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In Hohnhorst vor den Zug geworfen

Lokführer verklagt Witwer einer Selbstmörderin

Hohnhorst/Bückeburg. Ein wohl einmaliger Fall beschäftigt demnächst die 1. Zivilkammer des Bückeburger Landgerichts: Nach einem tödlichen Unfall auf der Bahnstrecke Hannover-Minden in Hohnhorst hat ein Lokführer (55) den Witwer einer Selbstmörderin verklagt. Die lebensmüde Frau (67) aus Haste, als Folge einer Krankheit offenbar von starken Schmerzen geplagt und zudem psychisch gestört, hatte sich im März vergangenen Jahres in ihrer Verzweiflung vor den Regionalexpress geworfen. Sie war sofort tot.

veröffentlicht am 07.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

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In diesem menschlichen Drama gibt es aber noch ein zweites Opfer, das damit weiterleben muss: den Lokführer. Unfassbar, aber bereits zum dritten Mal im Laufe seines Berufslebens ist dem 55-Jährigen nun so etwas Schreckliches widerfahren. Er kommt aus Neuenkirchen im nordrhein-westfälischen Kreis Steinfurt. Durch den Unfall, so hat der Mann das Gericht im Vorfeld des Prozesses wissen lassen, habe er Depressionen, Schlafstörungen und Albträume erlitten sowie zur Rehabilitation gemusst. Außerdem ist er arbeitsunfähig geworden, war monatelang krank geschrieben. Nun verlangt der Lokführer Schmerzensgeld und Schadensersatz, zusammen mehr als 9000 Euro, wie die Pressestelle des Landgerichts weiter mitteilt. Darüber hinaus soll die Kammer feststellen, dass auch für künftige Ansprüche eine Schadensersatzpflicht des beklagten Witwers bestehe. Dieser wehrt sich mit dem Hinweis,dass seine Frau im Zustand einer krankhaften Störung der Geistestätigkeit gehandelt habe, welche eine Verantwortung der Lebensmüden ausschließe. Richter Norbert Feige hat den Parteien bereits einen Vergleichsvorschlag gemacht. Diese außergerichtliche Einigung sieht vor, dass der Witwer als Erbe einmalig 9000 Euro zahlt, womit dann sämtliche Ansprüche abgegolten wären. Ob daraus etwas wird, muss sich in der mündlichen Verhandlung zeigen, anberaumt für kommenden Montag, 11. Dezember, 9 Uhr. Pro Jahr ereignen sich in Deutschland bis zu 1000 so genannter Eisenbahn-Suizide. Dies ist das Ergebnis einer im Herbst 2003 veröffentlichten Studie der Universität zu Köln. Danach werden etwa fünf Prozent aller Lokführer jährlich mit einem derartigen Selbstmord konfrontiert. Besonders gefährdet seien vor allem dienstältere Lokführer, wie es weiter heißt. Diese würden wegen ihrer Erfahrung im Streckenverkehr eingesetzt, wo die meisten Suizide passierten. Das Risiko einer seelischen Traumatisierung steige also mit der Dienstzeit. Der 3. März 2005, ein Donnerstag. Auf dem Weg von Braunschweig nach Rheine nähert sich der Regionalexpress mit Tempo 120 Hohnhorst. Die Strecke ist an dieser Stelle für bis zu 200 Stundenkilometer zugelassen. Es ist 11.36 Uhr, die Bahn passiert einen Übergang. Da geschieht es. Als er die Frau auf den Gleisen sieht, bremst der Lokführer sofort. Zu spät, erst nach rund 700 Metern kommt der Zug zum Stehen. Auf der Bahntrasse liegt die entstellte Leiche einer Frau.




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