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Ist es Sehnsucht nach der Heimat? Und wieso fühlt sich Liebeskummer ähnlich an?

Heimweh: „Ein Gefühl ohne Boden“

Das Gefühl, mutterseelenallein auf der Welt zu sein, das lernen die meisten Menschen vor allem in ihrer Kindheit kennen. Dann, wenn sie nicht zu Hause, nicht bei den Eltern sind. Heimweh nennt sich dieses überwältigende Gefühl, das Kinder in die Verzweiflung treibt. Später, als Jugendlicher oder Erwachsener, tritt dieses Gefühl früher oder später wieder auf. Aber in anderer Gestalt und mit anderem Namen. Liebeskummer nennt sich dann das Gefühl, das einem vermittelt, in der Welt vollends verlassen und verloren zu sein. Woher kommt dieses Gefühl, woher das Heimweh? Und gibt es dagegen ein Rezept?

veröffentlicht am 06.05.2019 um 17:34 Uhr
aktualisiert am 20.05.2019 um 12:32 Uhr

„Mama, ich will nach Hause!“ Die ersten Übernachtungen ohne Eltern sind für viele Kinder oft mit Heimweh verbunden. Foto: dpa
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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HAMELN. Heimweh, sagt Dr. Ullrich Händchen, sei ein Begriff, der vor allem im Zusammenhang mit Kindern angewendet wird. Wenn der Psychotherapeut aus Aerzen seine als Lehrerin arbeitende Frau seinerzeit auf Klassenfahrten begleitete, dann habe er für die Schüler am Abend eine „Sprechstunde“ eingerichtet, in der sie sich mit ihren Problemen an ihn wenden konnten. „Die Hälfte der Kinder klagte über Heimweh!“, erzählt Dr. Händchen.

Er selbst habe als Kind schrecklich unter Heimweh gelitten und sei „richtig krank“ gewesen. „Heimweh“, sagt Dr. Händchen, „ist die Sehnsucht danach, geliebt zu werden.“ Aber die meisten Kinder wissen doch, dass ihre Eltern sie lieben, wieso überkommt sie in ihrer Abwesenheit dann trotzdem das furchtbare Gefühl, nicht geliebt zu werden, das Heimweh? „Man weiß zwar, dass man geliebt wird oder kann es sich vorstellen – aber ich habe es in diesem Moment nicht“, so Dr. Händchen. Und das mache das Heimweh zu dem schlimmen Gefühl, das es ist. „Heimweh ist das Gefühl von ,Ich geh verloren‘“, führt der Psychotherapeut aus. Das Gegenteil von Heimweh könnte demnach das Gefühl von Heimat sein. „Heimweh ist nicht die Sehnsucht nach einem Ort, sondern nach den Menschen, die Heimat repräsentieren.“ Heimat als Ort, an dem man sich wie zu Hause fühlt.

Doch was tun, wenn Heimweh akut ist? „Übergangsobjekte können helfen“, sagt der Aerzener Psychotherapeut und spricht dabei aus eigener Erfahrung. „Meine Mutter hat mir immer bestimmte Kekse mit auf Reisen gegeben, die ich dann aß, wenn mich das Heimweh überkam.“ Ein Ritual, das ihm geholfen habe, das Heimweh zu bannen. Alternativen könnten ein Teddy, ein Bild, eine Karte und so weiter sein. Ein Objekt, das vermittelt: Sie, die Eltern, lieben mich.

Und wieso fühlt sich Liebeskummer, der in aller Regel ja nicht durch die Eltern ausgelöst wird, an wie Heimweh? „Liebeskummer ist etwas anderes, aber fühlt sich ähnlich an“, sagt Dr. Händchen. „Liebeskummer ist, wenn mich ein Mensch ablehnt, Heimweh ist ein Gefühl ohne Boden.“ … aber ist Liebeskummer das nicht auch? Geliebt zu werden, das bedeute, gesehen und geachtet zu werden. „Das ist eine soziale Komponente, die dir sagt: Du bist speziell!“, so Dr. Händchen. Bricht diese Komponente weg, weil sich der Partner trennt oder weil man ihm nicht vertraut und eifersüchtig ist, dann sei das, was sich dann einstelle, das Gefühl der Ablehnung, „das absolute Kontrastprogramm“. Und was lässt sich gegen dieses leidige Kontrastprogramm tun? Offenbar nicht viel. Außer: „Die gemeinsame Zeit, die man miteinander hatte, zu achten: Da war es gut“, sagt Dr. Händchen. Kontraproduktiv sei es, Betroffenen einreden zu wollen, dass die oder der Verflossene doch „sowieso doof“ gewesen sei, es auch noch andere Männer oder Frauen gebe und das Leben schließlich weitergehe. „Der Schmerz muss integriert werden“, sagt Dr. Händchen, „nur dann wird man geheilt.“

Nach einer Zeit, wenn der akute Schmerz abgeklungen sei, könne man sich die Frage stellen, ob man selbst nicht auch Anteil am Scheitern der Beziehung gehabt haben könnte. „Die damit zusammenhängende Erkenntnis ist natürlich auch mit Schmerz verbunden, aber der Gewinn ist die neu zu gewinnende Perspektive: Man kann wieder nach vorn schauen und eine mögliche neue Beziehung anders und nachhaltiger gestalten“, so Händchen. Doch das Gegenmittel, das von jetzt auf gleich gegen Liebeskummer oder Heimweh hilft, muss erst noch erfunden werden.

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