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Freizeit- und Tagungsstätte Schloss Baum beherbergt pro Jahr rund 8000 zumeist jugendliche Gäste

Hauch der Geschichte und mystisches Freimaurer-Fluidum

Rusbend (bus). Wenn das Graf Wilhelm noch erlebt hätte: Mitten in der Stille und Abgeschiedenheit des Schaumburger Waldes, wo ihm eigentlich der Sinn nach Ruhe, Entspannung und Beschaulichkeit stand, tobt heute jugendliches Leben. „Im Durchschnitt beherbergen wir an 300 Tagen im Jahr Gäste, zumeist junge Leute zwischen acht und 14 Jahren, insgesamt rund 8000“, erklärt Klaus Harms. Es habe sich aber in den zurückliegenden Dekaden erwiesen, dass die Besucher den Intentionen des Adeligen durchaus positiv und interessiert gegenüber stünden. „Dass hier der Hauch der Geschichte ziemlich deutlich wahrzunehmen ist, stört eigentlich niemanden“, schildert der Leiter der Freizeit- und Tagungsstätte seine Erfahrungen.

veröffentlicht am 19.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 20:41 Uhr

Harms muss es wissen. Der Landwirtschaftsmeister und Diplompädagoge führt in der Einrichtung des Evangelischen Jugendwerkes Schaumburg-Lippe (EJW) seit 23 Jahren die organisatorische Regie. Das anno 1764 fertiggestellte Gebäude – einer Aussage von Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe zufolge „das kleinste Schloss der Welt“ – befindet sich nach wie vor im Besitz der fürstlichen Familie, wird aber seit mehr als drei Jahrzehnten vom EJW bewirtschaftet. „Innerhalb der schaumburg-lippischen Landeskirche kommt dem Haus ein besonderer Stellenwert zu“, erläutert Harms. Etwa 60 Prozent der Besuchergruppen verfügten über einen kirchlichen Hintergrund. Das Haus werde aber auch von kommunalen Trägern und Privatpersonen in Anspruch genommen.

Das Jugendwerk bietet seinen Gästen in 13 Zimmern Übernachtungsmöglichkeiten für bis zu 42 Personen. Auf dem weitläufigen Gelände gibt es einen Bolzplatz, eine Volleyballfläche, Möglichkeiten zum Tischtennisspiel, einen Grillplatz, mehrere Schaukeln sowie einen kleinen See samt Abenteuerfloß und Seilbahn. Im Schlossinneren kann der mit zahlreichen Geweihen geschmückte und per Kamin beheizte Jagdsaal als Tagungsraum genutzt werden; hier befindet sich auch der Speisesaal. Im benachbarten Haus verbreitet ein mit einem Schwedenofen ausgestatteter Kiefernsaal gerade in der kälteren Jahreszeit eine behagliche Atmosphäre. „Trotz des zum Teil recht edlen Ambientes betrachten wir es als eine unserer Hauptaufgaben, jungen Menschen zu möglichst niedrigen Preisen Begegnungen jenseits des Alltäglichen zu arrangieren“, legt Hausleiter Harms dar.

Da passt es gut ins Bild, dass das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Gegenwart seit mehreren Jahren von künstlerischen Darbietungen begleitet wird, die ebenfalls für „kleines Geld“ – zumeist wird um freiwillige Spenden gebeten – zu genießen sind. Im Sommer zählen die Bielefelder Schauspielgruppe „Compagnie Charivari“ und die Loccumer Tanzkohorte „Urknall“ zu den Stammgästen von Schloss Baum, winters geben sich zumeist folkloristisch orientierte Musiker (am 11. März präsentiert Stefan Johannsson sein Debütalbum „Finding Home“ im Jagdsaal) ein Stelldichein.

Klaus Harms

Frivoles Theaterspiel und musikalische Töne sind der historischen Anlage nicht völlig fremd. Rund um das dem spätbarocken Klassizismus zugeordnete architektonische Kleinod, das zwischen 1757 und 1764 unter wesentlicher Mitwirkung des Kasseler Hoftischlers Johann Ruhl auf die Grundmauern eines älteren Forsthauses aufgesetzt wurde, herrschte im unmittelbaren Anschluss an die Errichtung durchaus die Atmosphäre eines „Lusthauses“. Graf Wilhelm lebte hier ohne höfische Zwänge und Pflichten. Optischer Höhepunkt des Ensembles war eine den Themen „Wasser“ und „Musik“ gewidmete „Wasserkunst“, deren Anblick dem Betrachter derzeit eher ein Bild des Grauens denn des Wohlgefallens vermittelt.

Als plötzlich seine kleine Tochter und zwei Jahre darauf auch seine Ehefrau starb, bekam das Anwesen für den als Militärstrategen international bekannt gewordenen Schaumburger eine andere Bedeutung. Der seinerzeit gleichermaßen als draufgängerisch wie sensibel geltende Mann zog sich immer mehr in die Waldeinsamkeit zurück. Noch bevor das von ihm für die direkte Nachbarschaft des Mini-Schlosses konzipierte und in Auftrag gegebene kleine Mausoleum vollendet werben konnte, segnete der 54-jährige Haudegen das Zeitliche. „Auch und gerade die Begräbnisstätte des früheren Landesherrn, in dessen Umgebung sich ein Fluidum des freimaurerisch Mystischen zum Hauch der Geschichte gesellt, erfreut sich heute bei unseren jugendlichen Besuchern großen Interesses“, weiß Klaus Harms.




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