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Weltausstellung 2010 im chinesischen Schanghai: Auf der Expo könnte man schnell auch eine ganze Woche verbringen

In wenigen Stunden durch die Stadt der ganzen Welt

Unzählige Schirme kreisen um die rote „Krone des Orients“, den Pavillon Chinas, der alles überragt. Sie sind Universalwerkzeug der Chinesen – sie schützen vor Regen genauso wie vor zu viel Sonne. „Helle Haut ist einfach schöner“, erklärt die junge Frau entschuldigend, nachdem ihr spitzenverzierter Schirm das Ohr eines Europäers gepiekt hat. Schatten ist heute wichtig, die Sonne knallt. Und in die schattigen Pavillons kommt man auch nicht gar so leicht. Vor der „Krone“ etwa heißt es: rund fünf Stunden Warteschlange. Doch Schlange stehen kann ja auch Spaß machen. Wo sonst kommt man so lange mit freundlichen Chinesen in Kontakt? Die einen können ein paar Brocken Englisch, die anderen parlieren mit Händen und Füßen. Und geben Tipps fürs Anstehen: Unbedingt das zweite Universalwerkzeug mitnehmen – einen Falthocker. Darauf schrittweise mit der Schlange vorwärts rutschen. Oder sich auf dem Gelände zum Picknick zusammenhocken. Zwar sind überall Sitzbänke, doch in vielen Ecken sind eben noch mehr Menschen.

veröffentlicht am 19.08.2010 um 17:08 Uhr

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Mit Hocker, Schirm, Geduld und Humor im Gepäck kann auf dem Expo-Gelände nichts mehr schiefgehen. Eine bunte Vielfalt lockt auf 5,28 Quadratkilometern und zwei Flussufern, von Australien bis Venezuela. Sogar der Irak hat einen kleinen Pavillon am Rande, neben Burma und nicht weit von Nordkorea, das zum allerersten Mal auf einer Weltausstellung vertreten ist und Landschaft zeigt. Allerdings ohne Warteschlange. Die fehlt auch vor der Gemeinschaftshalle Afrikas und ihren Länderständen. Dafür wartet Obama im Gemälde, liegt Musik in der Luft, und riesige Gesichter blicken von der Wand herab. Wer will, schlüpft virtuell in afrikanische Gewänder. Das ist typisch Expo: Lässt man sich auf die unbekannten Pavillons ein, findet man immer wieder Spannendes.

„Italien ist cool, mit Mode und einem riesigen Stilettoschuh“, erzählt der Student Fangan aus dem nahen Hangzhou, „und in Spanien gibt’s Flamenco“. Doch am spektakulärsten findet er den britischen Pavillon, den Hort des weltweiten Saatguts, der aussieht wie ein großer grauer Wuschel: „Irre viele Samen! Und Licht wie in einer Kathedrale!“

Auch der deutsche Pavillon gehört zu den heiß begehrten – neben China und Saudi-Arabien führt er regelmäßig die Wartezeitenliste an, die aus dem Lautsprecher übers Gelände schallt. „De Guo“, das „tugendhafte Reich“, hat schon traditionell einen guten Ruf im Osten und sich mit seiner Ausstellung mächtig ins Zeug gelegt: riesige Wandfotos als Postkarten, eins pro Bundesland, dazu ein Strandkorb, Berliner Bär oder die Bremer Stadtmusikanten. „Die Chinesen lieben es, einander davor zu fotografieren“, berichtet Pressesprecherin Marion Conrady, „wer weiß, ob sie jemals selbst dorthin kommen werden“.

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Saudi-Arabien: Als „Mondboot“ schwebt der tür- und fensterlose Pavillon auf hohen Stelzen, gekrönt von einem Kranz Dattelpalmen. Gekühlt per Solar- und Windenergie, präsentiert er vier Städtetypen.

Andere platzieren sich unter den großen Zwergenmützen im Schrebergärtenraum oder an den überdimensionalen, vorlesenden Bücherstapeln. Nebenan wartet eine interaktive Fabrik mit neuen Materialien und modernster Technik. Viel Info steht zudem bereit. Doch am Ende streben alle zur Energieshow mit der riesigen Kugel an der Decke. Um möglichst laut zu brüllen, denn dann gibt’s Lichteffekte – und die Kugel schwingt.

Skurriles ist eben beliebt. Die Österreicher lassen Besucher echte Schneebälle werfen, und die Schweizer betreiben eine Sesselliftbahn auf dem Dach. Im Emirat Katar hängen lebensgroße Muscheltaucher unter der Decke. Und die Dänen haben gar ihre echte kleine Meerjungfrau eingeflogen und in Kopenhagen nur eine Leinwand mit Livebild aus Schanghai hinterlassen.

Weiter geht’s ans andere Flussufer, bequem mit der Fähre: Dort warten die Positivbeispiele zum Expo-Thema „Better City – better Life“, aus allen Ecken der Welt. Neben Pavillons mit interaktiv präsentierter Flugzeug-, Bahn- oder Telefontechnik. Der urbane Wasserpark in Chengdu etwa, die ökologische Zeltstadt für Pilger in Mekka oder der nachhaltige Stadtteil Kronsberg in Hannover. Typisch Expo: Viel zu viel zu gucken, immer ist der Tag zu schnell vorbei. Die Chinesen klappen nach und nach ihre Schirme zu.

Anreise: Direktflüge von Deutschland bieten: China Eastern, Air China, Lufthansa. Ein Touristenvisum (3 Monate) ist kurzfristig bei Botschaft oder Konsulat zu haben, übers Reisebüro oder spezialisierte Onlineagenturen – von 20 (4 Arbeitstage) bis 50 Euro (6 Stunden).

Die Expo 2010 hat noch bis 31. Oktober geöffnet, im südlichen Stadtgebiet Schanghais auf beiden Seiten des Huangpu-Flusses: www.china-tourism.de.




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