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Warenaustausch, Verkehrsknotenpunkt, Privilegien: eine Weserstadt wird Bündnis-Mitglied

Handelszentrum dank der Hanse

VON HORST KNOKE

veröffentlicht am 09.07.2010 um 09:53 Uhr

Hanse-Städte sind gewisse, an der See oder an schiffbaren Flüssen gelegene Städte, welche zur Beförderung ihrer Handelschaft anno 1254 eine Off- und Defensiv-Alliance miteinander geschlossen. Dieses Bündnis wurde nach und nach so mächtig, dass sie nicht allein alle Handlung an sich brachten, sondern auch mit den benachbarten Potentaten Krieg führten und Frieden schlossen, auch mit auswärtigen Reichen, gleich einer Republic, Alliancen machten, und daher bey gekrönten Häuptern große Eifersucht erweckten.“ So wird die unio hanseatica, die sich im 13. Jahrhundert aus der Vereinigung deutscher Kaufleute im Ausland gebildet hatte und dann zum Bündnis norddeutscher Städte wurde, in einer alten Quelle beschrieben.

Lübeck hatte 1226 durch Kaiser Friedrich II. die Reichsfreiheit erhalten und setzte sich allmählich an die Spitze des sich damals bildenden Hansebundes. Die Hanse gliederte sich zunächst in drei Quartiere: das westfälische mit dem Vorort Köln, das wendische mit Vorort Lübeck und das preußische mit Vorort Danzig. Später kam das vierte Quartier, die sächsischen Städte Göttingen, Halle, Halberstadt, Hildesheim, Braunschweig, Hannover, Hameln und Lüneburg unter der Leitung Braunschweigs dazu. Hameln hatte im Laufe des 14. Jahrhunderts eine so starke Position errungen, dass es zur Wahrung seiner erreichten Stadtfreiheiten und der Handelsinteressen für große Bündnisse offen war. Obgleich noch nicht Mitglied der Hanse, wurde es 1351 vom Kölner Hansetag aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen, ob der deutsche Stapel in Brügge wegen des Angriffs flandrischer Städte nach Antwerpen verlegt werden sollte. Die hansischen Seestädte, an der Spitze Lübeck, forderten Hameln und andere deutsche Städte 1367 auf, an dem Krieg der Kölner Konföderation gegen König Waldemar von Dänemark teilzunehmen, der ein Jahr später mit der Niederlage Dänemarks endete. 1374 erstattete Hameln zusammen mit anderen sächsischen Städten beim Lübecker Hansetag Anzeige über Unruhen in Braunschweig. Im Jahre 1382 schloss die Stadt Hameln sich dem Städtebund der sächsischen Städte Göttingen, Goslar, Hildesheim, Braunschweig, Lüneburg, Hannover, Helmstedt und Uelzen zur Bekämpfung der wachsenden Unsicherheit auf den Landstraßen an. Dieser Bund war der Anfang des großen Städtebundes sächsischer Städte unter Führung von Braunschweig, der zum vierten, dem sächsischen Quartier der Hanse wurde.

Wegen der hohen Umlagen, die die Mitglieder zu bezahlen hatten, 1494 waren es für Hameln 20 rheinische Gulden, trat Hameln erst 1426 offiziell der Hanse bei und wurde für 30 Florint in die Bundesmatrikel aufgenommen, wie ebenso im Hamelner Urkundenbuch zu lesen ist wie eine Kriegserklärung ein Jahr später. Damals teilte Hameln wie auch Lübeck, Hamburg, Rostock, Stralsund, Lüneburg und Weimar dem König Erich von Dänemark mit, „dass Hameln ihm und seinen Helfern Feind sein wolle, weil er den Kaufleuten der deutschen Hanse wider die gegebenen Privilegien in seinen Reichen schweren Schaden zugefügt habe und zufügen lasse.“

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Abbildung aus dem Hamburger Stadtrecht von 1497.

Hameln hatte durch seine Mitgliedschaft in der Hanse teil an dem Warenaustausch mit den nordischen Ländern. Auf einer der ältesten Straßenkarte Deutschlands aus dem Jahre 1500 ist Hameln als Verkehrs- und Handelszentrum verzeichnet. Die Hanse, die keine Verfassung hatte und deren Mitgliederbestand sehr häufig wechselte, maximal gehörten ihr 70 Städte gleichzeitig an, im Laufe der Zeit waren es 160 Städte, stellte von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des 16. Jahrhunderts eine ganz bedeutende wirtschaftliche Macht dar.

Sie beherrschte den gesamten Handel und Verkehr auf den nördlichen Meeren, so auch den Handel mit Wolle, Tuch, Salz und Wein zwischen England, Frankreich und Flandern und verdrängte England aus dem Holz- und Getreidehandel zwischen England und Ostdeutschland, Polen und Russland und kontrollierte den gesamten Fischfang vor der norwegischen Küste von Bergen aus. Ihr enges Netz von Handelsverträgen auf dem Festland reichte bis Spanien und Finnland. Die Hansekaufleute genossen vielfältige Privilegien, Zoll- und Abgabenfreiheit. Die Landesfürsten, deren Geldgeber sie vielfach waren, räumten ihnen weitere Vorrechte ein.

Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Hameln wiederholt wegen Fehlens auf den „Tagfahrten“, den Hansetagen in Lübeck zur Rechenschaft gezogen und in Strafe genommen, so 1451, 1469, 1470 zwei Mal und 1567, da halfen gegenüber den arroganten Lübeckern auch keine schriftlichen Entschuldigungen und Vertretungen wurden von ihnen nicht akzeptiert. Der Grund für das Nichterscheinen waren die hohen Kosten für die Gesandtschaft zu den oft weit entfernten Versammlungsorten der Hansetage. Als Göttingen, Hannover, Goslar und Hameln 1572 mit der Einladung zur Tagfahrt nach Lübeck die dringende Aufforderung erhielten, die seit 1567 fällige Strafe wegen Nichtbeschickung endlich zu bezahlen, traten sie aus. Sie begründeten den Austritt damit, dass Geld von ihnen ohne Gegenleistungen erzwungen und dass auf Binnenstädte keine Rücksicht genommen würde, die von dem Hansebund im Gegensatz zu den Seestädten kaum Vorteile hätten. Alle Versuche der Lübecker, die abgefallenen Städte zurück in die Hanse zu holen, scheiterten, insbesondere am Widerstand Göttingens.

Wenige Jahre später, am 12. Oktober 1576, schlossen die sieben sächsischen Städte Braunschweig, Einbeck, Northeim, Hameln, Hannover, Hildesheim und Göttingen ein Sonderbündnis „zu gegenseitigem Schutz, Erhaltung der Freiheiten und Förderung des Landfriedens.“ Dieses auf zehn Jahre befristete Bündnis entsprang wohl dem Sicherheitsbedürfnis der Städte, nachdem der Schutz durch die Hanse nicht mehr gegeben war.

Bis zum Erstarken des Landesfürstentums, Mitte des 16. Jahrhunderts, hatte die Stadt Hameln fast die gleiche Selbstständigkeit als Landstadt wie die freien Reichsstädte. Die Landesherren hatten seit dem 13. Jahrhundert der Stadt ihre erworbenen Rechte immer wieder neu bestätigt und nur eine nominelle Landeshoheit über die Stadt ausgeübt. So war es möglich gewesen, dass Hameln, ohne den Landesherrn zu fragen, sich der Hanse und den Städtebünden angeschlossen hatte.

Nach der Entdeckung Amerikas und des Seewegs um Afrika nach Fernost suchte sich der Handel neue Wege und das Schwerpunktgebiet der Hanse, Nord- und Ostsee, verlor wesentlich an Bedeutung. Der Hansebund lockerte sich durch die zunehmende Macht der Landesfürsten, die Schwerfälligkeit und die Uneinigkeit im Bündnis und die Selbstsucht einiger Mitglieder. Immer mehr Städte sprangen ab und Anfang des 17. Jahrhunderts waren von 70 Städten nur noch 14 im Hansebund. Bis zum 30-jährigen Krieg, der das Aus für die Hanse bedeutete, waren nur noch Hamburg, Lübeck und Bremen übrig geblieben.

Es ist schwer zu beurteilen, ob Hameln von seiner 146 Jahre dauernden Mitgliedschaft in der Hanse letztlich Vorteile gehabt hat. Anfänglich mag man solche gesehen haben, aber in späteren Jahren haben wohl die Nachteile überwogen, sonst wäre die Stadt sicher nicht ausgetreten. Im 14. bis 16. Jahrhundert erlangte die Stadt Münster als Hansestadt, ab 1494 als Vorort der westfälischen Hanse, große Bedeutung. 1993 feierte sie ein ganzjähriges Bürgerfest zum 1200-jährigen Stadtjubiläum. Aus diesem Anlass erinnerte man auch an die Zeit der Hanse und ließ in der Fußgängerzone in den Gehwegbelag zahlreiche Metallplatten ein, auf denen jeweils eine Hansestadt verzeichnet ist. Eine dieser Platten trägt auch den Namen unserer Heimatstadt Hameln, in der nichts an ihre lange Mitgliedschaft an die Hanse erinnert.




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