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Fachschaft Deutsch des Adolfinum rüstet sich für neun Schuljahre

Königsdisziplin des Journalismus

veröffentlicht am 09.09.2016 um 12:22 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:50 Uhr

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Autor:

Volker Heuer-Strathmann

BÜCKEBURG. Einige Kollegen am Adolfinum haben es noch nicht vergessen: Ungefähr zu der Zeit, als die Schulzeit auf acht Jahre verkürzt und die Stundenzahl in den Prüfungsfächern reduziert wurde, erweiterte man den Stoffplan für das Fach Deutsch in der gymnasialen Oberstufe ganz erheblich – das Kerncurriculum ein Kuriosum, das oft beklagt, aber nie behoben wurde. Nun steht im Jahre 2018 der Einstieg des ersten Jahrgangs als 11. Klasse in die G9-Oberstufe an und auch die Basis hat sich verändert: Es gelten schon jetzt bundesweite Bildungsstandards.

Damit diese Umwandlung im Fach Deutsch reibungslos läuft und die neuen Schwerpunkte angemessen realisiert werden können, setzt das Kultusministerium „Multiplikatoren“ ein. Christine Rehr vom Gymnasium Ernestinum Rinteln nimmt diese Funktion in der Region wahr. Dadurch wird Horst Klösel, der Fachberater vom Ratsgymnasium Stadthagen, entlastet. Als eigenverantwortliche Schule kümmert man sich nicht nur in Bückeburg darum, wie die Vorgaben im eigenen Haus umgesetzt werden.

Eine von Fachobfrau Manuela Reichardt organisierte eintägige Fortbildung mit der Expertin aus der Weserstadt zeigte den mehr als zwanzig Fachlehrkräften des Adolfinum, wo Spielräume entstehen, was umgeschichtet wird und welche neuen Schwerpunkte hinzukommen. Da ist vor allem das „materialgestützte Schreiben“ zu nennen. Was zunächst noch eher ein Sichten, Sortieren und Zusammenfassen ist, führt spätestens im Abitur zu Tätigkeiten, die teilweise im Journalismus angesiedelt sind. Berichte, Porträts, Glossen, Essays, Profile und Kommentare stehen auf dem Programm.

Eine erste Kostprobe gab es schon im Abitur 2016, als den Zöglingen in Niedersachsen und den fünf kooperierenden Bundesländern ein „Kommentar für eine Tageszeitung“ zur Frage „Wozu Literatur?“ abverlangt wurde. Oft gewählt trotz extrem umfangreicher und teils sehr komplexer Basismaterialien, hielt sich die Begeisterung am Ende in Grenzen, auf Lehrer- wie auf Schülerseite. Welche Art Literatur gemeint war, hatten die Verantwortlichen nicht ausdrücklich erwähnt. Was aber insbesondere fehlte für die „Königsdisziplin des Journalismus“ (Rehr), war die systematische Vorbereitung auf solcherlei Tätigkeiten.

Also fängt man nun schon in der Unterstufe des Gymnasiums an mit dem wunderbaren Handwerk. Die Zusammenhänge mit einer veränderten Informations- und Rezeptionskultur im Internetzeitalter liegen auf der Hand. Ein kleiner Adressatenkreis könnte über die Schulhomepage erreicht werden oder durch die Schülerzeitung „ColorAdo“. Dass solche Möglichkeiten noch zu selten genutzt werden, auch am Ernestinum, bedauerte Rehr ausdrücklich. Jugendseiten von Tageszeitungen öffneten weitere echte Fenster.

Autoren wie Büchner und Johnson

Erste Übungsaufgaben aus dem Kultusministerium in Hannover zeigen, dass Deutschunterricht auch dazu beitragen soll, guten Kulturjournalismus zu fördern. Man lässt im Vorfeld der Reifeprüfung 2017 Autoren wie Büchner und Johnson von den Prüflingen porträtieren oder will anhand eines Programmhefts über ein Theaterstück aus dem Pflichtteil informieren. Kommentieren kommt zu kurz. Ob da nicht doch viele Prüflinge lieber den länderübergreifend geltenden Gedichtvergleich wählen? Büchner und Johnson hatten übrigens nicht die Feder dafür – trotz Herzeleid und Vaterlandsschmerz. Zur Poesie bedarf es eben doch ein wenig mehr.

Eine Übersicht aller Module, die am Adolfinum nach der Revision bestehen bleiben als Pensum für die Jahrgänge 5 bis 10, weckt nicht etwa den Eindruck, die Freizeitpädagogik habe im Fach Deutsch Einzug gehalten. Was der neue 11. Jahrgang tatsächlich an „Mehrwert“ bringen wird, das lässt sich noch nicht sagen. Mehr Raum für den modernen Roman, das steht fest. Weniger Ausschnittarbeit an anspruchsvollen Werken, das wäre endlich möglich, so hofft mancher Teilnehmer an der ertragreichen Fortbildung. Theateraufführungen werden in Zukunft womöglich auch dann besucht, wenn kein Abiturstoff gegeben wird. Wer aber mit G9 wieder in die „gute alte Zeit“ um 1980 zurück möchte, will sicherlich nicht das „Freisemester“ wieder einführen, jene Zeit zu Beginn der Gymnasialen Oberstufe, die primär der Orientierung dienen sollte – ein Treppenwitz Richtung Partykeller.




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