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Stilllegung des Schaumburger Steinkohlebergbaus vor 50 Jahren – ehemalige Kumpel erinnern sich an unruhige Zeiten

„Kameradschaft unter Tage war einmalig“

Wie ein Vorbote drohenden Unheils ereignete sich am 2. Dezember 1959 ein Grubenunglück im Schacht Beckedorf, bei dem ein Bergmann starb und 16 zum Teil schwer verletzt wurden. Im Februar 1960 folgte die nächste Hiobsbotschaft für die rund 3000 Kumpel im Schaumburger Land: Die Preußische Bergwerks- und Hütten AG (Preussag) kündigte die Stilllegung aller Stollen und Schächte an.

veröffentlicht am 12.02.2010 um 23:00 Uhr

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Die Preussag war der Betreiber der Bergbau-Anlagen in der „Schaumburger Mulde“. Die Hauptförderstellen waren der Liethstollen in Obernkirchen, der Georgschacht in Stadthagen, der Schacht Beckedorf und der Schacht Auhagen. Der gerade erst fertiggestellte Schacht Lüdersfeld förderte nur einige Monate lang Kohle im großen Stil. Außerdem gab es Dutzende kleine Stollen und Schächte, beispielsweise in Obernwöhren, Gelldorf, Vehlen und Wendthagen – sprich: rund um den Bückeberg.

Die geplante Stilllegung kam nicht aus dem Nichts: Bereits 1954 zeichnete sich eine Krise des Kohleabbaus im Schaumburger Land und Umgebung ab. Der Grund: Während die Wirtschaft in beinahe allen Zweigen boomte, war der Steinkohleabbau hierzulande ein Verlustgeschäft. Die Preussag war bemüht, die Verluste, die sie im Untertagebau erwirtschaftete, zu dezimieren. Die weniger lukrativen und sogar unrentablen Bergwerksgebiete gerieten ins Visier des Konzerns.

Auslöser der Kohle-Krise war die Eroberung des Energiemarktes durch Heizöl. Dieses war einfacher zu fördern und deshalb das günstigere Heizmaterial. In einer Debatte des Niedersächsischen Landtags vom 3. März 1960 sprach sich der Abgeordnete Erich Rocholl (Deutsche Partei) dagegen aus, unrentable Zechen zu subventionieren. Die Mehrheit der Redner tendierte zum Erhalt des Kohleabbaus in Schaumburg.

Selber Ort, 50 Jahre danach: Alfred Heumann (v.l.), Erich Ulith, Günther Insinger, Gunter Ludewig und Paul Bockisch forderten die Erhaltung des heimischen Bergbaus. Foto: gus

Doch zurück ins Jahr 1954: Bei einer Kundgebung im November 1954 in Lindhorst versichert der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Hermann Ahrens (Mitglied der Partei „Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ GB/ BHE), dass im Falle einer Stilllegung Ausgleichsarbeitsplätze für die betroffenen Bergleute in anderen Industriezweigen geschaffen würden. VW habe bereits zugesichert, dass dort arbeitslose Bergleute unterkommen könnten.

In Lindhorst entstand zu der Zeit gerade die Bergarbeitersiedlung rund um die Glück-Auf-Straße. Der Ort hatte immens vom Kohleabbau profitiert, war innerhalb von einigen Jahrzehnten von 2000 auf 4000 Einwohner gewachsen. Die Bergleute bauten auf ihre Arbeitsplätze. Und nach Außen hin waren die Signale auch zweideutig. Bis ins Jahr 1958 soll das Arbeitsamt nach Aussage eines Kumpels, der in der besagten Landtagsdebatte zitiert wird, mit einem Plakat geworben haben, dass hohe Löhne und sichere Arbeitsplätze versprach.

Doch 1957 wird der Barsinghäuser Bergbau stillgelegt, ebenfalls von der Preussag. Damit war ein Teil des „Gesamtbergamtes Obernkirchen-Barsinghausen“ sozusagen abgebaut. Noch 1955 – das geht aus dem Protokoll jener Landtagssitzung vom 3. März 1960 hervor – hatte die Preussag nichts derartiges im Sinn gehabt.

Unsichere Zeiten also für die „Kumpel“. Denn selbst das Ruhrgebiet ächzte seinerzeit unter dem sogenannten „Zechensterben“. Und der „Ruhrpott“ ist bis heute als – wenn auch subventioniertes – Kohleabbaugebiet erhalten geblieben. Doch so recht mochte lange Zeit niemand glauben, dass bald Schluss sein sollte mit dem zwar harten, aber gut bezahlten Ackern unter Tage in Schaumburg. Schließlich kostete der Schacht Lüdersfeld die Preussag 70 Millionen Mark, und die Anlage nahm erst Anfang 1960 die Förderarbeit auf. Bis zu 50 Millionen Tonnen Kohle sollen noch zwischen Lüdersfeld und Auhagen im Erdreich liegen. Bis heute.

„Und das wird auch so bleiben“, ist sich der Lindhorster Gunter Ludewig, Vorsitzender des Kultur-Fördervereins Schaumburger Bergbau, sicher. Er selber war Betroffener, stand nach sechs Bergarbeiterjahren mit 21 Jahren vor einer ungewissen Zukunft, als 1960 die „Bombe“ platzte und die Zechen in der Umgebung geschlossen wurden.

Kampflos gaben sich die „Kumpel“ nicht geschlagen. Eine der größten Demonstrationen in der Geschichte der heutigen Kreisstadt war Folge der Schließungs-Ankündigung. 2000 Bergarbeiter zogen schweigend durch die Straßen Stadthagens. In den Händen hielten die Anführer der Kundgebung ein Plakat mit der Aufschrift „Wir fordern die Erhaltung des heimischen Bergbaus!“.

Dem Schweigemarsch schloss sich eine Belegschaftsversammlung an. Das Preussag-Konzernblatt „Schicht“ schreibt, dass Betriebsrat und Belegschaft geschlossen für die Fortführung des Kohleabbaus in Lüdersfeld und Auhagen eintreten wollen. „Schärfster Widerspruch“ werde eingelegt. Geleitet hatte die Versammlung der Betriebsratsvorsitzende Helmut Günther, Vater des heutigen Samtgemeindeamtmanns und Kreistagsabgeordneten Andreas Günther.

Die Unwahrheit hatte das zitierte Plakat im Arbeitsamt bezüglich der sicheren Jobs indes nicht verkündet: Denn die 1954 von Minister Ahrens skizzierte Vorsorge für Ersatzarbeitsstellen für die abgebauten Bergleute war Tatsache. Bereits die Barsinghäuser „Kumpel“ hatten nahezu komplett wieder Arbeit gefunden. Dennoch gab es Zweifel in der Schaumburger Belegschaftsversammlung. Der damalige Oberkreisdirektor Rolf Disch prophezeite enorme strukturelle Probleme, wenn die Arbeitsstellen zunehmend kaum mehr auf dem Lande, sondern hauptsächlich in den größeren Städten lägen.

Auch in der besagten Landtagsdebatte kamen die Nachteile der Ersatzstellen auf den Tisch. Der Rintelner Abgeordnete Rudibert Schneider (GB/BHE) wies darauf hin, dass die zusätzliche Fahrzeit nach Hannover und Umgebung die Arbeiter täglich bis zu drei Stunden länger von ihren Familien trennen würde als bisher. Zudem müssten die Ex-Bergleute als Neulinge in den jeweiligen Betrieben in Krisenzeiten als Erste mit Kündigungen rechnen.

Doch von Krise konnte keine Rede sein. Ludewig erinnert sich daran, dass die Bergleute sich, nachdem am 28. März – allem Protest zum Trotz – die Stilllegung der Schaumburger Zechen endgültig besiegelt worden war, in mehreren Firmen umsehen und einen neuen Arbeitsplatz aussuchen konnten. Er selber kam im September 1960 bei VW in Stöcken unter. Andere ehemalige „Kumpel“ verschlug es zur Post, zur Bahn, zu Riedel de Häen in Seelze und zu Teves in Barsinghausen.

„Ich wäre gern Bergmann geblieben“, sagt Ludewig heute, nach 50 Jahren. Günther Insinger, Alfred Heumann, Erich Ulith und Paul Bockisch stimmen ihm zu. Die fünf Bergleute von einst geben ihre Erinnerungen preis. „Die Kameradschaft unter Tage war einmalig“, schwärmt Heumann. „Wenn jemand Hilfe brauchte, dann wurde ihm auch geholfen.“ Das hat Ludewig sogar über Tage erlebt, als er von zu Hause ausgezogen war und dringend eine neue Bleibe benötigte. Er sei kurzerhand von einem Kollegen in dessen Haus aufgenommen worden. Gab es unter Tage einmal Streit, ging es zwar meist rau zu, doch die Streithähne hatten sich gegenseitig auch schnell wieder verziehen.

Die Ankündigung der Stilllegung aller Schaumburger Zechen traf die rund 3000 Bergleute ins Mark. Nicht nur, weil sie an ihrer Tätigkeit hingen – in den Familien machte sich Angst breit. Auch wenn zugesagt worden war, dass die abgebauten Bergleute in anderen Betrieben beschäftigt würden – sicher konnten sich die Betroffenen nicht sein. Doch die Jobsuche gestaltete sich tatsächlich recht einfach. Man habe sich regelrecht um die Bergleute gerissen. Und diese wiederum hatten beinahe freie Auswahl – nahezu alle Wirtschaftsbereiche befanden sich im Aufschwung und suchten nach Personal.

Ganz anders das Bild vor 50 Jahren: Anfang Juni rollte die erste Entlassungswelle, es galt eine vierwöchige Kündigungsfrist. Am 30. Juni gingen die ersten Bergleute – einer davon war Insinger. Die Preussag, Betreiberin des Schaumburger Kohleabbaus, gewährte den Gekündigten einen Tag Sonderurlaub, den sie zur Besichtigung von Firmen vornehmlich in Hannover nutzen sollten. „Hier gab es ja nicht viel“, sagt Ludewig. Ludewig fand bei VW Arbeit, Heumann bei Varta – sozusagen nebenan. Neu war für die Ex-„Kumpel“ die weite Anfahrt. Ein eigenes Auto hatte kaum jemand, Busse fuhren nicht – per Anhalter pendelte so mancher ehemalige Bergmann nach Hannover.

Recht unterschiedlich verliefen die weiteren Berufskarrieren. Insinger, der mit weiteren 100 ehemaligen Bergleuten im Kloth-Senking-Werk bei Beckedorf unterkam, verdiente dort spürbar weniger Geld als unter Tage. Ludewig kam bei VW sogar besser weg, obwohl Bergleute mit zwischen zwei und drei Mark pro Stunde schon üppiger entlohnt wurden als Handwerker. 90 Pfennige betrug der Stundenlohn eines Bautischlers, erläutert Ulith.

Fast alle der betroffenen 3000 Bergleute kamen nach Angaben Ludewigs wieder in Lohn und Brot. Wie stark die Verbundenheit mit dem „Untertagewerk“ noch bis heute ist, zeigt sich an der Existenz etlicher Bergmanns-Vereine und einiger Museen wie dem im Lindhorster Hof Gümmer. Die meisten Mitglieder dieser Vereine haben deutlich länger „über Tage“ als „unter Tage“ ihren Lebensunterhalt verdient. Bergleute sind sie dennoch immer geblieben.




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