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Letzte Ruhe für Lieblinge auf vier Pfoten

Wolfgang Wieneke hält die Grabrede. Es ist zwar stets der gleiche Text, den er bei den Beisetzungen vorträgt, und trotzdem wird seine Stimme brüchig, wenn die letzten Zeilen über seine Lippen kommen. „Dann steckt mir jedesmal ein Kloß im Hals“, gibt der Bestatter zu. Nur die engsten Weggefährten haben sich vor dem kleinen Erdloch versammelt, um Abschied zu nehmen. Kein Auge bleibt trocken. Es wird geweint, mal hemmungslos schluchzend, mal um Heimlichkeit bemüht und manchmal fließt auch bei Wieneke selbst die ein oder andere Träne.

veröffentlicht am 06.07.2010 um 10:16 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 11:38 Uhr

Von Matthias Rohde

Wolfgang Wieneke hält die Grabrede. Es ist zwar stets der gleiche Text, den er bei den Beisetzungen vorträgt, und trotzdem wird seine Stimme brüchig, wenn die letzten Zeilen über seine Lippen kommen. „Dann steckt mir jedesmal ein Kloß im Hals“, gibt der Bestatter zu. Nur die engsten Weggefährten haben sich vor dem kleinen Erdloch versammelt, um Abschied zu nehmen. Kein Auge bleibt trocken. Es wird geweint, mal hemmungslos schluchzend, mal um Heimlichkeit bemüht und manchmal fließt auch bei Wieneke selbst die ein oder andere Träne. Vor allem die Erinnerungen an das geliebte Tier, das nun seinen letzten Weg angetreten hat, machen aus der Beisetzung einen hochemotionalen Moment, aber auch die Geschichte von der Regenbogenbrücke, die Wieneke als Grabrede vorliest, tut ihr Übriges.

Gegen Ende des letzten Jahres hat Barbara Hannig ihre Malteserhündin „Biggi“ einschläfern lassen. „Sie hatte unsägliche Schmerzen im Rücken, schrie bei nahezu jedem Schritt und litt so unheimlich, dass wir sie durch unseren Tierarzt von ihren Qualen erlösen ließen“, erinnert sich die Rentnerin. 14 Jahre habe Biggi zur Familie gehört, und die Vorstellung, dass ihre „Biggi“ beim Abdecker landet, sei so unerträglich gewesen, dass für Hannigs schnell klar war: „Biggi“ soll eine letzte Ruhestätte bekommen. Gefunden hat die Hündin diese Stelle nun auf dem Tierfriedhof des Bestatters Wieneke in Hagen bei Bad Pyrmont. Hier liegt sie Seite an Seite mit rund einem Dutzend anderer Hunde. „Die meisten Hundebesitzer lassen ihr Tier einäschern und nehmen die Urne dann mit nach Hause“, so Wieneke. 17 Kunden seien es seit Ende letzten Jahres gewesen, die sich für die Feuerbestattung entschieden hätten, zehn hätten sich dagegen für eine Erdbestattung entschieden. „Als ich vor sechs Jahren die ersten Anstrengungen unternommen habe, hier einen Tierfriedhof einzurichten, gab es in ganz Deutschland nur ein einziges Tierkrematorium, heute gibt es elf.“

Auch der Hamelner Tierbestatter Claus Delius hat mehrere Jahre benötigt, um den Plan, den seine Mutter vor rund sechs Jahren zum ersten Mal äußerte, in die Tat umzusetzen. Im Gegensatz zum Hagener Tierbestatter sind es aber nur die wenigsten Kunden, die ihn mit einer Feuerbestattung beauftragen. Die Kunden, die seit Öffnung des Hamelner Tierfriedhofs von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihrem Haustier eine letzte Ruhestätte zu verschaffen, fragen überwiegend nach Erdbestattungen. Dabei setzt Delius nicht so sehr auf die bekannten Bestattungsrituale, wie zum Beispiel eine Grabrede, sondern geht auf die ganz individuellen Wünsche seiner Kunden ein. „Wenn die Menschen sich hier von ihrem Haustier verabschieden, dann ist das eine ganz persönliche Angelegenheit. Jeder trauert auf seine Weise, und ich begleite die Menschen, so gut ich das kann. Grabreden halte ich aber nicht, das kann ich nicht.“

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Ein in Steiauener Abschiedsbrief ziert dieses Grab in Hagen.

Delius ist eigentlich Töpfermeister und Garten- und Landschaftsbauer, der Umgang mit der Trauer fremder Menschen ist für ihn immer wieder neu, überraschend; und manchmal wird die Liebe, die es zwischen dem verstorbenen Haustier und seinen Besitzern gegeben hat und noch gibt, ganz deutlich spürbar. „Als ein junges Paar ihren recht jung verstorbenen Kater hier bestattet hat, haben beide ganz fürchterlich geweint, und ich war erstaunt, mit welcher Transparenz diese jungen Menschen ihrer Trauer Luft gemacht haben.“

Es ist bereits am Vormittag sehr heiß an diesem Julitag. Else Gronemann hat sich Ende November von ihrem 14-jährigen Benji, einem Golden Retriever, verabschieden müssen. „Eigentlich besuchen wir unseren Benji jeden Sonntag hier auf dem Friedhof, aber jetzt sind wir jeden zweiten Tag hier. Der Blumen wegen. Die müssen ja gegossen werden“, sagt die Rentnerin. Und während sie einige verwelkte Blüten mit den Fingerspitzen von den Stängeln knipst, erzählt sie: Als Welpe sei Benji zu den Gronemanns gekommen. Sie und ihr Ehemann hätten sich immer gemeinsam um Benji gekümmert. „Erzogen hat ihn aber mein Mann“, stellt sie um ein Lächeln ringend fest. Sie haben die Rüpelphase eines jeden Rüden gemeinsam überstanden, haben mit ihm Spaziergänge gemacht und ihn auch in seinen letzten Wochen und Monaten alle Liebe gegeben, die sie hatten.

Else Gronemann hält die Tränen nicht mehr zurück, mit denen sie eine Zeit lang gekämpft hat; zu tief sitzt der Schmerz, zu frisch ist die Erinnerung, als dass sie ganz sachlich über den Verlust ihres geliebten Benji sprechen kann. Nein, die Trauerphase sei noch lange nicht vorbei, sagt sie später, und ob sie sich einen neuen Hund anschaffen will, das wisse sie noch nicht. „Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.“ Ein älterer Hund käme für sie eigentlich nicht in Frage.

Tierfriedhöfe schießen zwar nicht wie Pilze aus dem Boden, dennoch wird die Zahl derer, die auch für ihr Haustier eine angemessene Ruhestätte suchen, stetig größer. Rund 120 Tierbestatter gibt es derzeit in ganz Deutschland, rund 40 davon sind sogar in einem Bundeverband organisiert. Wienecke schätzt, dass sein knapp 3000 Quadratmeter großes Areal in Hagen für rund 1500 Liegeplätze ausreicht. Kollege Delius in Hameln hat die Wege in einer - von oben betrachtet - Blattform angelegt und rechnet auf dem knapp 5000 Quadratmeter großen Grundstück mit rund 800 Liegeplätzen. Bäume müssen beide Bestatter pflanzen und durch Zaun und Hecke dafür Sorge tragen, dass die Gräber geschützt sind. „Auf dem Gelände soll es im Eingangsbereich aber auch ein wenig Platz für Kunst und Kultur geben“, sagt Delius. Vorstellen könne er sich zum Beispiel bis zu drei Meter hohe Skulpturen von heimischen Künstlern. „Größer dürfen sie nicht sein“, verweist Delius auf die Genehmigung.

Es sind vorwiegend Hunde, die auf den beiden Tierfriedhöfen im Landkreis Hameln-Pyrmont bestattet werden, aber auch Katzen und andere Kleintiere, wie zum Beispiel das Zwergkaninchen in Hameln.

Zwar nicht verblüffend, aber gleichwohl erstaunlich ist für beide Bestatter, mit welcher Sorgfalt und Zuwendung sich einige Kunden um die Grabstellen kümmern. Wieneke: „Bei manchen merkt man ganz genau, dass das Tier praktisch wie ein Familienangehöriger empfunden wird.“ Delius sieht auf seinem Friedhof in der Nähe des Hamelner Tierheims ebenfalls, wie prächtig einige Gräber herausgeputzt werden. Und auch wenn es in Teilen der Bevölkerung Vorbehalte gibt, wenn Tierbestattungen zunehmend von religiösen Ritualen begleitet werden: Delius und Wieneke haben an dieser Stelle keine Berührungsängste. Delius meint: „Die Zuneigung und Trauer, die ich hier bei den Beisetzungen erlebe, ist authentisch, und wenn die Menschen ein gutes Gefühl dabei haben, dem verstorbenen Haustier ein Kreuz aufs Grab zu stellen, dann ist das aus meiner Sicht völlig in Ordnung.“ Barbara Hannig hat so ein Kreuz auf dem Grab ihrer Biggi in Hagen bei Bad Pyrmont platziert, und Else Gronemann hat einen einfachen Stein mit dem Namen ihres Benji auf das Grab gelegt. Wieneke: „Anfang des Jahres ist meine Hündin Dunja verstorben, und ich bin sehr froh, dass sie nun hier gemeinsam mit anderen Hunden und Tieren ihre letzte Ruhestätte gefunden hat.“

Sie sind Partner, Spiel- und Sportkamerad, manchmal auch der Ersatz für einen verlorenen Menschen. Aber für die meisten Haustierbesitzer kommt nach ein paar Jahren der Moment, an dem sie Abschied nehmen müssen. Und während früher viele Tiere nach ihrem Ableben in einer Abdeckerei landeten, nimmt die Zahl der Tierbestattungen seit einigen Jahren stetig zu.

Else Gronemann zupft einige verwelkte Blüten von den farbenprächtigen Blumen. Wegen der Hitze besucht sie ihren Benji jetzt jeden zweiten Tag, ansonsten immer Sonntags.




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