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„Hamburger Ratsmusik“ beweist: Ohrwürmer gibt es nicht erst seit Pop und Rock

Hits, wie Fürstens und Co. sie mochten

Bückeburg. Ganz alte Ohrwürmer neu aufgelegt: In der Kapelle von Schloss Bückeburg hat am Sonntag das Ensemble Hamburger Ratsmusik „Musik aus Bückeburg & England“ zum Besten gegeben. Die vom Bückeburger Kulturverein ausgerichtete und von der Schaumburger Landschaft unterstützte Veranstaltung war dem Lautenisten und Komponisten John Dowland gewidmet, der in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag gefeiert hätte.

veröffentlicht am 07.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 06:41 Uhr

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Ohrwürmer gibt es nicht erst seit dem Aufkommen von Pop und Rock. Schon im elizabethanischen Zeitalter war das legendäre Lachrimae-Thema von John Dowland ein gesamteuropäischer Hit, der „bei Fürstens“ höchst beliebt war. Überhaupt spielten englische Musiker wie Dowland auch in der Bückeburger Hofkapelle des Fürsten Ernst eine große Rolle, wie die stellvertretende Vorsitzende des Kulturvereins, Ute Mai, in ihrer Begrüßungsansprache ausführte. „In der Schlosskapelle hat früher die Hofkapelle musiziert, die auch für die Kirchenmusik zuständig war.“ Das Konzert, so Mai weiter, sei zum 450. Geburtstag von John Dowland konzipiert worden, „aber mit einem starken Bezug nach Bückeburg“. „Es erfüllt Bückeburg mit einem gewissen Lokalstolz, dass Musiker der früheren Hofkapelle des Fürsten Ernst an diesem Abend im Programm vertreten sind.“ Damit gemeint waren die Komponisten und Musiker William Brade, Thomas Simpson und Nicolaus Bleyer, die der Bückeburger Hofkapelle angehört haben und deren Werke die Hamburger Ratsmusik am Sonntag zu Gehör brachte.

Untrennbar verbunden ist die Geschichte der Bückeburger Hofkapelle mit dem Namen des Fürsten Ernst (1569–1622), der schon früh Gefallen an der englischen Gamben- und Lautenmusik fand. Das spiegelt sich auch in der Besetzung der Hofkapelle wider, in der die Gruppe englischer Musiker um Thomas Simpson und William Brade eine Sonderstellung einnahmen (in einem Brief schreibt Ernst: „allein aus Liebe der Musica“ habe er „etzliche Engeländer angenommen“).

Nicht gespart wurde am vielfältigen Instrumentarium, das aus Gamben, Geigen, Kammerposaunen, Fagotten, Zwer-Flöten, Trompeten oder Posaunen bestand und so ein Musizieren in ständig wechselnder Besetzung („in vielerlei Manieren“) ermöglichte. Im Jahr 1621, ein Jahr vor dem Tod des Fürsten und der damit einhergehenden Auflösung der Hofkapelle, veröffentlichte Simpson gleichsam als Zusammenfassung des Repertoires das „Taffel-Consort“, eine Sammlung von Werken englischer und deutscher Musiker. Von ungefähr 30 Mitgliedern blieb nach dem Tod des Fürsten nur knapp die Hälfte in Bückeburg. Das habe einem „außerordentlichen Musikleben“, so Hildegard Tiggemann in ihren „Studien zur Musikgeschichte Bückeburgs vom 16.–20. Jahrhundert“, ein Ende bereitet.

Wie das Musikleben am Bückeburger Hof ausgesehen haben könnte, davon vermittelte die Hamburger Ratsmusik gleich zu Beginn ihres Konzerts einen Eindruck. Bei William Brades (1560–1630) schwungvollem „Der Königinnen Intrada“ und „Der Edelburschen Tantz“ aus „Newe außerlesene Branden, Intraden, Mascharaden“ loteten die Musiker gekonnt die klanglichen Kontraste zwischen der warmen Gambe (Diskant- und Bass-Viola da Gamba gespielt von Simone Eckert), der dynamischen Violine (Christoph Heidemann) und der wendigen Laute (Ulrich Wedemeier) aus. Eine eher „melancholische Grundstimmung“ attestierte Sopranistin Veronika Winter dem anschließenden „If my complaints could passions move“ von John Dowland (1563–1626). „Ich war ehrlicher mit der Liebe als die Liebe mit mir“, heißt es zum Schluss des wehmütig-traurigen Stücks. „Es geht fast immer um die Liebe“, fasste Winter das Musikschaffen der Elizabethaner augenzwinkernd zusammen. Noch schwärzer geht es bei Dowlands „Go nightly cares“ zu, dass Winter mit einer Stimme voller „Todessehnsucht“ und einem ausdrucksstarken Pianissimo kongenial interpretiert. Weitere Höhepunkte bildeten das wunderschöne „Mistris Winter’s Jump“ von John Dowland, die rhythmische „Paduan“ von Nicolaus Bleyer und die „Volta“ (aus „Taffel-Consort“) von Thomas Simpson.

Den Anfang nach der Pause machte das melodiös-eingängige „Lachrimae Pavin“ aus „The First Book of Consort Lessons“ von Thomas Morley und das immer wieder gern gehörte „Greensleeves“. Wie Christoph Heidemann hier seine Violine zum Weinen bringt, wie Ulrich Wedemeier seine Finger über den Steg der Laute flitzen lässt, das ist einfach groß. Dazu das warme Spiel von Simone Eckert und die emotional-ausdrucksstarke Stimme von Veronika Winter – Gänsehaut pur. Mit John Dowlands „What poor astronomer“, Robert Johnsons fröhlichem „Satyr’s Dance“, „Cuperaree or Graysin“ aus „Taffel-Consort“ und wiederum Dowland („Now, oh now, I needs must part“, „Come again“) verabschiedeten sich die Musiker nach einem großartigen Konzert. Insgesamt ein wirklich spannender Abend, dem es gelungen ist, die „Alte Musik“ zu neuem Leben zu erwecken. Die tänzerische Leichtigkeit der Stücke entwickelte einen ganz eigenen Swing, der die Zuhörer sichtlich fesselte.




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