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Inklusion am Adolfinum: Hörbehinderte Schüler werden integriert

Gesprächskultur und moderne Technik

Bückeburg. Sprechprobe in Raum 222, dem Klassenraum der Klasse 5.5, Soundcheck im zweiten Stock des Adolfinums, fragende Blicke, Fachsimpelei. Neue Gerätschaften sind angeschafft worden. Das will erklärt sein. So hat Hausmeister Peter Kipper denn auch gleich eine ganze Schar Lehrkräfte sowie Koordinatorin Cornelia Kastning und Schulleiter Michael Pavel um sich versammelt, die allesamt interessiert zuschauen und zuhören. Man lauscht auf jeden Ton, man lässt sich auf den Raum ein und simuliert Unterrichtsäußerungen auf unterschiedlichen Positionen. Die Verständigung soll akustisch optimiert werden.

veröffentlicht am 13.09.2013 um 15:09 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 12:21 Uhr

In der Klasse 5.5, beginnt die Inklusionsarbeit des Bückeburger Gymnasiums Gestalt zu gewinnen. Ein Elternpaar hat ein Kind mit eingeschränktem Hörvermögen am Bückeburger Gymnasium angemeldet, insbesondere um den Jungen nicht aus seinen Freundschaftsgruppen herauszureißen. Als speziell ausgestattete Schwerpunktschule wäre eigentlich das Ernestinum Rinteln oder das Wilhelm-Busch-Gymnasium Stadthagen zuständig. Nun hat das Adolfinum die gerne an genommene Aufgabe, den Jungen bestmöglich zu fördern. Dass inzwischen noch ein weiteres Kind mit Hörproblemen in der Klasse ist, macht die ersten Investitionen und die Sonderausgaben nur noch sinnvoller. Neben den Fachlehrkräften steht Lena Meyer von der Hans-Christian-Andersen-Schule Stadthagen als Förderschullehrerin mit 3,5 Unterrichtsstunden in der Woche zur Verfügung. Das Land zahlt die Rechnung, nicht nur die beiden direkt Betroffenen haben den Gewinn.

Der Raum wurde renoviert, vom Teppich bis zur Decke. Der Landkreis ließ sich nicht lumpen. Eine erheblich verbesserte Beleuchtung soll den Lernprozess erleichtern. Auf ein Whiteboard hoffen die 24 Kinder und ihre Lehrkräfte noch. Angesichts der Hörbehinderung steht die akustische Ausstattung natürlich im Vordergrund. „Zuerst war es ungewohnt“, sagt eine Lehrkraft und ergänzt: „So wie in einem Studio, mit Körpermikrofon, aber zum Glück gibt es kaum Kabel.“ Ein säulenartig aufragender Lautsprecher erreicht alle in der Klasse, die Kinder mit Hörschwäche haben spezielle Hörgeräte. Das Mikrofon im Klassenraum bereitet noch ein wenig Kopfzerbrechen. Man wird es bei entwickelnden Unterrichtsgesprächen und Debatten nicht herumreichen können, eine stationäre Lösung wird gesucht. Werden die Maßnahmen den Kindern später erklärt, sind bereits ein paar Lektionen Physik bewältigt.

Da das Fach Geschichte in der Klasse 5.5 von Studienreferendar Jörg Schendel unterrichtet wird, ist auch das Studienseminar in Stadthagen mit Inklusionspädagogik konfrontiert. Fortbildungsbedarf kommt auf die Ausbilder zu, das Lehrerprofil der Gymnasien ändert sich. Da kann das Studienseminar schlecht auf der Stelle treten. Was viele Schülergenerationen kennen und junge Lehrer gemeinhin im Referendariat im eigenverantwortlichen Unterricht einzusetzen lernen, ist die stumme Körpersprache. Jede Klasse hat ihre Zeichen, hier in der Klasse 5.5 sind sie noch wichtiger.

Klassenlehrerin Gesine Vespermann, die sich die Leitung der Inklusionsklasse mit Joachim Detert im Team teilt, hebt eine Hand hoch in die Luft, streckt den Zeigefinger und legt den anderen Zeigefinger auf die Lippen. Ein Hoheitszeichen, ein Ritual: Ruhe, Stille, Arbeitsatmosphäre, Gesprächskultur. Ohne großen Aufwand wird Einhalt geboten, keine Stimmanstrengung, keine Heiserkeit. Geräuschsalat wie in einem Schwimmbad, die unbedachte Gleichzeitigkeit der Rede nach Art oder Unart eines Chats oder der scharfe Ton der Ausnahmesituation belasten den Gehandicapten schließlich überdurchschnittlich. Ein kleiner Hinweis durchbricht die köstliche Stille: „Die beiden Betroffenen können ihre Geräte zur Not auch mal abschalten.“

Aus dem eigenen Unterricht weiß Cornelia Kastning, die sich als Koordinatorin der unteren Jahrgänge ganz bewusst für die Arbeit in der Inklusionsklasse entschieden hat: „Man achtet plötzlich auf Aspekte der Kommunikation, die sonst sicher eher banal sind. Ist etwa mein Herumknipsen mit dem Kuli durch die sensiblen Übertragungsgeräte plötzlich eine massive Schülerstörung?“ Die Bereitschaft ist zu spüren, die Inklusionsaufgaben als Erweiterung des Tätigkeitsfeldes anzunehmen, Schritt für Schritt, von Land und Landkreis anschubartig unterstützt und mit dem Kredit der Erprobungszeit ausgestattet. vhs




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