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Expertin Ulrike Grimpe klärt in der Grundschul-Aula über Wahrnehmungsstörungen auf

Kinder ruhig mal im Regen gehen lassen

Nienstädt (mab). „Alle Leute reden mittlerweile von ADHS, und bei gefühlt jedem dritten Kind wird diese Diagnose gestellt – da will ich mich jetzt auch mal informieren, um mitreden zu können“, hat Nicole Schönbeck als Grund ihres Kommens genannt. Dazu hatte sie am Mittwoch in der Grundschule Nienstädt genügend Gelegenheit. Dort erklärte die Physio- und Psychomotoriktherapeutin Ulrike Grimpe, wie Wahrnehmungsstörungen wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder diese Störung in Verbindung mit Hyperaktivität (ADHS) bei Kindern zustande kommen und wie ihnen geholfen werden kann.

veröffentlicht am 30.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 01:22 Uhr

„Zwar können solche Wahrnehmungsstörungen auch angeboren sein, doch meistens werden sie durch falsches Verhalten der Eltern erworben, das häufig auf Unwissenheit beruht und bestimmt ohne böse Absicht ist“, erklärte Grimpe. Viele Eltern seien heutzutage überaus vorsichtig. Mütter verhielten sich schon während der Schwangerschaft ruhig, um dem Kind keinen Schaden zuzufügen und seien auch später sehr darauf bedacht, dass sich das Kleine beim Krabbeln bloß nicht den Kopf unter dem Tisch stößt.

Grimpe zufolge ist das allerdings der falsche Ansatz. Wenn Kinder nie mit ihrem Körper irgendwo anecken, lernen sie nicht, diesen richtig wahrzunehmen und sich selbst zu spüren. Das habe ein ständiges Unwohlsein zur Folge. Deshalb könne später häufig ein aggressives Verhalten beobachtet werden. „Wenn ADHS-Kinder gegen Wände laufen, merken sie erstmals die Grenzen ihres Körpers“, so Grimpe.

Um derartige Wahrnehmungsstörungen zu vermeiden, können die Eltern eine Menge unternehmen. Die Therapeutin gab beispielsweise den Hinweis, dass kleine Kinder nicht in eine Sitzschale gehören, sondern auf eine Decke auf den Boden. Das beliebte „Hoppe, hoppe, Reiter“-Spiel und einfaches, wildes Herumtoben böten sich ebenfalls an. Bei Regen sollten die Kinder möglichst nicht zur Schule gefahren werden, sondern zu Fuß gehen. Auch eine gute Feinmotorik sei äußerst wichtig. Diese könne beispielsweise mit Geschirrabtrocknen und Schleifebinden gefördert werden. All das trage zu einer besseren Körperwahrnehmung bei.

Die rund 20 Eltern im Publikum, die teilweise direkt betroffen waren, zeigten sich in der anschließenden Diskussion sehr interessiert und kritisierten, dass betroffenen Kindern häufig viel zu schnell das Betäubungsmittel Retalin verschrieben wird statt Therapiestunden. Auch Schuhe mit Schleifen seien in den Geschäften den Klettverschlüssen gewichen. Was sie sich abschließend wünschten, seien deshalb mehr Aufklärungs- und Präventionsangebote schon vor oder während der Schwangerschaft.

Gabriele Hoffmann hat nach eigenen Angaben selbst ein „sehr aufgewecktes Kind“. Ihr Wunsch, Aufklärung darüber zu erhalten, wie man ADS oder ADHS erkennt, hat sich mit den anschaulichen Ausführungen von Grimpe nun erfüllt.




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