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Stephan Orth ist „ Couchsurfer“ – auf Reisen schläft er bei Leuten, die er gar nicht kennt

In fremden Betten zu Hause

Rinteln. Couchsurfer schlafen in Privatwohnungen bei Leuten, die sie vorher nicht gekannt haben. Was ist der schwierigste Moment? Morgens auf die Toilette gehen, Zähneputzen, unter die Dusche, falls vorhanden, erzählt Stephan Orth. Dort warten viele Fallen und mögliche Peinlichkeiten. Es ist ja auch der intimste Ort in der ganzen Wohnung.

veröffentlicht am 03.03.2016 um 19:07 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 16:42 Uhr

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Autor:

hans Weimann

Stephan Orth ist Couchsurfer und Redakteur im Reiseressort des Magazins „Spiegel“. Er hat schon fast überall auf der Welt auf Sofas oder der Isomatte in privaten Wohnungen geschlafen. Sogar im Iran, wo das eigentlich verboten ist – und darüber ein Buch geschrieben: „Couchsurfing im Iran“.

Seine Gastgeber ziehen die Vorhänge zu, sobald er da ist – der Nachbarn wegen. Orth lässt sich durch das Land treiben, dahin, wo gerade ein Bett frei ist. Er ist bei einer Bikiniparty in der Pilgerstadt Mashhad dabei, übernachtet neben dem Atomkraftwerk Bushehr, trifft Sadomaso-Anhänger in Teheran, fährt in Bussen mit, die Benzin schmuggeln.

Ein Couchsurfer

zahlt nicht für Essen und Trinken

Zurzeit ist Orth ist auf Lesereise unter anderem in Nordhorn, Peine, Salzgitter. Und er hat in Rinteln gelesen. Genau genommen sei für ihn die deutsche Provinz eigentlich fremdes Land, gibt er scherzhaft zu, als wir ihn vor der Lesung in der Bücherei treffen. Er lese in Kleinstädten, von denen er nicht mal gewusst habe, dass es sie gibt, eine ganz neue Erfahrung. Auch ein neues Buch, die deutsche Provinz? Orth lacht: „Vielleicht?“

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Wo schläft er in Rinteln? Auf keiner Couch, sondern im Hotel „Stadt Kassel“. Einfach, weil eine Lesereise anstrengend ist. Er muss schon einen Abend lang seine Zuhörer unterhalten, da wäre Couchsurfing dann noch eine Nummer zu viel. Denn ein Couchsurfer zahlt nicht, auch nicht für Essen und Trinken. Der Deal ist ein anderer, sagt Orth: „Schlafplatz gegen meine Geschichte, gegen Unterhaltung, Entertainment“. Das bedeutet aber auch, man kann nicht – wie in einem Hotel – einfach den Koffer, die Tasche abstellen und dann sein eigenes Programm durchziehen. Und man sollte zumindest gut Englisch sprechen, möglichst auch Spanisch. Beim Übernachten in einer Privatwohnung stellen sich andere Fragen als beim Hotel-Check-In.

Orth sagt, deshalb ist Couchsurfing auch nichts für jeden. Nichts für Leute, die glauben, sich damit einfach die Übernachtungskosten sparen zu können. „Man muss schon Interesse an Menschen haben, mit ungewöhnlichen Situationen klarkommen, kommunikativ sein, grundsätzlich nicht mit zu großen Erwartungen herangehen, man darf nicht pingelig sein, oft ist das Wichtigste einfach ein Dach über den Kopf.“

Er habe oft auf einer Isomatte auf dem Fußboden geschlafen, im Iran (logisch) auf Perserteppichen, aber auch schon in Australien ein paar Tage in einer luxuriösen Villa mit eigenem Strandabschnitt.

Ist Couchsurfing eine Altersfrage? Nein, sagt Orth. Nur geht es im Alter andersherum: Er habe in Neuseeland Leute getroffen, die haben Couchsurfern eine Übernachtung angeboten, weil sie selbst nicht mehr so viel reisen konnten, aber immer noch hören wollten, was Couchsurfer so erleben.

Büchereileiterin Andrea Tuschke und ihre Mitarbeiterinnen haben Stühle in der Bücherei im Erdgeschoss aufgestellt, die sind bis auf den letzten Platz gebucht: „Wir hätten auch fast den Brückentorsaal füllen können, so viel haben sich gemeldet“, sagt sie. Orth baut sein Equipment auf, er will auch Fotos zeigen und erzählt, seit zehn Jahren sei er Mitglied im Internetportal Couch-Surfing, ohne Internet gebe es Couchsurfen nicht. Das Internet ist die Informationsplattform, auf der man sich seinen Schlafplatz ansehen kann, sich anmeldet. Man entwickle mit der Zeit ein Gespür dafür, was einen erwartet, was auf Onlineprofilen echt ist und was nicht. Man könne sich das Couch-Surfing-Profil eines Gastes oder Gastgebers anschauen, da stehen auch persönliche Angaben wie Interessen und Vorlieben, Freundeslisten und Beurteilungen. Couchsurfing ist übrigens nicht zu verwechseln mit „Airbnb“, der Plattform, auf der Privatleute Zimmer zum Übernachten anbieten – gegen Bezahlung, wenn auch billiger als in einem Hotel.

War der Iran sein bisher größtes Abenteuer? Ja und nein, sagt Orth. Sein persönlichstes war Grönland. Sein Großvater hatte nämlich ein Tagebuch hinterlassen, in dem er schildert, wie er im Jahr 1912 mit zwei Männern und voll bepacktem Schlitten in Grönland unterwegs war, am Sermilik-Fjord. Und Orth stellt fest, es gibt sogar einen Berg, der nach seinem Opa benannt worden ist: Ficks Bjerg.

100 Jahre später macht sich Orth deshalb mit drei Freunden nach Grönland auf, zum Berg seines Großvaters auf Skier, mit Pulkaschlitten. Die Geschichte hat eine besondere Pointe: Die Expedition endet nach ein paar Wochen vorzeitig, weil die High-Tech-Ausrüstung, die Pulkaschlitten, nicht durchhalten. Sein Opa hatte mit einem primitiven Holzschlitten da keine Probleme. Orths Abenteuer gibt es selbstverständlich als Buch: „Opas Eisberg“.

Orths Tipp:

Auf Reisen viele Notizen machen

Es ist überhaupt ein Tipp von Orth an alle, die viel reisen, jenseits des Pauschaltourismus: „Tagebuch führen, jeden Tag etwas aufschreiben, man vergisst vieles unwahrscheinlich schnell wieder.“ Seine Erlebnisse im Iran habe er in vier Notizbüchern festgehalten. Notizen kann man sich überall machen und es ist unauffälliger, als den Laptop aufzuklappen.

Weil Orth als Reiseredakteur Flugmeilen sammelt, hat er auch seine Erlebnisse im Flugzeug zu Papier gebracht als Mitautor des Buches „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“. Ideale Lektüre im Flugzeug, wenn man selbst unterwegs ist und der Flieger gerade von Turbulenzen durchgeschüttelt wird. Orths Reisetipp, wo man jetzt unbedingt hin sollte: Kuba, bevor sich das Land völlig verändert hat. Selbstverständlich war er vor Kurzem da. Wer mehr wissen möchte, wird auf der Webseite www.stephan-orth.de fündig.

Stephan Orth ist Reisejournalist. Über „Couchsurfing im Iran“ hat er kürzlich ein Buch geschrieben.

Fotos: pr

So nächtigt Stephan Orth auch auf seinen Reisen: Wenn es kein Bett gibt, tun es auch Decken und Matratzen.




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