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Gunnar Melde lässt das Pendeln hinter sich

Immer weg – aber nie ganz

HAMELN. Wenn Gunnar Melde rekonstruieren will, wo er wann war, kommt er schon mal ins Schleudern. In zahlreichen Städten Deutschlands hat er seit seinem 19. Lebensjahr gearbeitet, in Österreich war er zwei Jahre lang, seinen Hauptwohnsitz hatte er jedoch in Hameln, wo er in all der Zeit nahezu jedes Wochenende verbracht hat.

veröffentlicht am 19.05.2019 um 15:04 Uhr
aktualisiert am 28.05.2019 um 19:36 Uhr

Auch das ist für Gunnar Melde Heimat: die Tanzschule, in der er seit Jahren unterrichtet. Stepptanz, Salsa und Latino sind seine Schwerpunkte. Pendeln muss er jetzt nur noch zweimal in der Woche – nach Hannover zur Berufsschule. Foto: DANA
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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. „Heimat“ ist für ihn der Landkreis, sagt er, nicht exakt Hameln, wo er lebt, auch nicht nur Kirchohsen, wo er aufgewachsen ist. Diätassistent wollte er werden, Koch für Großküchen wurde er damals beim BHW, nachdem er zunächst eine Ausbildung in Hauswirtschaftslehre an der Elisabeth-Selbert-Schule absolviert hatte, später Regionalleiter, der Klinik-Küchen berät, zuletzt für zwei Jahre Hospitality-Manager eines österreichischen Unternehmens. Waren an der Müritz, Norden Norddeich, Lengsfeld, Hartmannsdorf, Wilhelmshaven, Klagenfurt sind nur einige seiner Stationen.Von Österreich aus „bin ich dann nur alle 14 Tage nach Hause gefahren“, erzählt Melde. Oft mit dem Auto, manchmal geflogen. „1110 Kilometer. Meistens bin ich nachts gefahren.“

Auf die emotionale Achterbahnfahrt konnte er sich schon einstellen: Freitag mittags sei die Laune immer gestiegen, wenn das Wochenende und die Heimat nahten, sonntagabends „war immer schlimm“, wenn er schweren Herzens wieder los musste. Warum hat er sich das angetan? Jede Woche aufs Neue viele hundert Kilometer abzureißen, nicht an Ort und Stelle zu bleiben, irgendwo neu Wurzeln zu schlagen? Gunnar Melde hatte zwei Gründe: An Platz zwei standen Familie und Freunde in der Heimat, Platz eins aber und somit der Hauptgrund für seine regelmäßige Heimreise, nimmt seine große Leidenschaft ein: Tanzen.

Nach dem ersten Tanzkurs, den er mit 14, 15 Jahren gemacht hat, hat es ihn nicht mehr losgelassen. Jahrelang tanzte er bei der Rocking Rats Formation, gab und gibt Kurse, die eben häufig am Wochenende stattfinden. Vor einigen Jahren dann hat er einen konsequenten Wechsel vollzogen: Kein Pendeln mehr, Großküchen und Management adé, seit diesem Jahr hat Gunnar Melde sich komplett dem Tanzen verschrieben. Mit 44 Jahren macht er eine Ausbildung zum ADTV-Tanzlehrer in der Tanzschule Rosenbusch. Das bedeutet: winziges Gehalt, dafür ein Leben in der Heimat. „Nicht mehr fahren zu müssen und jede Nacht im eigenen Bett zu schlafen“ – darauf habe er sich am meisten gefreut. Man könne sich auch andere Wohnungen gemütlich machen, aber das sei nicht zuhause. Heimat ist für ihn, wo seine Wurzeln sind, wo er die Akkus laden kann.

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„Da haben wir auf Volker Rühe gewartet“, den damaligen Bundesverteidigungsminister, erzählt Gunnar Melde aus der Zeit, in der er im Catering tätig war. Foto: privat

Noch einmal ein kurzer Blick zurück: Der Moment, an dem es sich für Gunnar Melde nach „Zuhause“ anfühlte, wenn er mal wieder viele Kilometer hinter sich gelassen hatte, war nicht etwa jener, in dem sich die Weserberge erhoben, oder er das Hamelner Ortsschild passierte. Für ihn war „zuhause, wenn man die Kraftwerkstürme sehen konnte, den Dampf darüber“. Dass das Atomkraftwerk für wohlige Seufzer sorgen konnte …

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