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Trauerfeier für US-Amerikaner aus Illinois in deutscher Sprache / Vorfahren kamen aus Ottensen

Martin Biesterfeld stirbt am letzten Kriegstag

OTTENSEN. Morgen vor genau einhundert Jahren, am 11. November 1918, endete für das Deutsche Reich der Erste Weltkrieg. Und zwar mit einem Waffenstillstandsabkommen im Wald von Compiègne bei Paris. Deutschland hatte seit 1914 mit seinen Verbündeten unter anderem gegen Frankreich, Großbritannien, Russland und seit 1917 auch gegen die USA gekämpft. Der Schaumburger Historiker Dr. Stephan Walter widmet sich in einem Gastbeitrag für unsere Zeitung dem denkwürdigen
Ereignis. Darin erinnert er an das Schicksal eines amerikanischen Soldaten, dessen Familie ursprünglich aus Ottensen stammte und der ausgerechnet am letzten Kriegstag getötet wurde.

veröffentlicht am 09.11.2018 um 16:04 Uhr

Martin Biesterfeld

Autor:

Stephan Walter
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OTTENSEN. Crete, auf Deutsch Kreta, lautet der Name einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat Illinois, etwa 40 Kilometer südöstlich von Chicago. Sie wurde 1849 gegründet und kurz darauf für zahlreiche Auswanderer aus dem Schaumburger Land zur neuen Heimat. Sie prägten die Gemeinde. Es wurde Schaumburger Platt gesprochen, die Gottesdienste wurden auf Deutsch gehalten, und die Menschen der kleinen Ortschaft hießen unter anderem Hattendorf, Piepenbrink, Harmening oder Steege.

Auch der junge Martin Biesterfeld stammte aus einer Schaumburger Familie. Großvater Heinrich war aus Ottensen, Haus Nr. 16. Seine Frau Charlotte, geborene Gümmer, kam aus Beckedorf (Haus Nr. 9). Vater Conrad war noch 1863 in Ottensen geboren worden, bevor er mit seinen Eltern nach Amerika ging. Dort heiratete er – damals selbstverständlich – eine Deutsche. Ehefrau Line war eine geborene Paape. Ihr Sohn Martin wurde 1896 in Crete geboren und wuchs zweisprachig auf. Er arbeitete auf der Farm seines älteren Bruders Wilhelm. Ein anderer Bruder war 1916 bei einem Eisenbahnunglück getötet worden.

1917 traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein. Auch Martin Biesterfeld wurde eingezogen und diente ab Juni 1918 in der US-Army in Frankreich, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Er nahm an der Maas-Argonnen-Offensive bei Verdun teil, die im September begonnen hatte. Die Deutschen konnten den frischen Kräften aus Amerika nichts mehr entgegensetzen und ersuchten um einen Waffenstillstand, der am 11. November in Kraft trat.

Es war dieser letzte Tag der Offensive und des Krieges, an dem der 22-jährige Martin Biesterfeld sein Leben verlor. Sein Freund Adolph Rinne, auch aus Crete, musste mit ansehen, wie Martin starb. Er war der einzige Soldat seines Heimatortes, der im Ersten Weltkrieg fiel. Am 3. Januar 1919 schrieb eine lokale Zeitung: „Es ist unvermeidlich, dass bis zur letzten Minute eines Krieges Menschen getötet werden. Aber es scheint, dass die Trauer unter solchen Umständen noch ergreifender ist, als wenn eine Schlacht auf die andere folgt und die Opferlisten mit jedem Tag immer länger werden.“

Der Leichnam von Martin Biesterfeld wurde im September 1921 in die USA überführt. In der Kirche seines Heimatortes fand eine militärische Trauerfeier statt. Der Pastor hielt die Trauerrede auf Deutsch und auf Englisch. Der Kirchenchor sang deutsche Lieder. An der Beisetzung nahmen mehr als 1000 Menschen teil. Als sich der Waffenstillstand zum dritten Mal jährte, wurden zu Ehren von Martin Biesterfeld in einer besonderen Zeremonie ein Erinnerungsstein mit einer Bronzeplakette gesetzt und ein norwegischer Ahorn-Baum gepflanzt.




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