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„Ihr müsst richtig auf die Bremse latschen!“

Reifen quietschen, der Geruch von Gummi liegt in der warmen Sommerluft. Der 18-jährige Sören Wessling muss bereits zum zweiten Mal innerhalb von 20 Minuten eine Vollbremsung mit seinem Twingo machen. Aber nicht weil Gefahr droht, sondern weil Frank Rührup ihm diese Aufgabe gestellt hat.

veröffentlicht am 23.07.2010 um 18:32 Uhr

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Rührup leitet das von der Verkehrswacht Schaumburg veranstaltete Fahrsicherheitstraining auf dem Übungsplatz an der Gubener Straße. Schon seit sechs Jahren bringt er nun schon im Auftrag der Verkehrswacht Fahranfängern und Senioren, aber auch Vielfahrern ihre Autos in Gefahrensituationen näher. So ein Training wird nämlich im eigenen Auto absolviert. „Ihr sollt ja wissen, wie sich eure Autos verhalten, wenn ihr wirklich mal in eine gefährliche Situation kommt“, erklärt er den Teilnehmern.

Angst um seine Reifen braucht jedoch niemand haben, der an einem solchen Training teilnimmt. Und man sollte schon gar nicht extra alte Reifen aufziehen. „Die Belastung für die Reifen ist bei einem Fahrsicherheitstraining in etwa so groß wie eine Strecke von 500 Kilometern im normalen Verkehr“, erklärt Rührup. Dies sei nicht viel, wenn man bedenkt, dass ein Sommerreifen bei optimalen Bedingungen bis zu 80 000 Kilometer halten kann. Vor allem der Reifendruck sei für die Lebensdauer entscheidend. „Ihr solltet den Luftdruck nach Herstellerangaben alle zwei Wochen überprüfen. Ich empfehle euch, es wirklich mindestens alle vier Wochen zu tun.“ Denn zu wenig Luftdruck koste mehr Benzin, die Fahrstabilität sinke und der Reifen halte nicht so lange. „Bei einem Reifendruck von weniger als einem bar kann sich der Reifen sogar von der Felge lösen“, warnt der Experte.

Dies ist beim Fahrsicherheitstraining zum Glück nicht passiert – alle Autos waren gut in Schuss. Und doch standen dem ein oder anderen Teilnehmer zwischendurch die Schweißperlen auf der Stirn. So zum Beispiel beim Slalomfahren. Denn die Aufgabe, mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern einen Slalomparcours zu bewältigen, gestaltete sich schwieriger als zunächst vermutet. Immer wieder wurden die Pylonen von den Fahrern berührt oder sogar überfahren. „Das ist mit dieser Geschwindigkeit schon echt hart. Es ist nicht einfach, die Geschwindigkeit zu halten und dabei auch noch ordentlich zu lenken“, erzählt der 21-jährige Raphael Jakob aus Heeßen. Er hat zum Geburtstag einen Gutschein für das Training bekommen, und ist mit seinem Ford Fiesta angereist. „Auf Kommando zu reagieren ist ungewohnt. Im normalen Straßenverkehr reagiert man ja automatisch, hier fühlt sich alles komplett anders an“, beschreibt er seine Erfahrung.

Was kommt denn da? Die berühmten „Augen auf im Straßenverkehr“ kann man als Autofahrer gut bei einem Fahrsicherheitstraining trainieren, wie sie zum Beispiel die Verkehrswacht Schaumburg anbietet.

Nach dem ersten Slalom-Durchgang gab es Verbesserungsvorschläge von Rührup, und dem ist Einiges aufgefallen. „Richtig lenken kann man nur, wenn man beide Hände am Lenkrad hat. Den ‚Tellerwäscher‘, bei dem nur mit einer flachen Hand gelenkt wird, will ich heute nicht mehr sehen“, tadelte er mit einem Augenzwinkern. Und blickte anschließend in viele betretene Gesichter. Denn gleich mehrere Teilnehmer hatten sich – wie ein großer Teil aller Autofahrer, sobald sie aus der Fahrschule kommen – völlig unbewusst diese Technik angeeignet.

Als Nächstes wurde bei allen Teilnehmern die richtige Sitzposition überprüft. „Diese erleichtert euch das Fahren und ist außerdem wichtig, um ein größtmögliches Maß an Sicherheit zu erreichen.“ Wie der Sitz eingestellt werden muss, demonstrierte er an Sören Wessling. „Die Arme und Beine dürfen nicht die Chance haben, durchgedrückt zu werden, sie müssen leicht angewinkelt sein“, erläutert Rührup. „Biologische Sitzposition“ nennt er das. Was bei dem 18-Jährigen bedeutete: Der Sitz muss etwa 20 Zentimeter nach vorne. „Wenn ihr die Arme durchdrücken könnt, geht bei einem Aufprall die gesamte Energie in die Schultern. Und eine ausgekugelte Schulter ist wirklich schmerzhaft.“ Wenn die Arme jedoch angewinkelt sind, gehe die Kraft nach unten weg. „So könnt ihr Verletzungen vermeiden.“ Um dies zu erreichen, musste auch die Armlehne des Twingos etwas aufrechter gestellt werden, zusätzlich wurde noch die Kopfstütze in die richtige Position gebracht. Sie sollte mit dem Kopf abschließen. Wessling schaute nach dieser Veränderung nicht sehr glücklich. „Das fühlt sich überhaupt nicht gut an, ich glaube so kann ich nicht fahren“, befürchtete er. Doch er probierte es und kam zu einem überraschenden Ergebnis: „Das Lenken geht wirklich besser.“

Doch was sich für Sören besser anfühlte, präsentierte sich für Außenstehende immer noch spektakulär. „Wenn man sieht, wie der kleine Twingo durch die Kurven schleudert, bin ich froh, dass ich den großen Mondeo fahre“, bemerkte die 19-jährige Jessica Frost aus Löhne. Denn je kürzer der Radstand eines Autos, desto instabiler die Kurvenlage. Beim Twingo sah es teilweise aus, als würde er abheben. Und die Geräusche, die er dabei machte, erinnerten ein bisschen an ein Flugzeug kurz vor dem Start. Fahrer Sören beschreibt diesen Zustand so: „Der rutscht gewaltig über die Vorderachse. Das habe ich im normalen Straßenverkehr auch schon mal gemerkt. Aber nicht so heftig wie heute.“ Schon deshalb ist er sehr froh, an dem Training teilgenommen zu haben. „Hätte ich das zum ersten Mal in einer Gefahrensituation erlebt, hätte ich mich wahrscheinlich richtig verjagt.“

Erstaunte Gesichter gab es auch beim Bremsweg-Vergleich. Schon ein Geschwindigkeitsunterschied von zehn Stundenkilometern macht im Ernstfall einen enormen Unterschied aus. „Bei 30 Stundenkilometern habt ihr bei einer Vollbremsung einen Bremsweg von 4,5 Metern“, erklärt Rürup. Dies berechnet sich nach der Formel für den Bremsweg (Geschwindigkeit ÷ 10 × Geschwindigkeit ÷ 10), welcher bei einer Gefahrenbremsung halbiert wird. Hinzu komme der Reaktionsweg (Geschwindigkeit ÷ 10 × 3). „Ihr braucht also 13,5 Meter vom Erkennen der Gefahr bis zum Stillstand.“ Bei einer Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern beträgt die benötigte Strecke schon 20 Meter. Hinzu komme natürlich, das auch eine Vollbremsung gekonnt sein muss. Und dies durften die Teilnehmer natürlich ausprobieren. „Um eine optimale Vollbremsung zu erreichen, müsst ihr erst die Kupplung treten und dann richtig auf die Bremse latschen. Als ob ihr eine Cola-Dose zertreten wollt“, so Rührups Tipp.

In der Umsetzung erwies sich jedoch auch diese Übung als schwer. „Das ist ungewohnt. Ich habe vorher noch nie eine Vollbremsung gemacht“, erzählt der 17-Jährige Henning Windheim, der bis zu seinem Geburtstag im August nur in Begleitung eines Erwachsenen Auto fahren darf. Am schwersten fiel fast allen Teilnehmern, so lange auf der Bremse zu bleiben, bis das Auto wirklich stand. Und so lautete Rührups Kommando häufig: „Noch einmal. Du sollst stehenbleiben!“

Als die Bremsung auf trockener Fahrbahn schließlich gelang, wurde auch hier die Schwierigkeit erhöht. Die nächste Aufgabe lautete: Auf nasser Fahrbahn ausweichen und anschließend eine Vollbremsung machen. So mancher Fahrer drehte hier eine Pirouette um die eigene Achse. Vor allem diejenigen, deren Autos nicht über ABS verfügten, hatten es schwer. „Ohne ABS muss man zum Lenken die Bremse los lassen“, erklärt Rührup. Das erfordere genaues Timing. Mit ABS könne man hingegen auch während des Bremsens lenken. „Diesen kleinen Unterschied muss man unbedingt beachten, wenn man die Kontrolle über das Auto behalten möchte.“

Angst hatte auch während dieser Übung niemand. Lediglich Jessica Frost war ein bisschen skeptisch. „Das mache ich nicht“, kündigte sie vor der Übung an und beobachtete zunächst alles aus sicherer Entfernung. Schließlich ließ sie sich doch überreden – und war begeistert. „Das macht unglaublich Spaß. Ich will gleich noch einmal!“

Kontakt: Wer selbst einmal an einem Fahrsicherheitstraining teilnehmen möchte, hat ab September die Chance dazu. Dann können sowohl Auto- als auch erstmals Motorradfahrer viel über die Sicherheit ihrer Fahrzeuge lernen und ungewohnte Situationen bestehen. Wolfgang Haverland von der Verkehrswacht Schaumburg nimmt schon jetzt Vormerkungen unter (0 57 21) 703-133 entgegen. Die Kosten belaufen sich auf 80 Euro pro Teilnehmer.

Die Situation kennt jeder: Auf der Autobahn zieht auf einmal ein Auto auf die eigene Spur und man muss sich in Sekundenbruchteilen entscheiden: ausweichen oder Vollbremsung? In so einer Situation hilft es, wenn man genau weiß, wie sich das eigene Auto verhält. Gefahrlos ausprobieren kann man das bei einem Fahrsicherheitstraining.




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