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Wie der Jahrmarktsorgelbauer Peter Nolte sein Herz für schwere (und teure) Traktoren entdeckte

Lanz Bulldog – nicht für die Garage gebaut

Bückeburg. Der Lanz Bulldog ist ein gefragtes Sammelobjekt. Fans loben die Robustheit und Zuverlässigkeit der Ungetüme, Peter Nolte, Mitbegründer der deutschen Schlepperszene, schätzt vor allem die Technologie und den urigen Sound der Ungetüme. Harmonischer geht es in seiner Werkstatt zu. Hier restauriert Nolte als einer der letzten Jahrmarktsorgelbauer Deutschlands seltene Instrumente.

veröffentlicht am 13.07.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 09:41 Uhr

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Leise ist er nicht, der Verkehrs-Bulldog von Peter Nolte. Der Motor hat einen fetten, untertönigen Sound, das Wummern kündigt den alten Traktor schon von weitem an. Auch auf dem Gelände eines Bückeburger Supermarkts ist Noltes Lanz die Attraktion. Dorthin fährt der Neu-Rusbender oft zum Einkaufen, sein Lanz wird dann häufig zum Publikums-Magneten.

„Für mich sind die Lanz’ Gebrauchsfahrzeuge, deshalb fahre ich mit ihnen, so oft es geht“, erzählt Nolte. Doch vor dem Vergnügen steht die Arbeit: Zum Anlassen muss die Glühnase auf Temperatur gebracht werden. Mit einer Lötlampe beugt sich Nolte vorsichtig unter die dicke „Hunde“-Schnauze und hält die Flamme an den Zylinderkopf. Kaum eine Minute später beginnt der Motor zu wummern. „Man braucht nur ein bisschen Übung, dann geht es ganz leicht“, sagt er und klettert schwungvoll in das kleine Führerhaus.

Die Liebe zum Lanz Bulldog hat Peter Nolte schon als Kind entwickelt. Damals arbeiteten seine Eltern als Artisten für einen großen Zirkus, später machten sie sich selbstständig. „Zu der Zeit wurden als Zugwagen auch Lanz-Traktoren eingesetzt“, erläutert der rüstige 63-Jährige, „besonders gut hat mir das Motorengeräusch gefallen.“

Damals Standard: Winker statt Blinker.

So entstand auch der Wunsch, die alten Maschinen zu bewahren und sich für deren Erhalt starkzumachen. Um das zu erreichen, rief Nolte Mitte der siebziger Jahre eine Interessengemeinschaft ins Leben. 1979 war er einer der Mitbegründer und Vorsitzender des späteren Lanz-Bulldog-Clubs Holstein. „Wir haben Treffen organisiert und bei der Suche nach Ersatzteilen geholfen.“

Inzwischen hat sich das Urgestein der deutschen Schlepperszene aber aus der ersten Reihe zurückgezogen. Ein Grund dafür ist die Kommerzialisierung. „Es sind zu viele Selbstdarsteller dabei, und es ist zu viel Geld im Spiel. Als wir angefangen haben, ging es nur um die Technik.“

Nolte besitzt mehrere Bulldogs in verschiedenen Ausführungen. Einen Eil-Bulldog mit 55 PS, einen Verkehrs-Bulldog mit 35 PS und einen Lanz mit Führerhaus mit 25 PS (alle Baujahr 1949). Sein ganz besonderer Stolz aber ist der HR6 Schwerzugschlepper Baujahr 1933. „Das ist eine echte Rarität. Von denen sind heute nur noch 13 bekannt“, erläutert er mit leuchtenden Augen. Erworben hat Nolte den seltenen und teuren Schlepper von einem ehemaligen Schausteller. Dort hatte der HR6 lange Jahre treue Dienste geleistet und einen Liliput-Zirkus gezogen.

Trotz des langen Arbeitslebens sind fast alle Teile des zwischen 1929 und 1935 hergestellten Modells noch original, nach einer Erneuerung der Kolbenräder lief der Traktor sofort. „Das war wie ein Jackpot.“ Jetzt soll der Lanz wieder straußentauglich gemacht werden, denn: „Diese Traktoren sind nicht dazu gemacht, nur in der Garage zu stehen.“

Dass Nolte nicht nur mit schweren Traktor-Teilen umgehen kann, beweist er in seinem Beruf als Restaurator von mechanischen Jahrmarktsorgeln. Dieser Berufsstand ist in Deutschland fast ausgestorben. Bundesweit kennt Nolte lediglich zwei weitere Kollegen. Bis Ende der 1920er Jahre spielten die kunstvoll beschnitzten Instrumente vor allem auf der Kirmes oder in Varietés. Dort konnten sie – obwohl oftmals nur so groß wie ein Schrank – ein ganzes Orchester imitieren. Als der Schallplattenspieler eingeführt wurde, benötigte man die Instrumente nicht mehr, viele landeten auf dem Müll. Erst mit Beginn der Nostalgiewelle Mitte der 1960er Jahre setzte eine Rückbesinnung ein. Heute haben Sammler den Preis in teilweise astronomische Höhen getrieben. Auch Peter Nolte restauriert nur noch selten für Schausteller: „Meine Auftraggeber sind zu 80 Prozent Liebhaber.“

Besonders stolz ist der 63-Jährige deshalb auf die Generalüberholung einer Schausteller-Orgel aus dem heimischen Raum. Rund 2200 Arbeitsstunden dauerte die Instandsetzung des Instruments der Firma Gebrüder-Bruder Waldkirch (Baujahr 1927), der gesamte Aufbau musste dabei auf Herz und Nieren untersucht und in Einzelteile zerlegt werden. „Nur so kann man sehen, ob Teile abgängig sind.“ Nach etwa eineinhalb Jahren war es schließlich geschafft. In einem letzten Schritt wurde das Instrument mit einer Faltkartonnote (einem Lochkartenprogramm, das die Musik enthält) auf einwandfreies Funktionieren überprüft. Nolte: „Besonders habe ich mich darüber gefreut, dass auch der alte Orgelwagen erhalten war. Das ist leider nicht mehr oft der Fall.“

Kompromisse bei der Restaurierung geht Nolte – vor allem, wenn er derartige Schmuckstücke überarbeitet – nicht ein. Oft leistet er sogar mehr, als er nachher bezahlt bekommt. „Wenn man seinen Beruf liebt, ist es zu einem Teil auch immer ein bisschen Selbstausbeutung. Häufig ist mehr zu machen, als man vorher sieht, und ich möchte immer, dass es gut wird.“




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