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260 Jahre Grünenplan: Neue Erkenntnisse aus der Zeit vor der offiziellen Ortsgründung Grünenplans

Glasmacher waren auf ständiger Wanderung

1624 kommt der „Düringer“ Hans Greiner von einer Waldglashütte am Wabach im Vogler in den waldreicheren Hils und gründet eine Waldglashütte oberhalb des Hilsbornteiches, fünf Jahre später eine neue mit Hans Bartels nordwestlich von Kaierde. 1628 verheiratete er seine Tochter mit Franz Seidensticker (1601-1667), der sich Glase- und Wildmeister in Hohenbüchen nennt – 1629 kommt Sohn Hans Gerdt Seidensticker zur Welt. 1630 eröffnet Hans Greiner zusammen mit seinem Schwiegersohn eine neue Waldglashütte unterhalb des Hilsborn, die bis 1667 arbeitet.

veröffentlicht am 11.09.2009 um 23:00 Uhr

Grünenplan ist stolz darauf, das „Gläserne Herz Niedersach

Autor:

Prof. Dr. Bernd Krämer

Normalerweise wurden solche Waldglashütten nur für drei bis acht Jahre an einem Standort von der fürstlichen Kammer konzessioniert – zum einen, weil der Wald rings um solche Hütten bald abgeholzt war, zum anderen, um den Glasmachern kein Heimat- oder Bürgerrecht als Bleiberecht zugestehen zu müssen.

Erste ortsfeste Glashütte auf dem „grünen Platz“

1636 wird eine Nebenhütte am „Glasebach im Ackenhäuser Holz“ bei der Heerstraße eröffnet, die bis 1642 arbeiten darf – es wurde der Schneppel und der Holzberg bis zum Kirchtalwasser abgeholzt und so entstanden der „grüne Platz“, die Schneppelwiese, und der „grüne Plan“ auf dem Holzbergrücken. Hier wurde „reinweißes Glas“ hergestellt durch Zusatz von Soda zur Glasschmelze, zum Beispiel für das neue Schloss der Calenberger in Hannover. Der „grüne Platz“ wurde 1670 der Standort der ersten ortsfesten Glashütte, später der fürstlichen Spiegelglasmanufaktur und heute der Schott AG. Den „grünen Plan“ nutzte J. G. von Langen 100 Jahre später für die Wohnsiedlung der „neuen Anbauer“.

Die „Keimzelle“ der Besiedlung Grünenplans liegt auf
  • Die „Keimzelle“ der Besiedlung Grünenplans liegt auf dem sogenannten „grünen Plan“.
Das Krönchen auf Grünenplaner Glas könnte ein Logo des Hauses Br
  • Das Krönchen auf Grünenplaner Glas könnte ein Logo des Hauses Braunschweig/Wolfenbüttel gewesen sein.

1650 entstand auf der Glasebachwiese eine weitere Nebenhütte, die bis 1655 arbeitete. Am Hakeborn bei Kaierde eröffnete Franz Seidensticker die 1632 zerstörte Waldglashütte neu, am Vogler eine Waldglashütte (1628-46) und auch im calenbergischen Solling am Lakenborn (1656-1681). Nach dem Westfälischen Frieden 1648 konnte Herzog August d. J. in Wolfenbüttel daran gehen, die Grenzen seiner Gebiete zu sichern. 1653 lässt er seinen Kammerrat Schottelius das münchhausische Herrenhaus Bevern kaufen und als herzogliches Jagdhaus herrichten. In der merianschen Topographie des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg von 1654 wird nicht nur dies Jagdhaus mit einer Ausmalung des Großen Saales zu einem repräsentativen Goldenen Saal beschrieben, sondern auch unter dem Amt Greene „zween ansehnliche Glashütten im Hilse“ (Talsköpfe und Glasebachwiese, die eine für Hohlglas, die andere für Fensterglas) ausführlich dargestellt, in denen „24 Personen Tag und Nacht, von Ostern bis Martini“ arbeiteten. Eine Kopfsteuerbeschreibung beschreibt 1663 schon 36 Personen „auf den Glashütten im Hilse“ – darunter einen Glasmaler Christoph, dem der bei der Glashütte Talsköpfe in Scherben gefundene Reichsadlerhumpen und nach einer dort gefundenen Scherbe mit eigenartiger Kronenbemalung auch die Bemalung anderer Weißgläser zugeschrieben werden. Auch der Glasmaler Tobias Hirschberger (1630-93) und sein Sohn Hans Ehrdt Hirschberger (1660-1717), der 1697 die beiden Kabinettscheiben (Abendmahl und Kreuzigung) in der alten Delligser Kirche bemalt hat, arbeiteten in den „Glashütten im Hilse“. Die eigenwillige Krönchengestaltung bemalter Weiß- und Grüngläser könnte den Schlüssel zur Herkunftsbestimmung dieser Gläser darstellen. Möglicherweise war diese Krönchenform ein herzoglich favorisiertes, hauseigenes Logo des Hauses Braunschweig/Wolfenbüttel? In der Glassammlung Hentrich im Kunstpalast Düsseldorf steht ein solches Glas, aus dem Welfenschatz wurden auf Schloss Marienburg mehrere Gläser mit eindeutig zu identifizierbaren Initialen, Jahreszahlen und solchen Krönchen versteigert.

1656 übergab Franz Seidensticker die Hils-Glashütten seinem Sohn Hans Gehrdt Seidensticker (1629-97). Hans Gehrdt Seidensticker muss ein gutes Verhältnis zu Herzog Rudolf August gehabt haben, denn dieser bewilligte ihm 1667 nicht nur eine erste ortsfeste Glashütte „am grünen Platz“, „ein besonders stattliches Wohnhaus dabei“ (Seidenstickersche Villa, erb- und eigentümlich verschrieben, mit Aufenthaltsrecht des Herzogs bei Jagden im Hils) und ein fürstliches Amt.

Die ab 1667 erneuerte Weißglashütte am „grünen Platz“ in einer nunmehr baumfreien Umgebung wirft die Frage auf, womit diese Glasschmelzöfen beheizt wurden? Gleichermaßen stellt sich diese Frage schon für die Glashütte Talsköpfe, deren Umgebung erst 80 Jahre später von J. G. von Langen wieder aufgeforstet wurde. Der hoffentlich bald umzusetzende Doppelofen Talsköpfe könnte bei seiner Öffnung Aufschluss über seine Beheizungsart liefern, wenngleich direkt neben seiner Feueröffnung ein kleiner Ofen als Vorwärmofen für Buchenscheite für Holzbefeuerung sprechen würde. Die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nachweislich entwickelte Köhlerei im Hils, die im 18. Jahrhundert zu einer solchen Blüte führte, dass selbst eine Eisenhütte (Carlshütte in Delligsen, seit 1734) mit Holzkohle betrieben werden konnte, lässt als Befeuerungsmittel der Glasschmelzöfen möglicherweise die leichter transportierbare Holzkohle (also 67 Jahre vor der Carlshütte) als denkbar erscheinen – die das Holz der nahen Wälder verwaltenden Seidenstickers könnten für den notwendigen Nachschub gesorgt haben. Hans Gehrdt Seidensticker hatte drei Söhne. Sohn Rudolf (1662-1709) wird 1694 auch als „von gronescher Glasmeister“ erwähnt, der weißen Sand von der Hilsegge für die Hütte am Vogler wie für die Glashütte am „grünen Platz“ bezog.

Gründung der Fürstlichen Spiegelglasmanufaktur

Mit dem Tod Rudolfs endet die Glasemeister-Dynastie der Seidenstickers, aber nicht die Spiegelhütte am „grünen Platz“, denn 1744 muss der Hüttenpächter Sigmund Römling diese Glashütte freigeben für die Gründung der Fürstlichen Spiegelglas-Manufaktur. Weißglas wurde hier seit 1636 und Spiegelglas seit 1667 hergestellt – diese neuen Hinweise stellen manche der bisherigen Datierungen infrage. Eine vom Oberförster Johann Heinrich Fricke 1714 neugegründete, wohl letzte Wander-Cristallglashütte bei Kaierde musste nach dem Tod des Hüttenmeisters 1724 schließen. Die Gläsner der Hütte am „grünen Platz“, später die „alten Anbauer“ genannt, wohnten oberhalb der Heerstraßse nach Wickensen.

1720 schlug die „Stunde der Nagelschmiede“ – drei Familien (Röger/Räger, Voss und Engelke) zogen vom Harz zur Glashütte. Glaskultur stand spätestens seit Beginn der Frühen Neuzeit immer im Dienste einer zeitgerechten Repräsentationskultur – die Produkte der Glaskünstler waren begehrt, die Glasmacher selbst aber auf ständiger Wanderung und Suche nach ergiebigen Holzbeständen. Es war wohl die perspektivische Idee des Freiherrn Johann Georg von Langen (1699-1776), seinem Landesherrn Carl I. mit einer Ordnung und Nutzung der Forsten sowie deren planvollen Ausbau (Plantagenwirtschaft) die Kasse zu füllen und mit einer herzoglichen Spiegelglasmanufaktur ortsansässige Handwerker mit festen Wohnhäusern nachhaltig zu binden.

Das Wirken der Hüttenpächter A. und F. Amelung in einer wirtschaftlich desolaten Situation nach dem siebenjährigen Krieg ist leider noch nie gewürdigt worden. Sie trugen aus wirtschaftlichen Zwängen die Grünenplaner Glastechnologie in die Welt: Johann Friedrich Amelung (1741-1798) gründete 1784 in Baltimore/USA eine Glashütte, die der Weltkonzern Corning Glass noch heute als seine Keimzelle versteht, und Anton C. F. Amelung (1735-1798) ging 1790 nach Dorpat/Estland und gründete dort mit seinen Söhnen zwei Glashütten, die bald mit 2000 Spiegelmachern die größte Spiegelglashütte im zaristischen Russland wurde. Grünenplan reklamiert nun nicht, der Nabel der Glaswelt zu sein, aber ist schon stolz auf das Alleinstellungsmerkmal einer 850-jährigen, kontinuierlichen Glasmachergeschichte und damit das „Gläserne Herz Niedersachsens“ zu sein.




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