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"Informationstag" der Apotheken: Manche Tresen bleiben geschlossen / Viele Kunden merken nichts

Länger auf die Pillen warten? Nicht überall...

Landkreis (clb/rc/cst/fox/ssr). Schmalspur-Dienst gestern in manchen heimischen Apotheken - aus Protest der Inhaber gegen die geplante Gesundheitsreform. Die Auswirkungen der eintägigen Aktion waren unterschiedlich stark, bis hin zu empfindlich langen Warteschlangen.

veröffentlicht am 05.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

"Wartezeiten? Weniger Leistung? Nein Danke!", "Wir demonstrieren für eine bessere Gesundheitsreform!" oder einfach nur "Außer Betrieb!" - diese und andere Handzettel, Schilder und Plakate sind gestern in vielen Rintelner Apotheken ausgelegt worden, die sich am bundesweiten Protest gegen die geplante Gesundheitsreform beteiligt haben. Besonders deutlich zeigten Dr. Reinhard Rümmler von der Post-Apotheke, Oliver Schäfer von der Neuen Apotheke sowie Petra Schäfer von der b33-Apotheke ihre Haltung zu der geplanten Reform: In der Neuen Apotheke arbeiteten nur drei von ursprünglich sechs Angestellten, in der Post-Apotheke war das Personal in der Trauerfarbe Schwarz gekleidet, zudem wurde dort eine der beiden Kassen geschlossen. In der b33-Apotheke konnten sich die Kunden noch einmal ausgiebig informieren lassen. "Unsere Kunden sollen nicht bestraft werden, deshalb informieren wir, anstatt zu streiken", erklärte Apothekerin Petra Schäfer. "Das heißt jedoch nicht, dass wir mit den geplanten Veränderungen einverstanden sind." Dieser Meinung schloss sich auch Dr. Reinhard Rümmler von der Post-Apotheke an: "Das Wohl unserer Kunden steht absolut im Vordergrund. Wir streiken nicht für mehr Geld, sondern für den Erhalt von Arbeitsplätzen." Er selber habe mit seiner Frau und zwei Mitarbeitern an einem Streik gegen die geplanten Veränderungen im Gesundheitssystem in Hamburg teilgenommen und neben 11 000 anderen Teilnehmern auf der Straße demonstriert. "Und genau so will ich auch hier, mit Plakaten und Zetteln, auf die Misere aufmerksam machen", machte Rümmler seinen Standpunkt deutlich. Etwas verhaltener ist die Beteiligung in denübrigen sechs Rintelner Apotheken gewesen. Die Engel-Apotheke am Marktplatz, die Apotheke an der Weser sowie die Elefanten- und auch die Krankenhäger Apotheke beteiligten sich zwar mit Handzetteln, Plakaten und Informationen am Protest, versuchten aber nicht, mit drastischeren Mitteln gegen die Reform anzukämpfen. "Es bringt ja ohnehin nichts", so eine Apotheken-Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden wollte. Weder Protestäußerungen noch eine Stellungnahme kamen von der Löwen- sowie der Bahnhofsapotheke. In Bückeburg beteiligten sich alle fünf Apotheken an dem "Informationstag", hatten sich alle für die "gemilderte Version" entschieden. Das bedeutete: nur ein Kassenplatz geöffnet und Informationsgespräche mit den Kunden führen. Wie der Chef der Neuen Apotheke, Mark Bültmann, mitteilte, sei in seinem Haus nur einer statt dreier Kassenplätze geöffnet gewesen. Es hätten sich "durchaus" Schlangen gebildet und Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen. Seitens der Kunden sei Verständnis geäußert worden, etwa dass Apotheken und Patienten bei jeder Reform Einschnitte hätten hinnehmen müssen, was den wenigsten bekannt sei, da Ärzte und Krankenhäuser viel lauter über ihre Belastungen gestöhnt hätten. Kunden merkten dagegen von dem "Aktionstag" in Bückeburg wenig bis gar nichts. "Es war wie immer", sagte ein Kunde, der gerade eine Apotheke verließ und sich ein Medikament gekauft hatte: "Alle Tresen besetzt, keine Wartezeit, keine Information über den Aktionstag." "Die Patienten standen teils bis zur Tür" beschrieb hingegen Bezirksapotheker Knuth Strohauer die Situation in der Stadthäger Bären-Apotheke. Bei vielen gehe es ums Überleben, sollte die Gesundheitsreform greifen, beschrieb Nikolas Schäfer von der Neuen Apotheke den Grund des Protests. So trafen die Patienten bei ihrem Medikamentenkauf gestern häufig auf das Schild "Außer Betrieb". Um den Kunden einen kleine Vorgeschmack auf die Reform zu geben, informierte Schäfer, stünden die Aufsteller dort und sei nur ein Tresen besetzt - so auch in der Apotheke am Markt und der St. Martini Apotheke. In der Echtern Apotheke lagen die Protestzettel schon auf dem Boden verstreut. Apothekerin Martina Ottmar-Scholz berichtete über erstaunte Kunden. Im Alleingang hat Günter Goepfert gestern seine Markt-Apotheke in Sachsenhagen betrieben. "Längere Wartezeiten als gewöhnlich" habe das ergeben, die wartenden Kunden hätten aufgeschlossen und interessiert die Flugblätter gelesen. Die Perspektive für die Apotheken skizzierte Goepfert so: "Alles beschissen!" Einen von zwei Kassenplätzen und einen von vier Beratungsplätzen hatte Apotheker Jürgen Übel aus Bad Nenndorf geschlossen. Übel, der die Kur-Apotheke an der Haupstraße seit 1993 führt, will seinen Kunden damit die Auswirkungen der Gesundheitsreform vor Augen führen: Täglich besuchten zwischen 80 und 120 Kunden die Apotheke. Ob die Arbeitszeit seiner acht Mitarbeiter reduziert, oder gar Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, kann er noch nicht absehen. Zentraler Kritikpunkt des Nenndorfers: "Einerseits verbietet uns das neue Arzneimittelverschreibungswirtschaftlichkeitsgesetzes Naturalrabatte auszuhandeln.Mit dem neuen Gesetz werden wir jedoch dazu verpflichtet, mit Krankenkassen und der Pharmaindustrie Rabatte zu vereinbaren. Das wird ein heilloses bürokratisches Hin- und Hergewurschtel".

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Apotheker Dr. Reinhard Rümmler, Rinteln: Streiken für Arbeitsplätze.



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