weather-image
27°
Wie die Nikolaikirche evangelisch wurde

Heiligenverehrung – einstmals ein Graus für Lutheraner

RINTELN. Käme heute ein katholischer Priester aus der Zeit vor der Reformation in die Nikolaikirche, er wäre geschockt. Wo sind die ganzen Altäre? Wieso steht alles voller Bänke? Und Gesangbücher – wozu das denn? Auch die dominante Kanzel hätte ihn verwirrt.

veröffentlicht am 06.02.2018 um 15:52 Uhr
aktualisiert am 06.02.2018 um 16:40 Uhr

Über die Gesangbücher in der Kirche hätte ein Priester aus vorreformatorischer Zeit ganz besonders gestaunt. Foto: cok
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Allein an der Art der Inneneinrichtung von St. Nikolai hätte er erkennen können, dass diese Kirche gar nicht mehr katholisch ist.

Sechs Altäre besaß die Nikolaikirche, bevor auch sie vom Reformationsgeschehen erreicht und evangelisch wurde, im Jahr 1559, 40 Jahre, nachdem Martin Luther seine Thesen formuliert hatte. Bis auf den Hauptaltar, dessen Platte vermutlich noch aus vorreformatorischer Zeit stammt, waren die meisten dieser Nebenaltäre ausgewählten Heiligen gewidmet, einer davon sicher auch dem Sankt Nikolaus, dem die Kirche geweiht war. Heiligenverehrung – ein Graus für Lutheraner. Man brauchte keinen Vermittler mehr, um zu Gott zu sprechen. Also raus mit den Altären, und damit zugleich auch raus mit den sechs Priestern, die für die mehrmals täglichen Messen zuständig waren. Von jetzt an hielt allein der protestantische Magister Theodor Heidemann die Gottesdienste ab.

Das waren ziemlich lange Gottesdienste; viel länger, als die relativ kurzen, dafür viel häufigeren Messen. Lutherische Predigten konnten durchaus mal eine Stunde dauern, anders als die katholischen Minuten-Predigten, die außerdem sowieso niemand verstand, weil sie in Latein gehalten wurden. Bei den Lutheranern sollte man zuhören, in sich gehen, selbst mitdenken, und da das im Stehen auf Dauer zu anstrengend wird, holte man erstmals Sitzbänke für die Gottesdienstbesucher in die Kirche. Nach dem Verschwinden der Altäre war jetzt ja auch Platz dafür da.

Katholiken mussten bezahlen, wenn sie für Angehörige eine Messe lesen ließen, eine der Einnahmequellen der Kirche. Die Lutheraner waren aber auch nicht faul und holten sich einen Obolus in Form von Miete für die besseren Plätze auf den Bänken. Je weiter vorn, desto teurer. Gleichzeitig erhöhte sich auch die soziale Kontrolle darüber, wer fleißiger Gottesdienstbesucher war und wer sich da eher zurückhielt. Während man bei den Messen oft nur kurz in die Kirche eintrat, ein Gebet sprach und wieder ging, fiel es nun natürlich auf, wenn die reservierten Plätze einer Familie nicht besetzt waren.

Über die Gesangbücher in der Kirche hätte der Priester aus vorreformatorischer Zeit ganz besonders gestaunt. Die katholische Gemeinde sang keine Lieder, außer die Melodien im festen Rahmen der lateinischen Liturgie. Erst die Protestanten erkannten den Wert des Gemeindegesangs, ließen sich so doch biblische Inhalte auf eingängige Weise weitertragen, meist mit der Zeit auswendig gelernt, da die wenigsten Bürger lesen konnten.

Die beiden Rintelner Kirchenpädagoginnen Heidi Vogt und Ingrid Duske luden im letzten Jahr dazu ein, die Nikolaikirche nach typischen Zeichen der erfolgten Reformation abzusuchen. Dass auch das große Taufbecken im Altarraum dazugehört, hätte kaum einer aus der Teilnehmergruppe gedacht. In katholischer Zeit gab es gleich am Eingang ein Weihwasserbecken, das Taufbecken befand sich aber wahrscheinlich in einer kleinen Taufkapelle. Es enthielt Wasser, das in der Osternacht geweiht worden war und dann das ganze Jahr über nicht ausgewechselt wurde. Nicht selten musste ein Säugling, der darin untergetaucht wurde, dann erst mal eine Infektionskrankheit überstehen.

Von heute auf morgen gingen diese und andere Veränderungen allerdings nicht voran. Keineswegs sei der neue Pastor Heidemann durch die Kirche gegangen und hätte aussortiert, was nicht zum Luthertum passte, so die Kirchenpädagoginnen. Es habe viele Jahrzehnte gedauert, bis die Nikolaikirche auch äußerlich eine rundherum evangelische Kirche wurde.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare