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Ungewöhnlicher Kleinkunst-Törn bei der "Nachtausgabe" in der Volksbank

Jonny Glut - ein singender Schipper mit wasserblauem Hans-Albers-Blick

Rinteln. Da steht er ja, der norddeutsche Entertainer Jonny Glut, vor seinem Rintelner Publikum in der maritim dekorierten Schalterhalle der Volksbank zur "Nachtausgabe", mit seiner Quetschkommode und der kecken Schippermütze, mit leicht schwankender Haltung und diskretem Ansatz zum wasserblauen Hans-Albers-Blick. Da würde man ihm schon jederzeit den Seemann abnehmen, der seine Heuer irgendwo mit den ganz leichten Mädels unterschiedlicher Gewichtsklassen verprasst hat und "in dieser Kaschemme hier" das eine oderandere Lied vorträgt, um den Kummer in ein paar Schnäpsen zu ertränken.

veröffentlicht am 09.09.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:26 Uhr

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"Ein jeder aber, kann das nicht, er muss aus Hamburg sein", beschwört er dann im Lied von den Jungs mit dem Tüdelband hanseatisch-proletarische Tradition und weiß wie einst Richard Germer die Wechselfälle des Lebens mit "So was Dummes, so was Dummes, ist mir lange nicht passiert" zu kommentieren. Oder er singt von der Liebe zwischen Hering und Makrele, die als Räucherfisch und Heringssalat wenigstens auf einem gemeinsamen Fischbuffet ihr fatales Ende findet. Und dann haben wir da ja noch einen von Fritz Graßhoff - eine dieser vertrackt erzählten Geschichten, die man eigentlich nur verstehen kann, wenn der eigene Horizont so weit ist wie der auf hoher See: Leichtmatrose Glut wird der Interpretation dieser Stories zum Balkenbiegen ebenso gerecht wie Joachim Ringelnatz, der "ein bisschen schief ins Leben gebaut" ist und als christlicher Steuermann stets nach einer neuen Flasche verlangt. Wie dieser Jonny den Kuddeldaddeldu auf Landgang in Eisenach (!) gibt, hat eine tief bewegende Qualität - und hätte sicher auch ein weitaus größeres Publikum verdient. Der Klassiker "What shall we do with the drunken Sailor" kommt im schleppenden Reggae-Rhythmus daher - die Leute singen mal zur Gitarre und mal zum Akkordeon trotzdem in verhaltener Lautstärke mit. Verstohlene Tränchen da und dort bei "Komm auf die Schaukel, Luise", Schmunzeln bei der Ballade von der tätowierten Madame Gougou, die ihre Haut mitsamt den Bildern darauf zu Markte trägt, und das gemeinsame Erahnen des Abschieds nach knapp zwei unterhaltsamen Stunden bei "Goodbye Jonny" - natürlich nicht ohne vorher noch im herzinnigen "Anker und Rosen" die Unvergänglichkeit tattoodokumentierter Seemannsliebe zu beschwören. Herzlicher Beifall für ein ungewöhnliches Kleinkunst-Erlebnis mit sturmumwehten Ecken und Kanten.




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