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Vor 160 Jahren: Mörder Friedrich Tebbe aus Kleinenbremen wird hingerichtet

Letzte Amtshandlung des Scharfrichters

KLEINENBREMEN. Spektakuläre Verbrechen und Mordprozesse haben seit jeher die Menschen in Atem gehalten. So auch vor exakt 160 Jahren, als einer der aufsehenerregendsten Fälle der hiesigen Kriminalgeschichte die Gemüter erregte. Am Ende trat der Scharfrichter in Aktion. Unter seinem Beil starb am 9. Januar 1858 Friedrich Tebbe aus Kleinenbremen.

veröffentlicht am 10.07.2018 um 10:49 Uhr
aktualisiert am 10.07.2018 um 15:50 Uhr

Auf diesem Richtblock und mit diesem Beil wurde am 9. Januar 1858 der Kleinenbremer Friedrich Tebbe enthauptet. Es war die letzte Amtshandlung eines Scharfrichters im hiesigen Raum. In die an der Vorderfront sichtbare Eisenkrampe konnte ein Blutkaste

Autor

Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Der damals 33-Jährige war knapp ein Jahr zuvor wegen Mordes zum Tode verurteilt worden. Prozess und Hinrichtung fanden in Herford statt – damals Sitz des für Kapitalverbrechen im preußischen Regierungsbezirk Minden zuständigen Schwurgerichts.

Das Verbrechen, das Tebbe zur Last gelegt wurde, hatte sich in der Nacht zum Pfingstsonntag des Jahres 1856 auf dem Kleinenbremer Spiershof (Nr. 37) zugetragen. Das Anwesen liegt nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt mitten im Dorf. Dort wurde am Morgen des 11. Mai der 32-jährige Johann Heinrich Spier ermordet aufgefunden. Spier war von seinem verstorbenen Vater zum Hoferben bestimmt worden. Der Besitzanspruch sollte laut Testament am 12. Mai, also einen Tag nach seinem gewaltsamen Tod, wirksam werden.

Die Nachricht von dem Verbrechen verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Kleinenbremen und darüber hinaus. „Am frühen Pfingstmorgen, als man diese Gräueltat erfuhr, ging ein Schreien des Entsetzens durchs Dorf, ja durch die ganze Gegend“, beschrieb der damalige Gemeindepastor Johann Christian Carl Gößling die ungeheure Erregung und Anteilnahme der Bevölkerung.

Für Gößling und die meisten anderen stand vom ersten Augenblick an fest, wer der Mörder war. „Jedermanns Verdacht fiel sogleich auf Friedrich Tebbe“, notierte der Geistliche. Die Einschätzung schien allzu berechtigt. Tebbe war als jähzornig und gewalttätig bekannt. Abends trieb er sich oft beim Kartenspiel im Wirtshaus herum. Dazu kam sein wenig Vertrauen erweckendes Äußeres. „Ein Mann von mittlerer Größe, kräftigem Körperbau und einem widerwärtigen Gesicht, in welches die Sünde ihre Spuren tief eingegraben hatte“, schilderte das Herforder Kreisblatt in seiner Prozessberichterstattung das Erscheinungsbild des Angeklagten. Auch das Motiv lag sozusagen „auf der Hand“. Etwa sieben Jahre vor der Tat hatte Tebbe auf dem Spiershof, auf dem er schon seit seiner Schulzeit als Knecht gearbeitet hatte, eingeheiratet. Die Spiersbäuerin war kurz zuvor Witwe geworden. Den Gerüchten zufolge hatte sie schon vor dem Tod ihres Mannes ein Verhältnis mit dem 30 Jahre jüngeren, aus dem Nachbardorf Wülpke stammenden Burschen gehabt. Vergebens hatten Nachbarn und Verwandte versucht, der Frau die Ehe mit dem übel beleumdeten Liebhaber auszureden.

Die Befürchtungen bewahrheiteten sich schnell. Zank, Streit und Schläge waren an der Tagesordnung. Unter dem neuen Hausherrn und Stiefvater hatten vor allem die drei Kinder aus der ersten Ehe zu leiden. Hauptreizthema waren die Nutzungs- und Eigentumsverhältnisse. Nach einem Erbschaftsvertrag sollte der älteste Sohn des verstorbenen Spiersbauern, Johann Heinrich, das Anwesen an seinem 33. Geburtstag übernehmen. Der Stichtag stand Pfingsten 1856 an. Am 12. Mai (Pfingstmontag) wäre Spier 33 geworden.

Mit der Aussicht, die Verfügungsgewalt über Haus und Hof zu verlieren, konnte sich Tebbe nach Aussage der Nachbarn nicht abfinden. Immer wieder stieß er, wenn die Rede darauf kam, wüste Drohungen aus. Seinen Zechkumpanen gegenüber deutete er an, dass er genau wisse, „wie man so etwas regelt“.

Was sich in der Tatnacht genau abspielte, konnte nie restlos aufgeklärt werden. Tebbe bestritt bis zuletzt, den Mord begangen zu haben. Da eindeutige Beweismittel fehlten, kam es knapp ein Jahr später zum Indizienprozess. Pfarrer Gößling hat die gespenstische Szene der Urteilsverkündung danach in der Kleinenbremer Gemeindechronik aufgezeichnet: „Der Vorsitzende der Geschworenen trat mit dem Urteil in der Hand hervor und las unter der größten Erwartung der Zuschauer: Der Colon Tebbe ist mit großer Mehrheit der Stimmen zum Tode verurteilt. Bei diesen Worten empfand sicherlich jeder tiefe Erschütterung; ein leises Gemurmel ging durch die Versammlung: Das hätten wir nicht gedacht! Der Mörder saß da wie eine Bildsäule auf der Anklagebank, ließ den Kopf hängen, es kam keine Träne in seine Augen, kein Zucken über seine Lippen. Als der Gerichts-Präsident ihn fragte, ,Haben Sie hierüber etwas zu sagen?‘, so antwortete er ,Nein‘.“ Das Urteil wurde am 9. Januar 1858 um 8 Uhr im Innenhof des Zuchthauses vollstreckt. Die Hinrichtung erfolgte, wie seit 1811 in Preußen üblich, durch Enthaupten. Tebbe wurde mit gefesselten Händen aus seiner Zelle geführt. Der Staatsanwalt verlas nochmals das Todesurteil. Dann ging alles sehr schnell. Dem Verurteilten wurden die Augen verbunden. Die Knechte des Scharfrichters führten ihn zum Richtblock. Er musste sich hinknien und seinen Kopf in die dafür vorgesehene Einkerbung legen. Arme und Hände wurden an zwei am Block befestigten Eisenringen festgebunden. Dann hob der Scharfrichter das Beil … Kurz darauf wurden Leichnam und Kopf auf dem nahen Gefängnisfriedhof vergraben.




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