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Pastor Zapke bei Gedenken an Pogromnacht fassungslos / Brombach: Regime zeigte hässlichste Fratze

„Jude“ ist schon wieder Schimpfwort

BÜCKEBURG. „Schämen“, sagt Jan-Uwe Zapke, „das können und müssen wir uns heute nicht mehr.“ Denn die Täter und – leider – auch die meisten Opfer der Reichspogromnacht, die sich am 9. November zum 80. Mal jährte, seien inzwischen verstorben. Aber, so der Pastor, den Bogen ins hier und heute schlagend, „ich schäme mich, dass ich von Jugendlichen in den letzten Jahren drei- oder vier Mal ,Du Jude!‘ – als Schimpfwort quer über den Schulhof geschrien – gehört habe.“

veröffentlicht am 09.11.2018 um 13:07 Uhr

Jan-Uwe Zapke

Autor:

THOMAS WÜNSCHE
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BÜCKEBURG. „Schämen“, sagt Jan-Uwe Zapke, „das können und müssen wir uns heute nicht mehr.“ Denn die Täter und – leider – auch die meisten Opfer der Reichspogromnacht, die sich am 9. November zum 80. Mal jährte, seien inzwischen verstorben. Der Pastor der Stadtkirchengemeinde wird anlässlich der gestrigen Kranzniederlegung am Gedenkstein hinter dem Stadthaus deutlich: „Ich kann mich nicht mehr schämen für unsere Feuerwehr, die so lange wartete, bis die Synagoge weitgehend runter gebrannt war; ich kann mich nicht mehr schämen, für meinen Sportverein, der es akzeptierte, dass Juden auf einmal nicht mehr am Sport teilnehmen durften und aus dem Verein ausgeschlossen wurden.“ Er könne sich auch nicht mehr für die Justiz schämen, die nur kurze Zeit ermittelte und dann die Akten schnell wieder schloss. Das liege inzwischen alles zu weit zurück.

Aber, so Zapke, den Bogen ins hier und heute schlagend, „ich schäme mich, dass ich von Jugendlichen in den letzten Jahren drei- oder vier Mal ,Du Jude!‘ – als Schimpfwort quer über den Schulhof geschrien – gehört habe.“ Das, so der Pastor, habe ihn fassungslos gemacht. Es gehöre zu den Dingen, „die ich nicht ertragen kann“.

Zuvor hatte bereits Reiner Brombach im Vorfeld der vom Posaunenchor Bückeburg musikalisch untermalten Kranzniederlegung das Wort an die Bürgerinnen und Bürger gerichtet, unter denen auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse des Adolfinums waren: „Am 9. und 10. November 1938 zeigte das Regime seine hässlichste Fratze“, so Bückeburgs Bürgermeister. Brombach weiter: „Wir schauen zurück auf die dunkelste Zeit, die Deutschland erlebt hat – und hoffentlich nie wieder erleben wird.“

Der Brand der Synagogen in ganz Deutschland und auch in Bückeburg habe auch den Letzten, die es bis dahin nicht wahrhaben wollten, klargemacht, dass die Juden aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen und vernichtet werden sollten. Darüber hinaus sei die Aktion aber auch gegen Sinti, Roma und Behinderte gerichtet gewesen – „also gegen alle Menschen“, so das Stadtoberhaupt, „die nicht der NS-Vorstellung von einem Arier entsprachen.“

Leider jedoch, bedauert Brombach, „befinden wir uns heute erneut auf einem schlimmen Weg.“ Denn in der Welt, in Europa und eben auch in Deutschland hätten nationalsozialistische Gedanken in Form von Rassismus und Antisemitismus wieder Fuß gefasst. Daher gelte es jetzt, Zivilcourage zu zeigen und nicht – wie vor 80 Jahren geschehen – erneut wegzuschauen. Der Bürgermeister, ohne die AfD in diesem Zusammenhang explizit zu nennen: „Gehen Sie nicht denen auf den Leim, die mit vordergründig bestechenden Argumenten dafür eintreten, dass Deutschland wieder den Deutschen gehören soll.“

Die Gedenkstunde schloss mit dem von Zapke angestimmten und gemeinsam gesprochenen „Vater unser“.




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