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Thomas Bleicher vom Kampfmittelbeseitigungsdienst zeigt Gefahren auf

Leben mit der Bombe

Bückeburg. Keine Arbeit wie jede andere: Einen Einblick in die Aufgaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) hat der jüngste Vortrag der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik gegeben. Dezernatsleiter Thomas Bleicher referierte zum Thema „Gefährliche Relikte – Verborgene Gefahren“ und warnte vor einer weiteren Personalreduzierung. Nach Aussagen des Experten wird die Beseitigung von Fliegerbomben oder Weltkriegsmunition noch viele Jahrzehnte dauern.

veröffentlicht am 28.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 04:41 Uhr

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Hannover im letzten Jahr: Der KBD soll eine 227 Kilogramm schwere Fliegerbombe vor dem Hauptzollamt Hannover beseitigen. Weil der Zünder nicht erreichbar ist, beschließen die Sprengmeister die Sprengung. Eine „Ausblas“-Öffnung soll die Explosivkraft in die richtige Richtung lenken. Nach zwölf Stunden Arbeit gibt es einen gewaltigen Rumms. Die Sprengung ist erfolgt. Schäden an Häusern gibt es kaum. Es war ein guter Tag für den im Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen angesiedelten Kampfmittelbeseitigungsdienst. Zufrieden ist Thomas Bleicher trotzdem nicht. Er habe seinen Männer gesagt, dass es so nicht geht und sie in Zukunft keine zwölf Stunden mehr über einer Bombe arbeiten werden. Man könne zwar ein gewisses Risiko eingehen, um Schäden vom Vermögen von Bürgern abzuwenden. „Im Augenblick gehen wir aber davon weg, die Männer so lange an der Gefahrenquelle arbeiten zu lassen.“

Die Sprengung vor dem Hauptzollamt ist symptomatisch für die Arbeit von Thomas Bleicher bei der Regionaldirektion Hannover. Ständig muss er den Einsatz durchspielen und schauen „ob das Risiko für meine Leute noch kalkulierbar ist“. Er sage ihnen immer, „dass ich hinter ihnen, nicht vor ihnen stehe“, meint er augenzwinkernd. „Das wäre sonst zu gefährlich.“ Während eines Einsatzes sollen sich seine Leute ganz auf die Entschärfung konzentrieren und das Handy ausschalten. „Um das Drumherum mit Presse, Feuerwehr, Polizei und Bürgermeister kümmere ich mich“, sagt Bleicher.

Wie gefährlich die Arbeit beim KBD tatsächlich ist, zeigt ein Unfall, bei dem in Göttingen drei Sprengmeister getötet wurden. Die Explosion sei in der Evakuierungsphase geschehen. Die Kollegen, so Bleicher, hätten nur ins Loch geschaut. Warum die Bombe trotzdem explodiert ist? Entweder weil sie in ihrer Ruhe gestört wurde (es gab vorher Erdarbeiten) oder weil es einfach der Zeitpunkt dafür war (es war ein sogenannter Langzeitzünder). „Um das zu verhindern, muss man sich eigentlich sputen mit der Bergung.“

Den Kampfmittelbeseitigungsdienst gibt es seit dem März 1948. Zuvor hätten die Alliierten riesige Sprengplätze eingerichtet und dabei viel Unfug getrieben. „Es wurde alles aufgestapelt und leider nicht gesprengt, sondern versprengt“, lässt Bleicher wissen. Der Rest sei dann nach Helgoland gefahren und in einem Versenkungsgebiet abgeworfen worden.

Deutlich kritisch äußert sich Bleicher zu der föderalen Organisation des KBD, in der jedes Bundesland „sein eigenes Süppchen kocht“ und eigene Vorschriften hat. „Mit dem Aufbau einer Auswertung der alliierten Luftbilder kam die Idee: Wir stellen jetzt viele Leute ein und dann sind wir irgendwann durch.“ In Niedersachsen arbeiten 38 Personen für den KBD, „es waren mal 54“. Man habe gehofft, in 20 Jahren kampfmittelfrei zu sein. Inzwischen verliere er jedes Jahr einen Beschäftigten und bekomme keinen dazu, meint Bleicher angesäuert. Man habe nicht bedacht, dass man in 50 Jahren immer noch Kampfmittel finden wird und diese auch beseitigen muss.

Aktuell, so Bleicher weiter, sei der KBD ein reiner Entsorgungsbetrieb. Ein sehr effektives Landes-Sonderprogramm zur systematischen Auswertung von bestehenden Baugebieten sei „leider“ eingestellt worden. Und was tut man, wenn man eine Bombe im Vorgarten findet? Dann darf die Munition auf keinen Fall im Kofferraum zur Beseitigung transportiert werden. Stattdessen muss sofort die nächste Gefahrenabwehrbehörde angerufen werden. „Wichtig ist, dass die Munition nicht in falsche Hände gerät“, warnt Bleicher. Es sei erschreckend, was sich alles auf Wertstoffhöfen anfinde.

Ein weiteres Problem sieht der Experte im schlechter werdenden Zustand der Munition und der Gefahr einer Selbstdetonation. „Wir leben in einem ehemaligen Kriegsgebiet und haben ein Restrisiko zu tragen“. Bombenabwürfe hat es laut Bleicher vor allem über strategischen Zielen, wie Großstädten, Industrieanlagen, Eisenbahnknotenpunkten oder Feldflughäfen gegeben. Wer sein Grundstück daraufhin überprüfen möchte, kann beim KBD eine kostenpflichtige Auswertung alliierter Luftbilder anfordern. Diese habe allerdings ihre Grenzen, sagt Bleicher. „Wir können nur sagen, ob es einen Luftangriff gegeben hat, nicht, ob dort ein Soldat seine Handgranate verloren hat.“




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