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Kabarett „Die Mischlinge“ im Museum: Zwölf Szenen von Talkrunde bis Protest gegen Asphaltwerk

Heimatliebe kann man nicht einfach auslöschen

Rinteln (cok). Zwei alte Herren, ein Deutscher und ein Türke, in der Sauna, ihre rundlichen Körper mit Handtüchern umwickelt, die Blicke geradeaus gerichtet, während sie miteinander reden, und dann springt der Deutsche auf: „Du willst Deutscher werden? Das hier ist wahre deutsche Kultur!“ Lautstark deklariert er Ludwig Uhlands Gedicht „Der wackere Schwabe“, mit der berühmten Kampfbeschreibung: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken heruntersinken“.

veröffentlicht am 14.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 04:41 Uhr

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Ja, die Amateur-Kabaretttruppe „Mischlinge“ aus Stadthagen nimmt kein Blatt vor den Mund bei ihren kleinen Inszenierungen, die sich fast immer aus dem speisen, was die Mitglieder selbst in ihrem Alltag erlebt haben. Seit Theaterpädagogin Renate Junklewitz zusammen mit der VHS vor 20 Jahren das Kabarett im Kulturzentrum „Alte Polizei“ ins Leben rief, meldeten sich unzählige Schaumburger Bürger zu den Kabarettkursen an, darunter eine ganze Reihe Türken, aber auch russlanddeutsche Aussiedler, Kroaten, Afrikaner oder Austauschschüler aus Estland und Lettland. Im Moment bestehen die „Mischlinge“ aus drei Männern und drei Frauen, und das aktuelle Programm bietet auch einen Rückblick auf zwei Jahrzehnte politisch-kritisches Kabarett.

Die Gruppe entstand, um das nicht immer unproblematische Miteinander unterschiedlicher Nationalitäten in Deutschland zu durchleuchten und die Knackpunkte herauszuarbeiten, an denen jeweilige Vorurteile und Lebensvorstellungen aufeinanderprallen. „Wir legen großen Wert auf Authentizität, aber wir überspitzen, ironisieren, lachen, obwohl manches zum Weinen ist“, sagte Renate Junklewitz am Donnerstagabend im Museum Eulenburg, wo die „Mischlinge“ eine Jubiläumstournee mit fünf Stationen durch den Landkreis starteten. „Würden wir die Wirklichkeit direkt dokumentieren, bliebe oft nur zu sagen: Wie schrecklich ist die Welt! Und das bringt niemanden weiter.“

Gerade die theatralische Verfremdung durchschneidet manchen Gordischen Knoten, etwa in einer Szene, wo ein Türke, eine Ukrainerin und - ein Bayer auf ihren Einbürgerungstest zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft warten. „Man muss die Nationalhymne können“, sagt die Frau aus der Ukraine, und prompt intoniert der Bayer die Bayernhymne, der Türke die türkische Nationalhymne. Und als die Ukrainerin, um zu zeigen, wo es langgeht, mit voller Leidenschaft die deutsche Hymne vorzutragen beginnt, merkt sie gar nicht, dass sie bereits nach vier Zeilen dabei ist, das Deutschlandlied mit „Schtsche ne wmerla Ukrajina“, also: „Noch ist die Ukraine nicht gestorben“ fortzusetzen. Heimatliebe kann man nicht einfach auslöschen.

Zwölf einzelne Szenen präsentieren die „Mischlinge“. Sie spielen eine typische Talkrunde zum Thema Ausländerkriminalität nach, in der auf fatal komische Weise und wie nebenbei alle nur denkbaren Ausländerfeindlichkeiten herausposaunt werden, aber sie greifen auch aktuelle Themen wie die Arbeitssuche der „Schlecker“-Frauen auf oder den Protest um das Stadthäger Asphaltwerk. Morgen treten sie während der Bückeburger „Langen Nacht der Kultur“ auf, am Samstagabend in der „Alten Polizei“ Stadthagen, am 21. September um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Hachmühlen und am 23. September in der Schlossküche in Bückeburg.

Am Mittwoch, 19. September, beginnt ein neuer Kabarettkurs in Stadthagen. Interessierte können um 20 Uhr vorbeikommen.

Bernhard Fritz, Joachim Schütz und Steffi Broocks von den „Mischlingen“ in einer Szene ihres Kabarettprogramms.

Foto: cok




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