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So gut wie alle Maschinen für die Produktion von Staubsaugerbeuteln kommen von der IGEA GmbH

„Hidden Champion“ in der Kreuzbreite

BÜCKEBURG. Wenn Sie heute Morgen Ihren Staubsaugerbeutel wechseln und einen neuen einlegen müssen, dann können Sie ziemlich sicher sein, dass der auf einer Maschine produziert wurde, die in Bückeburg gebaut worden ist: von der Firma IGEA GmbH Ingenieurgesellschaft für Energie- und Automatisierungstechnik mit ihren Tochterfirmen Deerberg Mechanical Systems und Norddeutsche Fertigungstechnik. Auch der kleine Aromaschutzfilter in der Kaffeeverpackung oder die Saugeinlage – mit Ultraschall verschweißt –in der Grillfleischverpackung des Supermarktes kann auf einer in Bückeburg gebauten Maschine produziert worden sein. Mehr über den „Hidden Champion“ lesen Sie hier:

veröffentlicht am 17.07.2018 um 16:40 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 17:40 Uhr

50 Millionen Aromaschutz-/Überdruckventile werden an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr auf dieser Maschine produziert, wie der Geschäftsführende Gesellschafter, Guido Hiller (v. l.), dem CDU-Bundestagsabgeordneten Maik Beermann erläuterte. Fo
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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. Wenn Sie heute Morgen ihren Staubsaugerbeutel wechseln und einen neuen einlegen müssen, dann können Sie ziemlich sicher sein, dass der auf einer Maschine produziert wurde, die in Bückeburg gebaut worden ist: von der Firma IGEA GmbH Ingenieurgesellschaft für Energie- und Automatisierungstechnik mit ihren Tochterfirmen Deerberg Mechanical Systems und Norddeutsche Fertigungstechnik. Auch der kleine Aromaschutzfilter in der Kaffeeverpackung oder die Saugeinlage – mit Ultraschall verschweißt –in der Grillfleischverpackung des Supermarktes kann auf einer in Bückeburg gebauten Maschine produziert worden sein.

Weit hinten in der Kreuzbreite II hat sich in den vergangenen 22 Jahren das Unternehmen des Geschäftsführenden Gesellschafters Guido Hiller zu einem weltweit operierenden „Hidden Champion“ insbesondere für Maschinen für die Staubsaugerbeutelproduktion entwickelt, wie der CDU Bundestagsabgeordnete Maik Beermann lobend feststellte. Er besucht derzeit im Rahmen seiner Sommertour diverse Unternehmen in seinem Wahlkreis. Mit dabei waren in Bückeburg neben Bürgermeister Reiner Brombach und Vertretern von Stadt und Landkreis mehrere CDU-Ratsmitglieder.

Hiller gelang es nach der Übernahme von Deerberg Innovationspotenzial der dort produzierten Maschinen zu heben. Statt Beutel in Haushaltsgeräten können auf den gleichen Maschinen mit kurzen Umrüstzeiten bis zu 1,20 Meter lange Industriebeutel gefertigt werden – und das auch noch in kleinen Stückzahlen. „Seitdem liegen wir europaweit vorne. Mitbewerber konnten und können nicht mehr mithalten.“ Selbst chinesischen Mitbewerbern und „Abkupferern“ wurde in Zusammenarbeit mit einem namhaften Staubsaugerhersteller ein Schnippchen geschlagen. Die Beutel werden so geschickt gefalzt und verpackt, „das bekommen selbst Chinesen nicht mehr hin“, freute sich Hiller, „selbst nicht mit mehr in Handarbeit und Tausenden Arbeitskräften.“ 80 Beutel produziert die Maschine – pro Minute.

Ein Aromaschutz-/Überdruckventil, kompostierbar und aus biologisch abbaubarem Kunststoff: Zu finden sind sie in Kaffeepackungen oder Fertigteig für Pizzas, überall, wo etwas nach der Produktion noch ausgasen kann. Foto: rc
  • Ein Aromaschutz-/Überdruckventil, kompostierbar und aus biologisch abbaubarem Kunststoff: Zu finden sind sie in Kaffeepackungen oder Fertigteig für Pizzas, überall, wo etwas nach der Produktion noch ausgasen kann. Foto: rc

Auf die Eigenproduktion der Aromaschutzventile kam Guido Hiller übrigens dadurch, dass ein Mitbewerber – auf anderen Maschinen – nicht so präzise produzieren konnte. Wobei Hiller bei der Umsetzung natürlich sein Credo entgegenkam: „Was irgendwie machbar ist, setzen wir auch um.“

1996 in Stadthagen gegründet und kurz danach nach Bückeburg umgesiedelt, arbeiten mittlerweile knapp 50 Mitarbeiter für den Maschinen- und Anlagenbauer. Zum Umsatz machte Hiller keine Angaben. Nur so viel: Bis Ende 2019 ist der Maschinenbauer voll ausgelastet und hat Aufträge im Wert von rund zehn Millionen Euro in den Büchern.

Und da fangen die Probleme an. Es fehlt an Personal, wie Hiller klagte, weniger die viel zitierten Maschinenbau- oder Elektrotechnik-Ingenieure, sondern insbesondere Facharbeiter: „Wir finden einfach keine Fachkräfte mehr.“ Die Folge: Ein Teil der Aufträge wird bereits in der Türkei erledigt – nicht wegen des Preisdrucks, wie der Geschäftsführer Gesellschafter betonte. Erst vergangene Nacht habe er vier Türken vom Flugplatz abgeholt, die jetzt als Maschinenbauer und Gastarbeiter in seinem Betrieb arbeiten. Das Paradoxe: Gelernt haben sie ihren Beruf in Deutschland, sprechen fließend Deutsch. Sein Appell an die Politik: „Nicht mehr so viele Akademiker produzieren, wir brauchen auch Indianer, nicht nur Häuptlinge.“ Ein Appell, an den sich Hiller selbst hält: Durchschnittlich bildet er vier bis fünf Azubis pro Jahr aus.

Beermann – selbst ohne Abitur und Studium – räumte ein, dass die Politik in diesem Bereich Fehler gemacht und zu sehr auf die OECD gehört habe, die den Akademikermangel in Deutschland beklagt hatte. Dabei hätte die OECD bis heute das duale Ausbildungssystem nicht verstanden. Die Bundesregierung habe mittlerweile die Hebel umgelegt. Es werde aber dauern, bis wieder mehr Facharbeiter kommen. Als zweites Problem umriss Beermann, dass Abiturienten nicht immer die Studierfähigkeit erlangen, aber dennoch studieren. Selbst drei Jahre Lehre reichen ja inzwischen für eine Fachhochschule, kritisierte auch Hiller: „Das kann nicht sein.“

Hiller hatte ansonsten wenig Kritik am Standort Deutschland und dem Standort Bückeburg zu äußern. „Wir leben hier im Paradies“, berichtete er im Vergleich zu anderen Ländern und seinen weltweiten Auslandserfahrungen – 50 Prozent der IGEA-Produktion geht nach Europa oder in die Welt, etwa nach Malaysia.

Vor Ort ist er mit der Standortwahl Bückeburg – die Anfänge der Selbstständigkeit des gebürtigen Stadthägers liegen in Stadthagen – mehr als zufrieden: „Ich bereue nicht einen Tag hier.“ Was irgendwie machbar ist, werde umgesetzt, lobte er die Verwaltung. Was eventuell demnächst wieder notwendig ist. Denn auf dem Firmengelände ist es nach diversen Erweiterungen mittlerweile eng geworden.




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