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Testpilot Richard Perlia (101) flog unter anderem die ersten Drehflügler

Hubschraubermuseumübernimmt einmalige Zeugnisse eines Fliegerlebens

Bückeburg (wop). Vor kurzem besuchten zwei Mitarbeiter des Hubschraubermuseums denältesten noch lebenden deutschen Testpiloten. Ein Mitarbeiter der Redaktion hat sie begleitet.

veröffentlicht am 14.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

Die Rede ist von Richard Perlia, Jahrgang 1905. Er wohnt mit seiner Frau in Berlin, war Flugkapitän, Fluglehrer, Versuchs- und Werkspilot, Abnahmeflieger, Flugleiter, Fotograf, Journalist und Buchautor. Vor allem aber immer Flieger mit Leib und Seele. Er kannte die militärischen und zivilen Größen der deutschen Luftfahrt von Beginn der dreißiger Jahre an bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sowie nicht wenige Politiker der Nachkriegszeit persönlich. Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung kam Perlia mit Vertretern des Hubschraubermuseums in Kontakt. Nach einigen Telefonaten übergab er dem Museum jetzt zwei Ordner mit persönlichen Unterlagen, sozusagen die Dokumentation seines Fliegerlebens. Aufschlussreiche Unterlagen, da es kaum Chronisten gab, die das nicht selten unglaubliche Geschehen festhielten, das man das "tägliche Brot" eines Testpiloten nannte - in einer Zeit, in der Fortschritt oft nur durch Versuch und/oder Irrtum erzielt wurde. "Irrtum" war häufig gleichzusetzen mit dem Tod des Testpiloten. Wer nur die modernen Luftfahrzeuge der Gegenwart kennt, kann sich kaum vorstellen wie es einmal war, als ein neues Fluggerät fast immer den ungewissen Vorstoß ins Unbekannte bedeutete; wie es einmal war, als Konstrukteure denTestpiloten im wahrsten Sinn des Wortes "Viel Glück" wünschen mussten, weil sie einfach noch nicht verstanden, was sich im Grenzbereich von Geschwindigkeit, Aerodynamik, Materialverhalten und Atmosphäre tatsächlich abspielt; wie es einmal war, als die Entwicklung neuer Flugmaschinen von der gnadenlosen und menschenverachtenden Politik eines Gewaltregimes vorangetrieben wurde. Richard Perlia hat dies allesüberlebt. Er ist von Flügen zurückgekommen, die dem Piloten eigentlich keine Chance zur kontrollierten Landung ließen. Weil Flachtrudeln ohne Computer und vorbereitende Simulation mit den Flugzeugen und dem Kenntnisstand jener Zeit mit Absturz gleichzusetzen war, musste Perlia bei der DeutschenVersuchsanstalt für Luftfahrt 52 Mal Flachtrudeln. Weil der Sturz aus großer Höhe militärischen Vorteil versprach, musste Perlia Flugzeuge wie die He 70 oder die Ju 99 im vertikalen Sturz erproben, in Manövern, für die die Maschinen nicht gebaut waren. Weil die militärische Führung die Möglichkeiten der neuen Hubschraubertechnik eindrucksvoll in Szene setzen wollte, musste Perlia das erste Versuchsmuster der Flettner 265 in Rechlin direkt über Hitler und seinem Gefolge im Schwebeflug demonstrieren. Motorstörung oder Materialversagen hätten für Perlia den Tod und für die Weltgeschichte möglicherweise einen Glücksfall bedeutet. Perlia hat unter anderem allein 400 Me 109 eingeflogen und musste dazu an manchen Tagen 20 bis 30 Mal starten. Die Erprobung von Bombenzielgeräten und Ortungseinrichtungen für Nachtjäger gehörten ebenso zu seinen Aufträgen wie Flüge mit der Fl 265, von der niemand wusste, ob sie überhaupt fliegen würde. Damals hatte der Flächenpilot Perlia keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers. Der ungeheure technische Vorsprung, den damals Deutschland in der Luftfahrt erringen konnte, wurde durch Männer wie Perlia erreicht. Neugierde und Begeisterung fürs Fliegen waren der Motor. Das Kriegsende bedeutete das Ende der Karriere als Fluglehrer, Werkspilot und Einflieger und einer Laufbahn, die ihn als ersten Flieger auf das Zugspitzplatt, zu Loopings am Eifelturm, zu Flügen durch ganz Europa und Tiefflügen über die Badestrände der Ostsee geführt hatte. Entdeckt hatte dieses außergewöhnliche fliegerische Talent kein geringerer als Ernst Udet 1927 in Kassel. In späteren Jahren schickte der Generalluftzeugmeister den Zivilisten immer dorthin, wo besonders schwierige und ausgefallene Arbeiten zu erledigen waren. Da fast alle Versuche "Geheime Kommandosache" waren, existieren kaum Dokumentationen. Perlia ist einziger noch lebende Zeuge. Die aus den Versuchen gewonnenen Erkenntnisse sind längst Allgemeingut in der Luftfahrt. Nur wenige erinnern sich heute noch an jene Männer, die unter Einsatz ihres Lebens die Grundlagen für die moderne Luftfahrt und den heutigen hohen Sicherheitsstandard schufen. Honoriert hat es dem gebürtigen Aachener niemand. 380 Euro Rente sind der "Dank des Vaterlandes" für Richard Perlia.




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