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Vom Trauma der Geflüchteten

Gut besuchte literarische Lesung in der Stadtbücherei

BÜCKEBURG. Was Migration, Vertreibung und Flucht für die betroffenen Menschen bedeutet, lässt sich nicht in einem nüchternen Wikipedia-Text erfassen. Das demonstrierten Mitglieder der Schreibwerkstatt von Gabriele Hundrieser in kontrastreicher Wechselrede.

veröffentlicht am 14.02.2019 um 14:43 Uhr
aktualisiert am 14.02.2019 um 17:20 Uhr

Karim Asfari: „Wir benötigen Schutz!“ Foto: vhs

Autor:

Volkmar Heuer-Strathmann
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BÜCKEBURG. Was Migration, Vertreibung und Flucht für die betroffenen Menschen bedeutet, lässt sich nicht in einem nüchternen Wikipedia-Eintrag erfassen. Das demonstrierten Mitglieder der Schreibwerkstatt von Gabriele Hundrieser in kontrastreicher Wechselrede.

Karim Asfari hat die bittere Erfahrung machen müssen. Der 16-jährige Adolfiner kam mit seiner Familie vor rund drei Jahren aus Syrien nach Deutschland. Gebannt hörten die vielen Gäste zu, als Karim aus seinen Erinnerungen vorlas und von Schutzbedürftigkeit sprach. Gemälde von Schülern aus dem zwölften Jahrgang zeigten auf ihre Art, was Menschenrechtsverletzung ausmacht.

Mit Hans Magnus Enzensbergers „Optimistischem Liedchen“ hatte die Gemeinschaftsaktion der Stadtbücherei und des Gymnasiums Adolfinum zum Thema „Flucht und Vertreibung“ angefangen. Mit den ehemaligen Adolfinern Jan-Peter Voß (Piano) und Jonas Lenz (Saxofon) konnte man sich da noch auf der „Sunny Side of the Street“ wähnen. Die folgenden Texte, die Michael Pavel, Ingrid Eggers und Tatjana Kaouane lasen, waren dazu als Kontrastprogramm angelegt, von dem polizeibekannten Klischee der „Nafris“ aus Nordafrika über das beklemmende Schicksal einer Kinderbuchfamilie aus der Feder von Kirsten Boie bis zur drohenden Abschiebung eines stark traumatisierten Syrers. Als Flüchtlingstrauma galt an diesem Abend ausdrücklich nicht das Leiden der CDU an der eigenen Politik.

Trotz aller Verzweiflung ist den Versen des in Deutschland lebenden Syrers Yamen Hussein, die Cornelia Kastning vortrug, die Kraft der Poesie nicht abhandengekommen. Selbst die „Mauern der Politiker“ können überwunden werden – im kunstvoll entfalteten Gedicht.

„Die Gedanken sind frei“, so war es aus dem Hintergrund zu hören, um den Bogen zu deutschen Freiheitskämpfern zu spannen, von denen nicht wenige fliehen mussten.

Mit „Straße der Diebe“ von Mathias Énard setzten Nicole Bucher und Lisa Berch besondere Akzente. Es geht in dem Roman um einen drohenden Terroranschlag in Barcelona, den nur ein illegaler Migrant aus Marokko verhindern könnte. Eine „Ohrfeige“ gab es für die Zuhörer auch noch. Abbas Khider erzählt in seinem gleichnamigen Roman von einem abgelehnten Asylbewerber, der noch ein letztes Mal zum Amt geht, um sich Gehör zu verschaffen. Da knallt’s.

Ging es da um „Papiere“, geht es in „Fremd im eigenen Land“, von Renate Engelmann vorgetragen, um den richtigen Pass. Menschen, die in Deutschland als Kinder von Flüchtlingen und Migranten geboren wurden und inzwischen deutsche Staatsbürger sind, erleben, so „Advanced Chemisty“ schon im Jahr 1992, dennoch Ausgrenzung, Fremdheit, Ablehnung.

Nach der Lesung drehten sich einzelne Gespräche im kleinen Kreis um den Werdegang von Kindern und Jugendlichen aus den seinerzeit auch am Adolfinum eingerichteten „Willkommenklassen“. Nur wenige konnten ihren Zielen so nahe kommen wie Karim Asfari. Der schloss in seine persönlichen Dankesworte ausdrücklich auch eine außerschulische Helferin ein.




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