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Den Ilmpark in Weimar plante der Dichter gemeinsam mit seinem Förderer Herzog Carl August

Hier hatte selbst Goethe einen grünen Daumen

Vor dem Tor, Spaziergänger aller Art ziehen hinaus“, heißt es in Goethes „Faust“ zu Beginn der Osterspaziergang-Szenen. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick ...“, freut sich Faust über das heftige Wiedererwachen der Natur. Wo könnte man das klassischer nachempfinden als dort, wo Johann Wolfgang von Goethe das „liebe Gärtgen vorm Tore“ besaß: im Ilmpark der Stadt Weimar. Goethes Freund und Förderer, der Herzog Carl August, hatte ihm 1776 das Gartenhaus geschenkt. Sechs Jahre lang lebte der Dichter dort. Es stand damals allerdings noch nicht in einer der schönsten Parklandschaften Deutschlands. Die Natur sei recht ruppig, schrieb Goethe an seine Muse Charlotte von Stein. Eigenhändig legte er einen Garten an. Im Wesentlichen ist dieser bis heute erhalten.

veröffentlicht am 26.03.2011 um 00:00 Uhr

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Dorthin, in seinen Garten, lud der Dichter am Gründonnerstag die Kinder von Herder, Wieland und anderen Bekannten zum „Haseneier-Suchen“ ein. Der Brauch ist bis heute erhalten: Jedes Jahr lässt die Klassik-Stiftung zwei Gruppen aus Weimarer Kindergärten in Goethes Garten nach Eiern suchen. Das ist allerdings keine öffentliche Veranstaltung. Der Garten könnte sonst wohl arg zertrampelt werden.

Dass „Spaziergänger aller Art“ heute zum Osterspaziergang in den schönsten Landschaftsgarten Thüringens ziehen, hat viel mit Goethe zu tun: 1778 begannen der Herzog und sein Dichterfreund, die Ilmauen südlich vom Stadtschloss auf zwei Kilometer Länge in eine Parklandschaft zu verwandeln. Sie sollte nicht zu romantisierend gestaltet werden, sondern eher Jean-Jaques Rousseaus Maxime „zurück zur Natur“ entsprechen.

Vorbild war der Wörlitzer Park des Fürsten von Anhalt-Dessau, den die beiden Planer zweimal besucht hatten. Der Dessauer Stein, den der Herzog 1782 errichten ließ, erinnert daran. Als Carl August 1826 starb, war der jedermann zugängliche Park, durch den die Ilm in sanften Schwüngen fließt, beinahe fertig. Letzte Hand legte später der große Gartengestalter Fürst Hermann von Pückler-Muskau an. Staunend stellte der Schriftsteller Adolf Stahr 1851 fest: „Weimar ist eigentlich ein Park, in welchem eine Stadt liegt.“

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Urzelle unter den Gebäuden und Monumenten des Parks ist das Borkenhäuschen, auch Luisenkloster genannt. Es wurde 1778 anlässlich des Geburtstags der Herzogin Luise als Einsiedeleikulisse für eine Theateraufführung der Hofgesellschaft errichtet.

„Nadelöhr“ nennen die Einheimischen den Parkzugang über eine Treppe, die durch ein enges Felsentor führt. Daran hat Goethe damals „bis in die Nacht gearbeitet“. Anlass war der Selbstmord einer 17-jährigen Offizierstochter. Aus Liebeskummer nahm sie sich das Leben und hatte Goethes frühen Bestseller „Werther“ bei sich. Das ging dem Dichter derart nahe, dass er dieses Felsdenkmal schuf, von dem aus man „ihre letzten Pfade und den Ort ihres Tods“ überblickt.

Nicht weit ist es von dort zur Brücke, auf der Goethe 1788 erstmals Christiane Vulpius traf, die ihm eine Bittschrift für ihren Bruder überreichte. Dass Goethe als Geheimer Legationsrat bei Hofe durchaus Einfluss nehmen konnte, zeigt das Römische Haus. Es ist das prächtigste Parkgebäude und das erste klassizistische Bauwerk Weimars. Es war das Sommerhaus des Herzogs. Die Idee hatte Goethe aus Italien mitgebracht.

Es gibt manches zu entdecken auf den 50 Hektar Ilmpark. Löwenkämpferportal, Schlangenstein, Pompejanische Rundbank, Shakespeare-Denkmal und Parkhöhle gehören zur „Möblierung“. Die Sphinxgrotte nahe der Sternbrücke beim Stadtschloss soll Franz Liszts Lieblingsplatz gewesen sein. Vom Tempelherrenhaus steht heute nur noch die Fassade. Liszt gab im Sommerhaus der herzöglichen Familie Konzerte. Später diente das Gebäude als Atelier für Bauhaus-Künstler. Wer sich die Mühe macht, den östlichen Ilmhang hinaufzusteigen, kann ein zum Weltkulturerbe erklärtes Beispiel völlig neuen Wohnens besichtigen: Dort steht das 1923 errichtete Haus am Horn.

Eine Art Kinderschreck war zu gestrengeren Zeiten die Schaukelbrücke am südlichen Parkende. Sie wackele, drohten rabiate Eltern, wenn jemand sie betrete, der häufiger gelogen habe. Dass der Ilmpark heute zum Osterspaziergang nahezu wie zu Goethes und Carl Augusts Zeiten lädt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der ehemalige Parkdirektor Jürgen Jäger, über Jahre ein beliebter Osterspaziergang-Vorwanderer, erzählt vom Ärger mit manchem Weimarer, als der Gehölzbestand gezielt ausgelichtet und mit der Rekonstruktion der historischen Sichtachsen begonnen wurde. „Viele Bürger regten sich darüber auf“, sagt er.

Doch alles wild wuchern zu lassen, hätte den Absichten widersprochen, die der Schöpfer dieses Gartendenkmals der Weimarer Klassik hatte. Eine dieser geplanten Sichtachsen soll Goethe besonders wichtig gewesen sein. Von seinem Gartenhaus konnte er hinaufschauen zum Haus der Charlotte von Stein. Im Dunkeln soll er gesehen haben, wenn dort eine Kerze ins Fenster gestellt wurde. Heute würde Charlotte wohl eine SMS schicken. Aber auch das ist in diesem historischen Park natürlich schöner als anderswo.

Weitere Informationen: Tourist-Information in Weimar, Tel. 0 36 43/74 50, www.weimar.de.

Als Johann Wolfgang von Goethe das Gartenhaus im Ilmpark bezog, war ringsum noch „recht ruppige Natur“ zu erleben, wie der Dichter schreibt. Also legte er zunächst einen Garten und dann mit Herzog Carl August einen ganzen Park an. Fotos: Thiele

Es gibt einiges zu entdecken: das Gartenhaus (oben links) schenkte Herzog Carl August dem Dichter. Das Römische Haus (rechts) ist das erste klassizistische Gebäude Weimars. 1904 wurde Shakespeare ein Denkmal gesetzt.




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