weather-image
24°
×

Versteckt hinter Bäumen und Wiesen liegt Hilkenbreden – ein Gehöft mit langer Geschichte

Idyll zwischen Goldrausch und RAF-Fahndung

Reinerbeck/Reine. Man hat den Aerzener Ortsteil Grupenhagen schon lange verlassen und auch die Siedlung Bruch liegt hinter einem, wenn plötzlich am Straßenrand zwei sogenannte Landbriefkästen auffallen und ein schmaler Seitenweg von der Landstraße abzweigt. Der Weg schlängelt sich zwischen Feldern und Wiesen hinauf zum Wald. Immer bergauf führt die schmale Teerstraße, bis auf einer Lichtung ein einsames Gehöft zum Vorschein kommt.

veröffentlicht am 07.07.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 08.07.2010 um 12:27 Uhr

Von Sabine Brakhan

Idyllisch und abgelegen, wie aus einer anderen Zeit, erstreckt sich das Gelände mit dem verwinkelten Haus und der alten Scheune zwischen Wald, Feldern und Wiesen. Hilkenbreden oder „Hildechesprede“, wie es Anfang des 19. Jahrhunderts in Georg Agricolas Mineralogischen Schriften genannt wurde, ist ein von viel Geschichte umwobener Ort.

Der Ursprung der Siedlung lässt sich nicht genau festlegen. Auf einer Karte des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist Hilkenbreden mit zwei Feuerstellen verzeichnet. Das statistische Handbuch des Königreiches Hannover von H.C. Jansen aus dem Jahr 1824 verweist bereits auf vier Feuerstellen. Diese Information hat auch Karl Pape, Vorsitzender des Kultur- und Heimatvereins in Grupenhagen. „Oberhalb des Wasserbehälters sollen noch zwei Gehöfte gestanden haben. Ihre Besitzer seien nach Amerika ausgewandert, so sagt man“, berichtet Karl Pape aus früheren Erzählungen. uf das 17. Jahrhundert gehen Aufzeichnungen zurück, die belegen, dass ein Jürgen Roddau oder Roddo um 1649 in Hilkenbreden geboren wurde und am 20. Juli 1700 in Reher verstarb. Auch andere Kirchenbüchereinträge verweisen auf den Namen Roddau: Johann Ernst wurde am 2. April 1732 in Hilkenbreden geboren und verstarb am 12. Dezember 1795 in Grupenhagen-Bruch.

Darüber hinaus wurde festgehalten, dass Margarethe Elisabeth Pape in Hilkenbreden geboren wurde und am 30. Oktober 1743 in Königsförde verstarb. All diese Menschen haben den großen „Goldrausch“ in ihrer Heimat nicht mehr erlebt. Hilkenbreden war zu ihrer Zeit Vorwerk von Schloss Schwöbber, eine Ansammlung sogenannter Nebenhöfe, die vom Haupthof aus mit verwaltet wurden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde man in Hilkenbreden auf der Suche Edelsteinen fündig. „Man findet den Iris- oder Regenbogen-Kristall neben andern Kristallen vorzüglich in Niedersachsen, nicht weit von dem Dorfe Aerzen bei der Villa Hildechesprede“, heißt es dazu bei Agricola. Noch heute zeugen Stollen, die tief in die Erde getrieben wurden, von der damaligen „Goldgräberstimmung“.

2 Bilder
Uralte Mauern zeugen von der langen Geschichte. Fotos: sbr

„Als wir in den 1960er-Jahren die Leitung für den Wasserbehälter verlegt haben, wurden die Getränke dort in dem alten Stollen gekühlt“, erinnert sich Karl Pape und auch Uwe Beckmann kann die Existenz der alten Grabungsstätten bestätigen. „Heute dienen sie als Behausungen für Fledermäuse“, so der Hilkenbredener.

Vielleicht gibt es eine Parallele zwischen der Suche nach Edelsteinen in Hilkenbreden und der Auswanderung der Bauern nach Amerika. Vielleicht ließen sich die Hilkenbredener vom der Goldgräberstimmung im eigenen Land anstecken und wollten teilhaben am Goldrausch in Amerika. Der Name Hilkenbreden entstammt der Bezeichnung heilige Breite, denn das umgebende Land gehörte ursprünglich zum Stift Fischbeck. Nachdem die Bauern von der heiligen Breite viele Jahrzehnte lang Schweine und Schafe für die Herren von Schloss Schwöbber gezüchtet hatten, wurde es 1934 von der Jugend- und Nachwuchsorganisation der NSDAP zum Hitlerjugend-Heim umgestaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus Hilkenbreden ein Erholungsheim der Arbeiterwohlfahrt. Der Aerzener Friedrich Rischmüller, der als Realschüler der Hamelner Wilhelm-Raabe-Schule im Sommer 1949 seine erste Klassenreise zum Naturfreundeheim Hilkenbreden unternahm, kann sich noch gut an alle Einzelheiten dieses mehrtägigen Ausfluges erinnern. Denn er und seine Mitschüler haben von 1948 bis 1954 über alle Klassenfahrten Buch geführt. So ist nachzulesen, dass die Schüler von einheimischen Bauern von der Existenz alter Silberbergwerke in der Nähe erfuhren und sich unverzüglich auf Schatzsuche begaben. Doch damals wie heute ist in Hilkenbreden nur der als Narren- oder Katzengold bekannte Schwefelkies oder Pyrit zu finden – das kann auch die heutige Bewohnerin Ute Graefe bestätigen. Bereits seit 1977 ist das einsame Gehöft nun schon das Zuhause von Ute Graefe, aber außer einer alten Pflasterung des Hofes, die unter einer Schicht Erde beim Unkrautzupfen auftauchte, hat die Mieterin des Anwesens nichts gefunden, was auf den Ursprung der Siedlung hinweist.

„Allerdings habe ich das Jahrhunderte alte Gebäude nahezu als Ruine übernommen“, erzählt Ute Graefe. Vor ihrer Zeit soll es unter anderem als Unterschlupf von Mitgliedern der linksextremistischen terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF) gedient haben. Karl Pape berichtet von einem merkwürdigen Zusammentreffen mit konspirativ wirkenden Personen in der Nähe von Grupenhagen und von Polizisten, die mit Maschinengewehren Hilkenbreden umstellt hatten.

Doch auch das untere der beiden Häuser in Hilkenbreden kann Geschichten erzählen. Seine Geschichte ist weniger wechselhaft, da es lange Zeit im Besitz der Familie Schneider war. Ein Feuer, das durch einen überhitzten Stromgenerator verursacht wurde, vernichtete in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen Teil des bäuerlichen Anwesens. Bis 2001 musste in Hilkenbreden Strom mit Generatoren erzeugt werden. Erst vor neun Jahren wurden die beiden Häuser an das Stromnetz angeschlossen. „Mich zog es 1969 hinaus aus Hannover“, erzählt Uwe Beckmann. Stück für Stück näherte er sich im Laufe der Jahre seiner ganz eigenen Vorstellung vom Leben auf dem Land. Mit den Bruchsteinen einer alten Feldscheune erfüllte er sich beispielsweise den Traum von einer kleinen Festung samt Wehrturm auf den Grundmauern des zuvor abgerissenen Obstkellers.

Und noch eine Besonderheit hat das Haus mit der postalischen Anschrift „Hilkenbreden 1“ zu bieten: „Die Fenster und der rote Sandstein stammen aus dem alten hannoverschen Café Kröpcke“, erklärt der Hausherr stolz. Übrigens gehört Hilkenbreden nicht zu Grupenhagen, wie die räumliche Nähe vermuten lässt, sondern zu Reinerbeck/Reine, das auf der anderen Seite des Berges liegt.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige