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Mal eben schnell ins Grüne

Am Wehl wohnen die Toten“, sagen die eingesessenen Hamelner, die sich vehement auch gern „Hamelenser“ nennen. Stimmt. Am Wehl liegen die Toten. Der größte Hamelner Friedhof „Wehl“ liegt zwar hier ganz am Rande der Stadt im Übergang zum Stadtforst. Aber es gibt auch jede Menge Leben und Lebendige in der Hamelner Nordstadt. Rund 10 000 Menschen wohnen und leben hier, die Nordstadt ist ein sehr gemischtes Wohnviertel. So unterschiedlich und verschieden die Bewohner des Stadtteils sind, so unterschiedlich sind auch deren Wohnformen.

veröffentlicht am 13.07.2010 um 12:29 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:27 Uhr

Lars Lindhorst

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Redaktionsleiter zur Autorenseite

Genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass die Weltausstellung Expo zu Gast in Hannover war. Das Wohngebiet Rotenberg-Ost ist im Rahmen der „Weltweiten Projekte“ ein Teil der Expo gewesen. Die Siedlung am nördlichen Rand der Kernstadt wird mit rund 200 Wohneinheiten als städtebauliches Vorzeigeprojekt angesehen, das sich durch Familienfreundlichkeit, zukunftsorientiertes Energiesparen und moderne Architektur auszeichnet. Bunt und bunt gemischt leben lässt’s sich aber auch im Fontane-Quartier in der Fontanestraße. Dort ist Mehrgenerationen-Wohnen möglich.

Im Gegensatz zu vielen Gebäuden in Hamelns Altstadt sind die „Altbauten“ des Nordens relativ jung, sie sind erst in der Nachkriegszeit entstanden. Ein Großteil der Häuser und Wohnungen wurde in den 50er und 60er Jahren errichtet, als viele Flüchtlinge und Vertriebene nach Hameln kamen und auch die konjunkturelle Situation in Deutschland stetig besser wurde. Es bestand großer Bedarf an Wohnungen für Familien, auf den vor allem die Wohnungsbaugenossenschaften mit dem Bau von Mehrfamilienhäusern reagierten. Zu dieser Zeit ist die Stadt Hameln ganz besonders am nördlichen Rand über die bisherigen Grenzen hinausgewachsen.

Gut 50 Jahre später haben sich aber die Ansprüche ans eigene Zuhause verändert. Längst hat die Nachfrage nach großzügig geschnittenen Mehrzimmerwohnungen, auch aufgrund der demografischen Entwicklung, abgenommen. Der Trend geht mehr und mehr zum Single-Wohnen. Die Hamelner Wohnungsbaugenossenschaften, die in der Nordstadt immer noch etliche Mehrfamilienhäuser betreuen, reagieren in der Gegenwart mit räumlichen Umstrukturierungen. Frühere Drei-Zimmer-Wohnungen werden etwa im Zuge der Sanierung zu Wohngemeinschaften umgebaut, in denen man zu relativ günstigen Mietpreisen wohnen kann. Das lockt vor allem junge Leute. Auf die veränderten Wohnansprüche der Hamelner werde auch mit ökologischer Sanierung eingegangen, sagt Heinz Brockmann von der Wohnungsgenossenschaft Hameln. In Planung ist derzeit ein Vorhaben, bei dem die Altbauten mit photovoltaischen Anlagen und einem Blockheizkraftwerk klimafreundlicher ausgerüstet werden.

„Ich bin versorgt in allen Bereichen“, sagt Rolf Hartmann. Seit 1967 lebt der Hamelner in der Nordstadt. Einkaufsmöglichkeiten, Ärzteversorgung, Verkehrsinfrastruktur - es passt zusammen. „Uns geht es richtig gut hier in der Nordstadt“, lautet Hartmanns knappes, aber deutliches Urteil. Doch nicht immer läuft alles problemlos. Hundekot, Müll, achtlos weggeworfene Dosen und Flaschen - natürlich gibt es auch Sorgen, die die Menschen im Hamelner Norden bewegen. Illegales Müllabladen etwa gehört dazu. Plätze, an denen Container für Flaschen und alte Kleider stehen, werden oftmals für die Entsorgung von Sperrmüll zweckentfremdet.

Wolfgang Barnett wohnt an der Knabenburg direkt am Waldrand. Die Wohngegend, ebenso die Wohnqualität, beurteilt er als hervorragend. Allerdings habe sich im vergangenen Jahr der Platz an „Schlägers Teich“ zu einem Treffpunkt von lautstarken Jugendlichen entwickelt, die sich oft bis in die frühen Morgenstunden dort aufhielten. Ordnungsamt und Polizei hätten trotz vieler Beschwerden bislang nichts unternommen. Ein Ärgernis - und dabei gibt es mit dem Jugendtreff „Blue Five“ doch auch in Hamelns Norden eine Alternative. „Vieles spielt sich eben draußen ab“, sagt auch Naujokat, der in der Dr.-Winter-Straße wohnt. „Manchmal falle ich von dem Gegröle fast aus dem Bett“, sagt er. Feiern sollen die Menschen ja, meint Naujokat, gleichwohl wünscht er sich für die Zukunft offene Gespräche mit Nachbarn und auch mit benachbarten Geschäftsleuten, um das Lärmproblem in Zukunft besser zu lösen.

Als Hauptverkehrsader trennt der Reimerdeskamp die Nordstadt in der Mitte. Hier sei in Zukunft eine bessere Verkehrsplanung erforderlich, sagen viele Anwohner. Das neue Radwege-Konzept sei zwar gut. Aber immer noch fließe zu viel Verkehr mitten durch die Nordstadt. Insbesondere der Schwerlastverkehr sorge für Gefahren an einer viel befahrenen Straße, an der es „zu wenig Überquerungsmöglichkeiten“ gibt. Mit grünen Hecken und blumigen Beeten statt verwahrloster Begrünung, in der das Unkraut hochsteht, könnte die Hauptverkehrsstraße zu einer „freundlichen Einflugschneise“ werden. Hier sei die Stadtverwaltung gefordert, an einem freundlicheren Bild zu arbeiten, sagen die einen. Die anderen betonen, doch selbst etwas für einen hübscheren Stadtteil tun zu können. „Wer es schöner haben möchte, kann doch einfach selbst ein paar Blumen pflanzen“, meinteine Anwohnerin. Ja, warum eigentlich nicht?

Apropos Begrünung: Nichts geht in der Nordstadt leichter als sich auf kurzem Wege zu erholen. Das Grüne ist ganz nah. Fast alle Wege führen dorthin – zum Wandern in den benachbarten Wäldern, für kurze Spaziergänge und im Winter sogar zum Schlittenfahren. Die Waldgaststätten am alten Forsthaus Wehl oder Schliekers Brunnen bieten nicht nur bei sommerlichen Temperaturen beliebte Schattenplätze, sondern übrigens auch leckeren hausgebackenen Kuchen. Die Nordstadt ist eine „Schlaf- und Wohnstadt“, meint Annette Hergaden. Das berufliche und auch das kulturelle Leben Hamelns spiele sich in der Innenstadt ab. Umso besser, sagt sie, dass man in Hamelns Norden auf eine „gute Nachbarschaft aufbauen“ könne. Zentrale Treffpunkte für Nordstadtbewohner seien nicht vorhanden. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Hamelner die Integration der in der Nordstadt stationierten Mitglieder der britischen Armee eher als schwierig einstufen. Man grüße sich. Mehr sei nicht und könne auch nicht - dafür sei der Fluktuation der Soldaten einfach zu hoch.

Durch zwei große Sportklubs sind viele Menschen in Vereinsaktivitäten eingebunden. Von Ball- über Wettbewerbs- bis hin zu Gesundheitssport ist beim VfL Hameln und bei der SG Hameln 74, beide sind in der Nordstadt beheimatet, eine große Vielfalt sportlicher Bewegungsangebote vorhanden. Dazu gibt es eine Ökumene, die die Menschen in der Nordstadt verbindet, erzählt Annette Hergaden. Die evangelische Martin-Luther-Gemeinde, die katholische St.-Elisabeth-Gemeinde und die freikirchlichen Baptisten bieten gemeinsame Angebote in der Nordstadt, die von vielen Menschen wahrgenommen würden. Gelegentliche große Veranstaltungen für alle Nordstadtbewohner, eventuell auch ein „Nordstadttreff“, so die Meinung einiger Anwohner, könnten ein gutes nachbarschaftliches Miteinander fördern.

Wohnqualität, Nahversorgung, Vereinsleben und Freizeitmöglichkeiten vor Ort: Die Nordstadt hat ihren Bewohnern viel zu bieten. Aber es gibt auch einige Kritikpunkte. Im dritten Teil der Dewezet-Stadtteilserie erhalten Sie Einblicke in die „Schlaf- und Wohnstadt“im Hamelner Norden.

Autor:

Lars Lindhorst Telefon 05151/200436

E-Mail:

l.lindhorst@ dewezet.de




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