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Bad Nenndorfer Historie: „Stärkste radioaktive Schwefelquelle“ Europas diente einst Werbezwecken

Kuren zum Sozialtarif in der Kaiserzeit

Bad Nenndorf. Zahlreiche Bad Nenndorfer kennen noch die Zeit, als Bad Nenndorf mondänes und betuchtes Publikum zum Kuren begrüßte. Dass im Zuge der Reformen des Gesundheitssektors zunehmend Kurgäste ausblieben, vor allem jene, die auch dem örtlichen Handel und Gewerbe Einträge brachten, ist ein hinlänglich bekannter und bedauerter Umstand. Dass es in Bad Nenndorf aber bereits während des Ersten Weltkriegs Kuren für arme Menschen gegeben hat, dürfte manchen überraschen.

veröffentlicht am 30.09.2013 um 19:32 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:22 Uhr

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Einen Beleg für die Kuren nach Sozialtarif hat Rosemarie Börner in ihrem umfangreichen Bestand zur Bad Nenndorfer Historie gefunden. Demnach existierte in den Jahren von 1910 bis 1920 ein Formular für Menschen, die keine Einkommensteuer zahlten, aber dennoch eine Kur beantragen wollten. Ein solches Formular füllte im Jahr 1916 Börners Großmutter aus Pohle aus und bekam so eine verbilligte Kur in Bad Nenndorf bewilligt.

In Börners Sammlung befindet sich auch eine Preisliste, die auf den ersten Blick zeigt, dass Kuranwendungen zu der Zeit – verglichen mit Preisen im heutigen Gesundheits- und Wellnessgewerbe – ohnehin recht erschwinglich waren. 30 Mark musste jeder Gast zwar an Kurtaxe berappen. Doch ein Besuch in der „Gewölbequelle“ kostete pro Person nur vier Mark. 2,50 Mark mussten für eine Anwendung im Kleinen Badehaus berappt werden. Allerdings entsprach eine Reichsmark in den Jahren nach der Inflation in puncto Kaufkraft etwa dem heutigen Wert von vier Euro.

Auch die Werbestrategien haben sich stark gewandelt. Stellt der Kurort heute vor allem die Qualität von Schlamm und Moor heraus, so war es einst das Solewasser, das besonders angepriesen wurde. Die Kurgäste tranken lange Zeit im Brunnentempel, ehe der Ausschank in die Wandelhalle verlegt wurde. Heute befindet sich dieser im Eingangsbereich des Haus Kassel.

Die „stärkste radioaktive Schwefelquelle in Europa“ pries der Eigentümer des Hotels Schaumburg (heutiges Rathaus) noch vor dem Zweiten Weltkrieg an – eine Formulierung, die Werbestrategen heute nur noch nach einem viel zu heißen Dampfbad wählen dürften. Und dennoch war den Gastwirten schon damals geläufig, dass das Solewasser nicht eben den Gaumen kitzelte. „Jeder Trinkzwang ist ausgeschlossen“, betonte der Hotelier in derselben Broschüre. Wer weiß, ob überhaupt jemand die Übernachtungen für 4,50 Mark im Hotel Schaumburg gebucht hätte, wenn dort ein Sole-Trinkzwang bestanden hätte.




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