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Am Islam-Vortrag im Pfarrheim scheiden sich die Geister / Referentin kämpft mit Vorurteilen und „Stammtisch-Gerede“

Hört beim Blick auf Muslime die Nächstenliebe auf?

Bückeburg (wk). Zu heftigen Diskussionen hat ein Vortrag über Muslime in Deutschland geführt, zu dem die Caritas-Konferenz St. Marien-Bückeburg ins katholische Pfarrheim eingeladen hatte.

veröffentlicht am 24.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 21:41 Uhr

„Wie Sie hier argumentieren, das ist ja wirklich nicht auf unserem Niveau“, beschimpfte eine ältere Dame die promovierte Theologin Dagmar Stoltmann-Lukas, die über das Thema referiert hatte, und warf ihr empört „Schönfärberei“ vor. „Toleranz gegenüber Intoleranz“ müsse ein Ende haben, hatte zuvor ein männlicher Zuhörer reiferen Alters gemahnt, während ein anderer Herr gar befürchtete, die Muslime wollten „in das Abendland einmarschieren“. Einige Zuhörerinnen verließen aufgrund dieser Entwicklung noch während der Veranstaltung enttäuscht den Saal: Der Vortrag selbst habe ihnen sehr gut gefallen, betonten sie beim Weggehen gegenüber unserer Zeitung. Das um sich greifende negative „Stammtisch-Gerede“ und die fehlende Bereitschaft mancher Teilnehmer, sich auf die Ausführungen der Referentin einzulassen, hätten ihnen indes die Laune verdorben. Was war geschehen?

In ihrem Vortrag hatte Stoltmann-Lukas den islamischen Glauben anhand des Korans erläutert und dabei ein durchaus positives Bild dieser Religion gezeichnet. „Beeindruckt“ zeigte sie sich etwa von der „Hingabe“, mit der strenggläubige Muslime fünfmal am Tag „mit einer ungeheuren Intensität“ beten. Des Weiteren beschrieb sie Unterschiede zum christlichen Glauben und nannte Gemeinsamkeiten der beiden Religionen – so etwa den auch im Islam verankerten Glauben an den einen „Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat“, dessen Barmherzigkeit, die Auferstehung nach dem Tod und „Gebote“ als Richtschnur für das Leben und den Glauben, dass alle Menschen für ihr Tun Rechenschaft vor Gott abgeben müssen.

Ihre Ausführungen über die grundsätzliche Friedfertigkeit des Islams stützte Stoltmann-Lukas, die ihr Theologiestudium in Deutschland und Israel absolviert und in Jerusalem zusätzlich einige Semester Islamwissenschaften studiert hat, auch auf die zahlreichen Gespräche, die sie seitdem mit Muslimen über deren Glauben geführt hat. Differenziert beklagte die beim Bistum Hildesheim als „Referentin für Ökumene und die Begegnung mit nicht-christlichen Religionen“ beschäftigte Theologin allerdings auch die im allgemeinen schwierige Situation von Christen in islamischen Ländern.

Die Haltung der katholischen Kirche zur Frage der Muslime beschrieb Stoltmann-Lukas unter Hinweis auf das 2. Vatikanische Konzil dergestalt, dass sich deren Mitglieder „aufrichtig um gegenseitiges Verstehen“ bemühen und einen „Dialog des Lebens“ mit den Muslimen führen sollen, um „Frieden und Freiheit“ für alle Menschen zu erreichen. Dabei gehe es nicht darum, „Unterschiede wegzuradieren“, sondern sich gegenseitig besser zu verstehen.

Gleich zum Einstieg in die von vornherein geplante Diskussionsrunde monierte dann Alfred Beer, der Vorsitzende der Bückeburger Caritas-Konferenz, er habe „ein Problem“ damit, wenn Muslime als friedliche Menschen beschrieben werden. Problematisch sei zudem das islamische Rechtssystem, die Scharia. „Die Muslime schotten sich einfach ab“, übte er kurz darauf Kritik. In Berlin etwa müsse man mittlerweile sogar Angst haben, durch den von diesen geprägten Stadtteil Kreuzberg zu gehen.

Nur ein „kleiner Prozentsatz von fehlgeleiteten Menschen“ sei gegen Nicht-Muslime eingestellt beziehungsweise befürworte Terroranschläge, stellte Stoltmann-Lukas fest. Diese dürfe man jedoch nicht mit den vielen Muslimen gleichsetzen, „die friedlich mit uns zusammenleben wollen“. Scharia-Recht in Deutschland einzuführen, sei überdies nicht nur unmöglich, sondern werde von den hier lebenden Muslimen auch gar nicht gewollt.

Auf den Einwand eines Teilnehmers, der Islam reklamiere einen „Alleinvertretungsanspruch“ für sich, entgegnete Stoltmann-Lukas kopfschüttelnd, dass dies doch bei allen Religionen so sei. Ihre Erklärungen, im Koran gebe es die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Musliminnen würden sich durch das Kopftuch vor Blicken fremder Männer schützen und Gebete in Moscheen erfolgen nach Geschlechtern getrennt, damit sich Mann und Frau „nicht ablenken“, führten schließlich zum Vorwurf der „Schönfärberei“ und der unter Niveau liegenden Argumentation.

Stoltmann-Lukas blieb auch hier gelassen: Sie jedenfalls könne aufgrund ihrer christlichen Haltung den islamischen Glauben respektieren, gab die Theologin den Kritikern im Pfarrheim einen Denkanstoß. Auf Nachfrage unserer Zeitung stufte sie die islam-kritischen Wortbeiträge in der Diskussion als eine „normale Reaktion“ aus „Angst vor Überfremdung“ ein.

Im Verlauf der Diskussion gab es aber auch ein paar andere Stimmen: Man müsse kritisch differenzieren, was dem Islam zuzurechnen sei, meinte eine Teilnehmerin. Schließlich könne man auch die aktuellen Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen nicht generell dem katholischen Glauben unterstellen. Ein männlicher Zuhörer erinnerte zudem daran, dass er selbst noch mit der „allein seligmachenden katholischen Kirche“ groß geworden sei.




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