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Hanjo Kestning: „Der umstrittenste Künstler der Deutschen – Richard Wagner nach 200 Jahren“

Komponist zwischen Anarchie und Romantik

Bückeburg (mig). „Um Wagner zu hören, braucht es feine Ohren“: Einen kenntnisreichen und zugleich spannenden Vortrag zum Thema „Der umstrittenste Künstler der Deutschen – Richard Wagner nach 200 Jahren“ hat dieser Tage der Publizist Hanjo Kestning im Staatsarchiv gehalten. Der frühere Leiter der Hauptredaktion „Kulturelles Wort“ beim Norddeutschen Rundfunk und heutiger Redakteur der Zeitschrift Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte folgte damit einer Einladung des Bückeburger Kulturvereins.

veröffentlicht am 13.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 06:21 Uhr

Wer einmal einen Radio-Vortrag von Hanjo Kestning hat, der wird ihn auch am Sonntag sofort wiedererkannt haben. Sein fein akzentuierter, warmer Bariton, seine klare Aussprache, all das macht ihn zu einem kompetenten Vermittler zwischen Text und Leser, Stoff und Publikum. Kestning ist ein Bildungsbürger im besten Sinn, der über das „Geheimnis der Melancholie“ und die europäische Kulturgeschichte geschrieben hat. Er ist ein Mann, der etwas zu sagen hat und der das Publikum mit seiner herzlichen Art schnell für sich einnimmt.

Richard Wagner, so Kestning zu Beginn seines Vortrags, habe immer wieder Kontroversen entfesselt. Über keinen Künstler der deutschen Kulturgeschichte sei so viel geschrieben worden und veröffentlicht worden wie über ihn: „Über sein Werk, das zu den großen Hervorbringungen der europäischen Kulturgeschichte gehöre und über seine widerspruchsvolle Person, mit der ein neuer, moderner Künstlertyp in Erscheinung getreten ist.“ Mit Verwunderung habe er deshalb in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gelesen, der „Fall Wagner“ sei „ausgeforscht“, „alle Werke seien durchdiskutiert“ und „der alte Streit, wie antisemitisch ein Künstler sein dürfte“, sei „ausgefochten“. Fünf Aspekte des Wagner-Kosmos müssten näher beleuchtet werden, bevor ein Urteil über Wagner gefällt werden könne: Dazu gehören

der lebenslange Zwiespalt des Komponisten zwischen Welteroberung und Erlösungswunsch,

seine Ideologie, zu der auch der Antisemitismus gehört,

die Texte seiner Musikdramen, die von je Spott und Kritik am stärksten herausgefordert hätten und

seine Stellung in der Operngeschichte.

Einen ersten Eindruck von Wagners Wesen vermittelt sein historisches Umfeld: Der Komponist wurde im Jahr 1813 geboren, „einem Jahr gleich bedeutend für die politische Geschichte Europas wie für die Kulturgeschichte.“ Wagner wuchs in einem „Polizeistaat Metternichscher Prägung“ auf, den er später im letzten großen Nachhutgefecht der 1848er-Revolution auf den dresdner Barrikaden bekämpfte. „War er ein echter, wahrer Revolutionär?“

Über diese Frage sei viel gestritten worden, gab Kestning an und zitierte aus einem Wagner-Text mit dem Titel „Die Revolution“ („Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen…“). Dieser lasse sich nicht als „schnöder Opportunismus“ deuten, wohl aber zeige er, dass Wagner, der als Künstler alle Grenze gesprengt habe, auch in seinem revolutionärem Eifer maßlos gewesen sei, „eine leicht entzündbare Fackel“. Fest steht immerhin, dass Wagner aktiv an den revolutionären Vorgängen teilgenommen hat und stets im Zentrum des Geschehens agierte, allerdings ohne mit der Waffe zu kämpfen. Dieser revolutionäre Eifer sei in seine musikdramaturgischen Konzepte eingegangen und habe sie wesentlich mitbestimmt.

Den „Ring der Nibelungen“, sieht Kestning in diesem Zusammenhang als Kampfansage an die moderne Geldzivilisation, die am Schluss der Götterdämmerung im Weltenbrand zugrunde geht. Wagner, so Kestning zusammenfassend, könne man nur finden im Widerspruch, im unauflöslichen Mit- und Nebeneinander und oft im Gegeneinander des scheinbar Unvereinbaren. Sein Anarchismus konnte zwar immer wieder hervorbrechen (etwa wenn er kurz vor seinem Tod gegen das Eigentum wetterte), zugleich aber hatte er das Erbe der Romantik aufgenommen, mit einem Hang zum Mittelalter, zum Mythos und Volkskönigtum, der Abgrenzung gegen alles Französische, den deutschnationalen Phantasien mit völkischem Bodensatz und offenem Antisemitismus. Wagner, lautet Kestnings Schlussfolgerung, sei vielleicht ein Revolutionär, niemals aber ein Aufklärer gewesen.

Stellung bezog der Referent auch zum Thema Antisemitismus, den er in Wagners Werk als vielfältig belegt ansieht. Als Beispiel dient die Veröffentlichung des „widerwärtigen“ Pamphlets „Das Judentum in der Musik“ und ein Auszug aus dem Tagebuch von Cosima Wagner, die angibt, Wagner habe sich über den Tod vieler Juden bei einem Theaterbrand gefreut. Dennoch dürfe Wagners Antisemitismus nicht primär unter dem Gesichtspunkt seiner damals noch nicht vorhersehbaren Folgen gesehen werden, gab Kestning zu bedenken.

Der Historiker müsse die Vergangenheit aus ihren eigenen Gegebenheiten zu verstehen versuchen, ohne sich von den Tendenzen der Gegenwart bestimmen zu lassen. Die Aktivitäten des Bayreuther Kreises um Cosima Wagner und Hans von Wolzogen, die Rassentheorie eines Houston Stewart Chamberlain und die Inbesitznahme Bayreuths durch Hitler restlos auf Wagners Schuldkonto zu setzen sei „unzulässig“, befand der Publizist.

Insgesamt habe Wagner die Sprachfähigkeit der Musik unendlich erweitert, ohne sie je wie gewisse seiner Nachfolger bis hin zu Filmkompositionen zu bloßer Klangmalerei herabzuwürdigen. Es brauche feine Ohren um Wagner zu hören, „nicht solche, die sich durch Schwall und Getöse überrumpeln lassen.“




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