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Ausreichende Versorgung mit Allgemeinmedizinern auch in Bückeburg gefährdet

Immer weniger Ärzte wollen aufs Land

Bückeburg. „Der Landarzt, der von morgens um sieben bis spät abends für seine Patienten da ist, stirbt langsam aus“: Mit diesen Worten hat der Bundesvorsitzende der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft, Karl-Josef Laumann seinen Vortrag zum Thema: „Sicherstellung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum: Steuern wir auf einen Ärztemangel zu?“ begonnen. Auf Einladung der Senioren-Union Bückeburg sprach sich der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium dafür aus, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen und dem Fach Allgemeinmedizin mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

veröffentlicht am 06.05.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:41 Uhr

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Im fikiven Deekelsen in Schleswig-Holstein ist die Welt noch in Ordnung. Dr. Karsten Mattiesen kümmert sich hingebungsvoll um seine Patienten – egal ob werktags oder am Wochenende. Mattiesen ist „der Landarzt“ par excellence. Er genießt das Vertrauen der Dorfbewohner und die wissen, dass sie jederzeit mit großen und kleinen Problemen zu ihm kommen können. Doch so wie im „ZDF“ ist das deutsche Gesundheitssystem schon lange nicht mehr. Die Zahl der Ärzte ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen. So wie Dr. Mattiesen auf dem Land wollen aber immer weniger arbeiten. Allein bei uns in Niedersachsen fehlen nach Angaben der Ärztekammer 1200 Ärzte.

Im benachbarten Obernkirchen ist diese Versorgungslücke schon jetzt zu spüren. Die dortige Überalterung werde bald große Probleme bereiten, schilderte Thorwald Hey, ein Allgemeinmediziner aus Bückeburg, die prekäre Lage. Für die Praxen gebe es immer seltener Nachfolger. Der Nachwuchs geht lieber in die Stadt, ergänzt ein Kollege.

Dass die Probleme zum Teil „hausgemacht“ sind, zeigte die Fragerunde im Anschluss an den Vortrag. Hier kam Thorwald Hey auf die Regresse zu sprechen, denen sich viele Ärzte wegen der Budgetierung ausgesetzt sehen. Hey, der ein Behindertenheim betreut, stehen nach eigener Aussage Forderungen in Höhe von einer Million Euro ins Haus. „Das ist der große Druck, unter dem wir alle stehen, da hat man manchmal schlaflose Nächte“, ließ der Hausarzt wissen.

Für Thorwald Hey gibt es trotz der bürokratischen Hürden keine Alternative zu seinem Beruf. „Der Arztberuf habe ich aus einer Berufung ergriffen und nicht, weil ich abends im Keller Geldscheine zählen wollte“, erzählt der Mediziner im Gespräch. Dass es kaum an der Bezahlung gelegen haben dürfte, zeigt auch ein Blick auf die Vergütung. Seit 1973 (45 DM pro Patient, heute 53 Euro pro Patient) hat sich da nur wenig getan.

Überhaupt verdienen Allgemeinmediziner im Durchschnitt weniger als andere Ärzte (an der Spitze liegen Praxen für Augenheilkunde, Radiologen und Nuklearmediziner). Eine Summe, die Karl-Josef Laumann die Zornesröte ins Gesicht treibt: „Als meine Tante gestorben ist, hat mir der Arzt erzählt, was er dafür bekommt. Da muss man sich ja schämen.“

In seinem Vortrag wies der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Patienten und Pflege auf den hohen Stellenwert des Allgemeinmediziners hin. Der Hausarzt habe eine Funktion, die durch nichts zu ersetzen sei: „Diese Bedeutung wird in einer immer älter werdenden Gesellschaft noch steigen.“ Umso problematischer wäre ein Ärztemangel den Karl-Josef Laumann auf die Regionen zukommen sieht, „wenn wir jetzt nichts tun.“ Viele Ärzte seien um die 60. Umso wichtiger sei es, das Problem entschieden anzugehen. „Das wird ein großes kommunalpolitisches Thema werden“, prophezeit Laumann. „Ein Bürgermeister, der dann keinen Arzt holen kann, wird abgewählt werden, egal, von welcher Partei er kommt.“

Einen kleinen Seitenhieb kann sich der Referent da nicht verkneifen: Was hätten sich die Bürgermeister „die Hacken abgerannt“, um Unternehmer in die Stadt zu holen. „Um Arztpraxen hat sich nie einer gekümmert.“ Jetzt gelte es Strukturen zu schaffen, die einem Ärztemangel vorbeugten. Es könne nicht sein, dass die medizinische Versorgung in Zukunft so aussehe, „dass es in den Städten genug Ärzte gibt, und auf dem Land macht die Schwester alles.“ Die Landbevölkerung gab der Staatssekretär zu verstehen, habe den gleichen Anspruch auf eine medizinische Versorgung wie die Stadtbevölkerung.

Überhaupt sei es paradox, dass der Beruf des Arztes zwar weiterhin von den Abiturienten geschätzt wird – („auf einen Studienplatz kommen zehn Bewerbungen“) – der Landarzt aber langsam aussterbe. Gründe für dieses Phänomen sieht Laumann unter anderem in einem veränderten Freizeitverhalten und einem anderen Berufsverständnis. „Heute wollen 70 Prozent angestellte Ärzte sein, das war früher anders, das hat auch damit zu tun, dass der Gehalts-Unterschied zwischen einem Freiberuflicher und einem angestellten Arzt geringer geworden ist.“ Und auch die Tatsache, dass immer mehr Frauen Medizin studierten, trage zum Wandel bei. Es sei bekannt, so Laumann, dass Frauen andere Berufswege wünschten als Männer.

Was also kann man tun, um einem drohenden Ärztemangel auf dem Land vorzubeugen? Karl-Josef Laumann schlägt beispielsweise eine veränderte Ausbildung vor. Nach einem ähnlichen Vortrag habe er zahlreiche Briefe von Abiturienten bekommen, die ihm geschrieben hätten, sie würden gerne Arzt werden, hätten aber nur ein Abi von 2,2. Studienplätze, so der Gesundheitspolitiker, müssten nicht nur nach der Abiturnote vergeben werden, sondern auch danach, „wer nachher auch im Gesundheitssystem tätig sein will.“ Eine weitere Möglichkeit, die Situation zu entzerren, sei die Aufstockung der Zahl der Studienplätze und eine Aufwertung der Allgemeinmedizin. Und: „An den Fakultäten muss es noch mehr Professuren für Allgemeinmedizin geben, der Allgemeinmedizin muss ein größerer Stellenwert verschafft werden.“

Überhaupt, sagt Laumann, müssten Anreize gesetzt werden, um die Allgemeinmediziner mit Fachärzten gleichzustellen. Wer in ein unterversorgtes Gebiet gehe, müsste beispielsweise besser entlohnt werden. Die Vorbereitung auf den sich verschärfenden Ärztemangel sieht Laumann als ein Thema von heute und nicht von morgen. Aktuell laufe es zwar noch ganz gut, „aber wenn wir in zwei bis drei Jahren den Knüppel nicht rum reißen, kriegen wir ein Problem.“ Es gelte also, das menschliche und auf Vertrauen basierende Hausarztsystem (im Gegensatz zu der Misstrauens-Kultur im Gesundheitssystem) weiter zu erhalten.

Unterstützung für die (Haus)-Ärzte erhofft sich auch Dr. Peter Kalbe, Vorsitzender des Bezirksausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Bezirksstelle Hannover. Kalbe forderte die Politik auf, die Regresse völlig abzuschaffen, „die Angst davor schwebt über allen niedergelassenen Ärzten.“ Das demografische Problem sieht Kalbe aber nicht nur bei Hausärzten, sondern auch bei Fachärzten. Erst vor Kurzem habe sich in Stadthagen kein Nachfolger für eine Facharzt-Praxis gefunden. Sein erschreckendes Fazit: Noch habe Schaumburg zwar eine Überversorgung. Das Problem sei aber, „dass 30 Prozent der Ärzte über 60 Jahre sind, deshalb haben wir bald ein Riesenloch.“ Einen „Gestellungsbefehl“ hält Kalbe nicht für wünschenswert, vielmehr gelte es, die Attraktivität der Standorte zu erhöhen oder Anreize für die Ausbildung zu schaffen.




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