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Über die Liebe zu guten Vergleichen – und den Ärger über unpassende

Kolumne: Das ist ja wie…

Sie werden es sich noch nie gefragt haben, aber ich sage Ihnen trotzdem, wie es ist: Ich liebe Vergleiche. Vielleicht wurden die Wurzeln dafür an der Journalisten-Akademie gelegt.

veröffentlicht am 17.10.2020 um 06:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Journalisten kommen ja nicht zu hübschen Texten wie die Jungfrau zum Kind, sondern sie werden früh dazu erzogen, Vergleiche zu ziehen, damit auch weniger erfolgreich entwickelte Synapsen komplexere Sachverhalte durchdringen können. Fußballfelder, zum Beispiel, die dürften Ihnen schon häufiger untergekommen sein. Fußballfelder müssen immer dann herhalten, wenn abstrakte Größen zu verdeutlichen sind. Die Überzeugung, dass die Menschheit weiß, wie groß so ein Fußballfeld ist, bildet die Grundlage, warum auch immer. Ich interessiere mich für Fußball so sehr, wie der Papst sich für Frauen zu interessieren hat, und müsste jedes Mal nachschlagen, welche Maße ein Fußballfeld hat, bevor ich den Vergleich bringen könnte. Und vor Augen habe ich es auch nicht. „So groß wie vier Fußballfelder!“ Aha. Ziemlich groß wohl. Vor allem aus der Perspektive eines Spielers, der einmal auf die andere Seite muss, oder aus der eines Zuschauers im obersten Rang, der kaum den Ball findet. Großes Feld, jedenfalls!

Dennoch: Vergleiche und Metaphern machen selbst dröge Geschichten anschaulich. Wenn zwei sich streiten, ist das so. Wenn sie wie Feuer und Wasser sind, ist klar: Es geht um alles, ums Erlöschen oder Aufflammen, um Sieg oder Niederlage, um Es-kann- nur-einen-geben. Oder Pech und Schwefel – sie sind viel unzertrennlicher als einfach zwei beste Freunde. Und wenn schnöde Orgien gefeiert werden, stehen Sodom und Gomorrha Gewehr bei Fuß, um dem Bild im Kopf noch mehr Details zu verpassen. Vergleiche können was. Weiß wie Schnee, Schwarz wie Ebenholz, Rot wie Blut – schwupps, Schneewittchen im Kopf. Im schlechteren Fall können sie auch hinken, davon wissen Äpfel und Birnen ein Lied zu singen. Kein anderes Obst macht den beiden die wichtige Aufgabe streitig, einen schlampig gewählten Vergleich blass aussehen zu lassen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ füllt mit ihren Tierfoto-Text-Vergleichen nach dem Motto „Du siehst aus, wie ich mich fühle“ ganze halbe Seiten und Postkarten. Geld wie Heu müssen die damit verdienen.

Schon mein strenger Mathelehrer ließ sich manchmal zu dem flotten Spruch hinreißen: „Kannst du halten wie ein Dachdecker.“ Apropos Mathe: Größer als, kleiner als, genauso groß wie, bereits in der Grundschule werden die Relationszeichen gelehrt – was mich zu einer Schwachstelle unserer Sprache und/oder ihrer Sprecher bringt, wenn es um Vergleiche geht. 10 ist größer wie 11? Stimmt nicht? Stimmt gleich doppelt nicht! Dass zehn die kleinere Zahl ist, erkennen wohl noch die meisten, aber wie und als korrekt anzuwenden – die Hürde schafft manch einer nicht mehr und scheppert davor. Das ruiniert den schönsten Vergleich. Dabei ist es ganz einfach: Ein beliebiger Präsident, beispielsweise, kann dumm wie Brot sein und blöd wie ein Meter Feldweg und gleichzeitig stärker als ein Virus. America ist in dessen Augen greater als manch anderes Land, vielleicht ist es aber in Wirklichkeit doch nur so great wie Europa, und Bill Gates ist reicher als die meisten anderen Menschen der Welt, und ich bin nicht so reich wie er. Damit nähere ich mich jener Kategorie Vergleiche, die an den Haaren herbeigezogen sind: Wenn Trump sich, frisch genesen, dank 100 000 Dollar teurer Behandlung mit der amerikanischen Bevölkerung (ohne Krankenversicherung und ohne viel Geld auf der hohen Kante) vergleicht oder ihnen Tipps zum Umgang mit dem Virus gibt – hohl, aber noch ganz putzig.

Und dann gibt es da die Schublade, in der Vergleiche üblicherweise verschlossen gehalten werden, weil sie sich verbieten. Über die es keine zwei Meinungen geben kann, dachte ich, die aber offenkundig an Popularität gewinnen. Vergleiche, die Tabus brechen und vor allem jeder Grundlage entbehren: Vergleiche unserer Zeit im demokratischen Deutschland (in der jeder fast überall fast alles herausschreien kann, was und wie er will) mit der NS-Zeit (in der Menschen für ihre Meinung, Haltung und Andersartigkeit ermordet wurden). Vergleiche, bei denen sich heutige Protestler auf eine Stufe zu stellen scheinen mit der Widerstandskämpferin Sophie Scholl (die mit ihrem Protest ihr Leben aufs Spiel gesetzt und es verloren hat). Wer sich entscheidet, jene unterste Schublade für seine Zwecke zu öffnen, sorgt dafür, dass sich selbst ein gutes Argument in Grund und Boden schämt. Das ist so, als würde man… nein, das ist mit nichts zu vergleichen.




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