, könnten mehr Bücher dieser Art auf den Markt kommen.

Neben dieser Aufgabe im Dienste der Gemeinde widmet sich der Frenker persönlich neben der Genealogie, also der Ahnenforschung, mit Lebenserinnerungen. Dazu gebe es viele Audioaufnahmen von Zeitzeugen der älteren Generation, die noch darauf warteten, niedergeschrieben zu werden. Als zwei Beispiele, die schriftlich vorliegen, nennt Hölscher das Leben eines Bauern aus seiner Verwandtschaft in Gellersen und einer Frenkerin, die, geboren 1918 in Hamburg, in großbürgerlichen Kreisen aufwuchs. „Sie haben zur gleichen Zeit gelebt“, sagt er über die Biografien, die „aufzeigen, dass Geschichte von Menschen vielschichtig erlebt wird“.

Für die Nachfahren in den Familien sei es wichtig, „mehr über ihre Wurzeln zu erfahren“, aber auch für die Geschichtsforschung insgesamt, diese Quellen zu nutzen, meint er. Selbst wenn es schriftliche Aufzeichnungen gebe, würden sie nach dem Tode eines Angehörigen aber oft achtlos entsorgt. Bei alten Gegenständen würden viele schon zu Lebzeiten sie den Frenker Heimatstuben überlassen „aus Sorge, dass diese Zeugnisse sonst später weggeworfen würden“, weiß er über das von seinem Vater aufgebaute Museum. Und: Längst gebe es immer seltener Dorfchronisten, die Ereignisse schriftlich festhalten würden. Ob Lebenserinnerungen oder historische Begebenheiten, so befürchtet Hölscher: „Da geht viel Wissen verloren.“

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