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„Technisches Meisterstück“: Heimische Bergleute zur Rettung ihrer chilenischen Kollegen und zu den Gefahren unter Tage

„Glück auf“ – tief berührt vom „Wunder von San José“

Kleinenbremen/Obernkirchen (kk/sig). „Die Rettung der 33 verschütteten chilenischen Kumpel ist ein technisches Meisterstück,“ sagt Karl-Heinz Daum. Der Nammer weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er in Clausthal Bergbau studiert, war Chef der Nammer Eisenerzzeche und ist heute Betriebsleiter des Besucherbergwerks in Kleinenbremen. Er hat sich extra den Wecker gestellt, um die Live-Übertragungen aus San José im Fernsehen nicht zu verpassen. Gerührt hat er mitverfolgt, wie die ersten Kumpel aus der Rettungskapsel stiegen, kann den Jubel und die Euphorie gut nachvollziehen. Wie Daum haben viele ehemalige heimische Kumpel in den vergangenen Wochen gebannt vor dem Fernseher gesessen – wissen sie doch am besten um die Gefahren unter Tage, aber auch um Kameradschaft und Zusammenhalt, ohne die die harte Arbeit und gerade solche Krisensituationen nicht zu bewältigen wären.

veröffentlicht am 15.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 19:21 Uhr

Doch auch für Insider ist es nur schwer vorstellbar, so lange im unter Tage eingeschlossen zu sein. Karl-Heinz Daum: „Ganz normale Doppelschichten waren schon eine große Belastung.“ Er hatte das Glück, in seiner aktiven Zeit im Kohle-, Kali- und Eisenerzbergbau nie in akute Gefahr zu geraten. Auch wenn die Betriebssicherheit in deutschen Bergwerken hoch sei, sei man sich doch als Bergmann immer über die Gefahren im Klaren gewesen. Technische Vorkehrungen, eine solide Ausbildung und eine gut geschulte Grubenwehr sollen Unfälle verhindern. Anders als jetzt in Chile gebe es hierzulande auch immer mehrere Rettungswege.

Eine hohe Meinung hat er von Organisation und Ablauf der Rettungsmaßnahmen. Es sei schon eine großartige Leistung, mit einer Bohrung einen Schutzraum in 600 Meter Tiefe zu treffen – trotz modernster Vermessungs- und Bohrtechnik.

Im Besucherbergwerk in Kleinenbremen war die chilenische Rettungsaktion in den vergangenen Wochen immer wieder Gesprächsthema. Die Besucherführer, die dort mit ihren Gästen in die alten Erzstollen einfahren, sind immer wieder darauf angesprochen worden. Und untereinander wurde die Lage in San José natürlich auch immer wieder erörtert. Viele alte Kumpel fühlten sich immer wieder an das Bergwerksunglück in Lengede bei Salzgitter erinnert, wo 1963 elf eingeschlossene Kumpel unter dramatischen Bedingungen gerettet wurden – allerdings nicht aus so großer Tiefe. Übrigens eines der ersten ganz großen „modernen“ Medienspektakel in Deutschland.

Karl-Heinz Daum erklärt die Rettungsausrüstung eines Grubenwehrmannes im Museum in Kleinenbremen. Foto: kk

In Kleinenbremen gingen den vergangenen Wochen immer wieder Anfragen von Fernsehteams ein, die dort unter Tage drehen wollten. Das sei aber abgelehnt worden, so Daum. Schließlich seien die Verhältnisse hier nicht mit denen in Chile vergleichbar. Auch habe man den Medienrummel nicht noch weiter schüren wollen, solange die Bergleute noch nicht in Sicherheit gewesen seien.

Ein paar Kilometer von Kleinenbremen entfernt, in Vehlen, saßen gestern Morgen zwei andere pensionierte heimische Bergleute zusammen, Wilhelm Scheffler und der mit ihm befreundete ehemalige Reviersteiger Dieter Dreher. Wenn sie sich treffen, dann werden Erinnerungen wach an die vier Jahrzehnte, die sie zu einem großen Teil unter Tage verbracht haben.

Aktuelles Gesprächsthema war aber natürlich auch die dramatische Rettungsaktion in Chile. Gespannt haben sie die Berichterstattung verfolgt, mit den verschütteten Kumpeln und ihren Angehörigen mitgezittert. Da wurden natürlich auch Vergleiche zum (längst eingestellten) heimischen Kohle- und Erzbergbau gezogen.

Beide haben die Bergbauvorschule in Obernkirchen besucht, die sich im Obergeschoss des heutigen Berg- und Stadtmuseums befand. Ein Jahr lang haben sie diese zusätzliche Ausbildung nach der Schicht in der Grube abgeleistet. Wilhelm Scheffler musste nie in solchen Tiefen arbeiten wie seine chilenischen Kollegen, denn die Kohlenflöze im Bereich des Bückebergs liegen nur wenige Meter unter der Oberfläche. Später war er dann in Nammen im Erzbergbau beschäftigt und arbeitete als Betriebsratvorsitzender auch eng mit Karl-Heinz Daum zusammen.

Aber wie sah es mit den Gefahren im heimischen Kohlenbergbau aus? Scheffler: „Zumindest hatten wir in dem Bereich, in dem die Stollen von draußen direkt in den Berg führen, nicht mit Schlagwetterexplosionen zu rechnen“, berichtet er. Das sei im Tiefbau ganz anders. Dieter Dreher erinnert sich, dass die Grube in Beckedorf aufgrund des dort auftretenden Methangases die meisten „schlagenden Wetter“ in ganz Deutschland aufzuweisen hatte. Dort gab es Todesfälle, aber auch Kumpel, die schwere Verbrennungen erlitten hatten. Im Kalibergbau, in dem er vorwiegend gearbeitet hat, bestand eine ganz andere Gefahr. Dort machte sich in den Senken Kohlendioxid breit, das zum Tod durch Ersticken führen kann.

Gefährlich sei es im Kohlenabbau dicht unter der Erde vor allem dann geworden, so Scheffler, wenn der Boden durch starke Regenfälle schwer und aufgeweicht gewesen sei. Dann gab es Stolleneinbrüche, weil die Grubenhölzer die Last nicht mehr bewältigten. Scheffler: „Obwohl sich unter dem Bückeberg mehr Holz befindet als auf ihm, brachen immer mal wieder Decken zusammen und verschütteten Bergleute. Manche habe man, wenn auch mit Brüchen, noch lebend retten können.

Aber toi, toi, toi: Scheffler ist nie ernsthaft verletzt worden. Aber: „Es gab schon Ereignisse, bei denen ich nach oben schaute und dankbar dafür war, dass ich mich einige Meter von der Unglücksstelle entfernt aufhielt.“ Aber Angst, so bestätigten beide, hätten sie eigentlich nie gehabt. Denn dann hätten sie diesen schweren Beruf nicht ausüben können. Schließlich sei ihnen auch bewusst gewesen, dass die deutsche Grubentechnik die modernste in der Welt sei. Auch bei den Ereignissen in Chile habe sie zum Erfolg der Rettung beigetragen.

Für Daum, Scheffler und Dreher hat der alte Bergmannsgruß „Glück auf“ eine ganz besondere Bedeutung – sie haben ihre Arbeit unter Tage unbeschadet überstanden und genießen jetzt den Ruhestand. Umso mehr freuen sie sich natürlich über die Rettung der chilenischen Kollegen. Denn Bergleute halten zusammen – weltweit.




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