weather-image
×

Vor Gericht: 30-Jähriger wird freigesprochen

Kein Vergewaltiger, kein "Gentleman"

Haste (menz). Nach moralischen Kriterien ist ein junger Mann vor Gericht durchgefallen. Wie ein "Gentleman" habe er sich nicht benommen, urteilte der Vorsitzende des Stadthäger Schöffengerichtes, Kai Oliver Stumpe. Strafrechtlich war der 30-jährige Angestellte wegen seines Verhaltens gegenüber seiner mittlerweile ehemaligen, verheirateten Chefin nicht zu belangen. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen des Geschehens am Ende eines Betriebsfestes Anklage wegen Vergewaltigung erhoben.

veröffentlicht am 14.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

Von dem Vorwurf rückte Ankläger Klaus-Jochen Schmidt am Ende der Beweisaufnahme ab, zurückhaltend formulierte er einen Antrag auf Freispruch. Dem Verteidiger fiel es zu, weniger feinfühlig vorzugehen und zu Gunsten seines Mandanten zu argumentieren. Aus dessen Sicht sei das Geschehen "einvernehmlich" gewesen, Rechtsanwalt Stefan Chatziparaskewas äußerte "erhebliche Zweifel" an der Opferaussage. Die Frau hatte geschildert, wie sie mit dem Mann in ein Problemgespräch vertieft zum spätabendlichen Spaziergang aufgebrochen war. Unterwegs habe der langjährige Mitarbeiter versucht, sie zu küssen. Den Übergriff des stark angetrunkenen Mannes wollte sie aber nicht dramatisieren. Sie habe geglaubt, "die Sache im Griff" zu haben. "Wir dürfen das nicht, lass' das!", habe sie den Mann abgewehrt und den Ernst der Lage erst begriffen, als der Knopf ihrer Hose aufging. Am Ende lag sie am Boden und sei der Situation entkommen, als der Mann in einer Schrecksekunde locker gelassen habe, weil jemand ihren Namen rief. Der Ehemann hatte sie zwischenzeitlich vermisst und eine Suchaktion initiiert. Der Gatte war wenig erbaut, als seine Frau gefolgt von dem 30-Jährigen aus dem Gebüsch auftauchte. Dem Ende des Betriebsfestes folgte eine Ehekrise. Die Frau offenbarte sich erst, als der Ehemann mit dem Koffer in der Hand das Haus verlassen wollte. Der Freispruch sei "vorschnell in den Raum" geworfen worden, beklagte der Rechtsbeistand des Opfers das Plädoyer des Staatsanwaltes. Widersprüche und Ungereimtheiten müsse man im Zusammenhang mit dem Schockzustand bewerten, forderte der Jurist. Trotz Erinnerungslücken habe seine Mandantin den "Vergewaltigungsgablauf nachvollziehbar dargestellt", lautete sein Fazit. In der Urteilsbegründung sprach Richter Stumpe bewusst von der Frau als der "Geschädigten". Das Gericht glaube nicht, dass sie die Unwahrheit sage. Raum für einen Schuldspruch haben die Richter dennoch nicht gesehen. Bei einer Vergewaltigung muss Vorsatz nachgewiesen werden. "Der Mann muss wissen, dass die Frau das nicht will", brachte Richter Stumpe die notwendigen Voraussetzungen auf einen Nenner. "Wir dürfen das nicht", wurde als zu schwach eingestuft, um einem angetrunkenen Mann die Grenzen klar zu machen.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige