weather-image
23°

Hubertus Heil im Stau

Ministerbesuch ohne Minister

BÜCKEBURG. Improvisationstalent war Freitagnachmittag bei der Firma Ahrens an der Kreuzbreite gefragt: Gespannt warteten in der großen Halle des Fotovoltaikspezialisten knapp 100 Gäste aus Handwerk, Wirtschaft und Politik auf Bundesarbeits- und Sozialminister Hubertus Heil (SPD), doch der entschuldigte sich kurzfristig telefonisch – Stau auf der Autobahn zwischen Berlin und Schaumburg.

veröffentlicht am 14.06.2019 um 18:36 Uhr

Was nun? Nach der Absage Heils beraten Marja-Liisa Völlers, Dieter Ahrens und Fritz Pape (Kreishandwerkerschaft). Foto: kk
4298_1_orggross_k-klaus

Autor

Karsten Klaus Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

So mussten die heimische Bundestagsabgeordnete Marja-Liisa Völlers (SPD) und Kreishandwerksmeister Dieter Ahrens, die eingeladen hatten, ein Alternativprogramm aus dem Hut zaubern. Im Mittelpunkt stand nun der Informationsaustausch mit Fachleuten aus der Arbeitsverwaltung. Außerdem bekam Völlers eine lange Liste mit „Hausaufgaben“ mit auf den Heimweg. Ahrens hatte aufgelistet, wo die Handwerker der Schuh drückt. Die Abgeordnete versprach, diese Fragen an Heil weiterzuleiten – und umgehend Antworten zu liefern.

Zunächst hatte Ahrens aber Positives zu berichten. Dem Handwerk geht es gut, die Auftragsbücher sind voll. Sein Betrieb sei beispielsweise Marktführer in Sachen Fotovoltaik in der Region, müsse viele Kunden aber zeitlich vertrösten, da Kapazitäten fehlten. Insgesamt seien im Schaumburger Land im vergangenen Jahr Anlagen mit einer Leistung von 4,3 Megawatt installiert worden. Zu wenig allerdings, um die ehrgeizigen Ziele des Masterplans Klimaschutz des Landkreises auch nur annähernd zu erfüllen. Danach sollen 2050 95 Prozent der nutzbaren Dachflächen mit Fotovoltaikanlagen bestückt sein, derzeit sind es gerade mal drei bis vier Prozent. Ahrens hält die Zielvorgabe für nicht erreichbar. 75 Megawatt müssten jährlich dazukommen – illusorisch.

Und hier setzte der Kreishandwerksmeister einen Kritikpunkt an: „Verlässlichkeit der Politik ist nicht gegeben.“ Gerade in Sachen Klimaschutz werde zu wenig dafür getan, die eigenen Zielvorgaben auch umzusetzen.

Gerne würde das Handwerk ja mehr leisten, doch viele Betriebe seien bereits mit fachfremden Arbeiten überlastet: Die Bürokratie sei inzwischen zum „Alltagswahnsinn“ geworden.

Trotz steigender Ausbildungszahlen im Landkreis hätten die Firmen immer größere Probleme „ausbildungsfähige“ Bewerber zu finden. Nicht nur an Grundfähigkeiten wie Rechnen oder Schreiben mangele es, auch die soziale Kompetenz lasse immer häufiger zu wünschen übrig. Einige Handwerksmeister berichteten auch vom laxen Umfang mancher Lehrlinge mit Krankschreibungen und Arbeitszeiten. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und massiver Abwerbungsversuche aus der Industrie schlechte Zukunftsperspektiven.

Völlers sprach sich dafür aus, die berufliche Bildung attraktiver zu machen und gerade Abiturienten für Handwerksberufe zu begeistern. Sie warnte aber auch davor, immer nur problematische Fälle aufzuführen: „Wir müssen auch über Leute reden, die ihre Arbeit gut machen“.

Auf Ahrens Wunsch- und Mängelliste, die er eigentlich dem Minister präsentieren wollte, stehen aber auch ganz praktische Forderungen wie ein Azubi-Ticket für öffentliche Verkehrsmittel. Die Wege zu den Ausbildungsstätten würden immer länger – und teurer. Der Kreishandwerksmeister forderte mehr Unterstützung für Existenzgründer. Ein Dorn im Auge sind den heimischen Handwerkern Arbeitskolonnen aus Osteuropa, die massiv Arbeitsschutzauflagen missachteten, während ortsansässige Firmen häufig mit kleinlichen Auflagen drangsaliert würden.

Mit vielen Informationen zu neuen Förderungsmöglichen in Sachen beruflicher Qualifikation sprangen spontan Gerhard Durchstecher (Agentur für Arbeit Hameln) und Bernd Dittmer (Jobcenter Schaumburg) ein. Über ihre Beiträge werden wir noch gesondert berichten.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare